Kolbermoor – Ein altes Wählscheibentelefon, ein 100 Jahre alter Dampfkochtopf, eine mechanische Küchenwaage, die auch als Babywaage dienen konnte, eine Schiefertafel und ein mechanischer Handbohrer – die Gegenstände, die beim letzten Erzählcafé präsentiert wurden, hätten ausgereicht, um den Abend zu einer amüsanten „Wisst ihr noch?“-Veranstaltung zu machen.
Der Abend, eine gemeinsame Veranstaltung von Stadtbücherei, Stadtmarketing und der Volkshochschule, war mit „Gab es ein Leben vor der Mikrowelle?“ launig überschrieben.
Leben ist einfacher, aber stressiger
Doch die Diskussion der gut 20 Gäste beschränkte sich nicht nur auf heitere Anekdoten, sondern nahm auch ernstere Züge an. Sie wandte sich der Überlegung zu, wie grundlegend und vor allem wie schnell die technische Entwicklung unser Alltagsleben verändert. Dabei war die Gesprächsrunde nicht nostalgisch gestimmt; es gab kein einfaches „Früher war alles besser“. Die Sicht der Gäste war differenzierter. Technik, insbesondere Computertechnik, da waren sich alle einig, macht unser heutiges Leben erst möglich. Ulrike Sinzinger, die Leiterin der Volkshochschule, sagte, dass es früher, mit Schreibmaschine und Matrizenabzügen, ohne Computer, Excel-Programme und E-Mails, nie möglich gewesen wäre, mit nur drei Arbeitskräften gut 200 Veranstaltungen pro Semester zu organisieren.
Diejenigen, die die einstigen wöchentlichen Waschtage als Kind noch miterlebt hatten, erinnerten sich mit Schaudern daran, welch schreckliche Plage Wäschewaschen ohne Waschmaschine und Trockner war. Dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt, auch da waren sich die Besucher einig. Die Technik, so meinte man, entkopple den Menschen in gewissem Sinn immer weiter vom „wahren Leben“.
Einige Teilnehmer erinnerten sich noch gut daran, wie früher jeden Herbst zu Hause auf Teufel komm raus eingeweckt wurde, um im darauffolgenden Winter noch „frische“ Früchte zu haben. Die Arbeit war enorm, und nicht jedes Kind war begeistert, wenn es im Winter allsonntäglich als Nachspeise Holunder-Zwetschgenkompott gab. Aber, so die Gäste, man war näher an den Jahreszeiten, es gab harte Arbeitsspitzen, aber auch Zeiten, in denen man von den Früchten der Arbeit zehren konnte. Heute sei vieles nivelliert, gleichgemacht, aber dafür mit durchgehendem Stress versehen. Entkoppelt sei man auch zunehmend vom Wert der Arbeit und wisse die Annehmlichkeiten des heutigen Technikstandes nicht mehr richtig zu schätzen. Welche Vorteile etwa Smartphones bieten, könne nur der richtig erfassen, der einst lange vor einer Telefonzelle stand, nur um von den nächsten Wartenden zur Eile gedrängt zu werden.
Ähnlich sei es mit den Suchmaschinen: Heute sei es selbstverständlich, dass Wissen überall und zu jedem Augenblick abgefragt werden kann. Welcher Luxus darin stecke, aber auch wie problematisch das Verlassen auf diese Möglichkeit sei, werde erst dann klar, wenn es größere Probleme mit den dafür nötigen „Server-Plantagen“ gäbe.
Dem Nutzer bleibt die Entscheidungsfreiheit
Christian Poitsch, Leiter des Stadtmarketings, wies darauf hin, dass der gigantische Stromverbrauch dieser Anlagen oft übersehen werde. Zuhause versuche man, unnützen Stromverbrauch zu verhindern, ohne sich bewusst zu machen, dass man mit etwas Handy- und Internetdisziplin unterm Strich viel mehr erreichen könne. Die positive Seite dieser Medaille: Es sei nicht so, dass man der Technik und ihrer Entwicklung in allen Lebensbereichen gänzlich ausgeliefert sei. Es gäbe immer noch genügend Felder, in denen man Entscheidungsfreiheit habe, sei es nur bei der Frage, ob wirklich alle E-Mails beziehungsweise deren sofortige Beantwortung notwendig seien.
Stefan Reischl, Leiter des Heimatmuseums, brachte diese Überlegung auf den Punkt: „Man muss schließlich nicht jeden Schmarrn mitmachen.“