Kolbermoor – Kriegswinter 1944: Heidi Wöhl Kolbermoor war gerade mal zwei Jahre alt. In den Ausführungen ihrer geliebten Mutter Lina Krstic (1918-2005) hat sie viel darüber gehört und nachgelesen. Denn diese hat eine Biografie hinterlassen, in der sie unter anderem diese Zeit schildert. Damals wohnte die aus dem Fischerhäusl in Bergham bei Bruckmühl stammende Karolina Stadler, so ihr einstiger Name, mit ihrer Familie in der Aiblinger Au.
Der Bunker befand
sich am Kellerberg
Über die Zeit 1944 schreibt sie: „Jeden Tag und fast jede Nacht Fliegeralarm. Wir hatten inzwischen einen Bunker gebaut am Kellerberg. 80 Zentner Zement stecken in seinen dicken Wänden. Geschirr und Wäsche haben wir drunten verwahrt, und Lebensmittel für den Ernstfall. So hatten wir bei Fliegeralarm eine sichere Zuflucht und manche Nacht hörten wir den grauenhaften Lärm der Feindflugzeuge, wenn sie München anflogen, hörten die Bomben krachen und dann sahen wir den hellen Feuerschein wie München brannte. Uns erbarmten so die armen Menschen, die eben ihr Leben oder ihre gesamte Habe verloren.“
„Eine lähmende
Zeit der Angst“
Lina Krstic lebte mit ihrer Mutter, ihren Kindern Heinz und Heidi sowie der Familie ihrer älteren Schwester Fanni in dem Anwesen an der Staatsstraße in der Aiblinger Au. Der Vater von Heidi war im Krieg. Von ihm wusste sie, dass er zu der Zeit in der Normandie eingesetzt war, als die Alliierten im Sommer in Frankreich gelandet und viele Soldaten gefallen waren. Das Weihnachtsfest nahte, und sie hatte keine Nachricht – auch nicht von ihren beiden Brüdern Lenz und Sepp. „Es war eine lähmende Zeit der Angst und Ungewissheit. Der ganze Krieg bestand ja immerzu nur aus Warten.“ Der fünfte Kriegswinter kam und „als hätte sich alles gegen uns verschworen, jeder Winter war kälter und länger als in der Friedenszeit und Schnee ohne Ende bis April“. Lina Krstic arbeitete im Fliegerhorst in Mietraching – ihre Steno- und Schreibmaschinenkenntnisse hatten ihr zu einer Arbeit im Funkdienst in der Wetterwarte verholfen. Oft brach sie schon 3.30 Uhr zuhause auf, denn um 5 Uhr begannen die ersten Funksender und sie musste am Funkgerät sein.
„Meist war wieder neuer Schnee gefallen die Nacht, kein Schneepflug, kein Auto hatte eine Spur gemacht zu so früher Stunde. Buchstäblich kämpfen musste ich um den Weg, das Radl oft mehr getragen als geschoben. Wie erschöpft und manchmal auch halb erfroren kam ich am Flugplatz an. Man hatte auch nicht die warme Kleidung oder gar lange Hosen in dieser Zeit“, schildert sie in ihren Aufzeichnungen.
„Einmal erinnere ich mich, war über Nacht so viel Schnee gefallen, die Kurven der alten Straße nach Mietraching waren so zugeweht, ohne jede Spur, ich fand keinen Weg mehr. Das Fahrrad am Buckl keuchte ich voran, der Gedanke ich muss um 5 Uhr am Funkgerät sein, verlieh mir zwar Riesenkräfte, aber kurz vor Mietraching war ich völlig am Ende. Und als die Kirchturmuhr noch dazu 5 Uhr schlug, war es ohnehin zu spät und ich hockte mich samt Radl in den Schnee und gab auf, ich konnte nicht mehr.“
Lina Krstic ist bewusst: „Vielleicht wäre ich erfroren im Schnee, wenn keiner mich gefunden hätte. Aber das Schicksal hatte ja noch so vieles vor mit mir.“ Und so kam nach einiger Zeit ein Soldat des Wegs, bahnte sich seinen Pfad durch den Schnee, er wollte zum Bahnhof. Er entdeckte die völlig entkräftete Lina und fackelte nicht lange. „So schleppte er mich zu meiner Dienststelle, bei Wärme und heißem Tee erholte ich mich bald wieder.“
So unsagbar
kalte Winter
Das Radl war ihr ständiger Begleiter: „Der weite Weg, die so unsagbar kalten Winter und gelumperte Radl haben mir sehr zu schaffen gemacht. Es gab ja längst keine normale Bereifung mehr, nur noch Vollgummireifen ohne Schlauch und Luft. Es waren aus alten Autoreifen geschnittene runde Stücke auf Draht aufgereiht. Wie holprig und schwer man da vorankam, möchte es niemand wünschen“, hielt die damals junge Frau fest.
Dann kam Weihnachten im Kriegsjahr 1944. Sechs Jahre zuvor war der geliebte Vater gestorben. „Traurig saßen wir unterm Christbaum. Von Bruder Lenz die Nachricht vermisst, von Sepp lange Zeit keine Post und von Heidis Vater hatten wir seit dem Sommer kein Lebenszeichen mehr. Geschenke gab’s für Kinder nur, was wir selber bastelten und da hatten wir großen Eifer und gute Einfälle. Einen schönen Nikolaus, eine Puppe, einen Kasperl aus Stoff und Abfällen. Hausschuhe und Taschen nähte man selber und die Kinder hatten an den Geschenken mindestens ebenso viel Freude wie heute die Kinder“, erinnerte sie sich.
Und auch wenn sie an das Weihnachten ihrer eigenen Kinderzeit dachte, wurde ihr stets warm ums Herz. „Man wusste nichts von Adventskranz und leuchtenden Christbäumen vor den Häusern. Nicht mal Kerzen wurden abgebrannt vorher, sie hätten Geld gekostet. Drum freute man sich umso mehr auf den Christbaum mit seinem Lichterglanz, er war unser größtes Geschenk.“ Geborgen saßen alle um den Kachelofen, ums Haus heulte der Sturm.
„Die Mutter brauchte auch gar nicht nach unseren Weihnachtswünschen mühsam zu forschen. Für uns war jedes Fleckchen Stoff, jeder Rest Wolle eine Rarität, die Freude machte. Kurz vor Heiligabend fuhr sie immer nach Rosenheim und kam mehr bepackt als sonst heim, verschwand mit den Sachen im oberen Stock, wo sich unsere Schlafzimmer befanden.“ Und noch eine besondere Erinnerung: „Für jeden gab’s einen Teller Plätzchen und eine große Kostbarkeit lag dabei. Die einzige Orange im ganzen Jahr, der Duft allein war schon ein Erlebnis.“
Doch folgten auch andere Feste: „Als unser guter Vater uns in einer Adventszeit (1938, Anm. d. Red) verließ, dachten wir, nie mehr ein frohes Fest ohne ihn, ohne seinen so liebevoll gesuchten Christbaum feiern zu können. Wir erlebten Kriegsweihnachten, die mehr Tränen als Freude bescherten. Auch meine Brüder waren draußen an der Front, wochenlang ohne Nachricht, immer aufs Schlimmste gefasst. Unser Bruder Lenz wurde vermisst gemeldet, es ist schlimmer diese ungewisse Warterei als eine Todesnachricht.“
Und auch über die späteren Kriegsjahre schreibt sie: „Das so bescheidene Leben, die immer weniger werdende Ration auf die Lebensmittelkarten, auf den Kleiderkarten war so kaum was drauf fürs ganze Jahr, alles hat uns nicht so viel ausgemacht, wir wussten, Opfer mussten sein.“ Schlimm und bedrückend aber sei die Sorge „um unsere Lieben, die Ungewissheit und das Warten“ gewesen. Denn „wir wussten, was die Soldaten an allen Fronten, besonders die in Russland, aushalten mussten in Eis und Schnee. Der Nachschub an Nahrung und Winterbekleidung kam nicht mehr voran, da die Waffen und Munition ja den Vorrang hatten.“
Die Kinder waren
ihr großes Glück
„Was wurde alles an warmen Sachen gesammelt, wir strickten Handschuhe und Socken und Jacken. Später hörten wir von den Soldaten, dass alles viel zu spät ankam, als der Winter schon vorbei war. Wir taten unsere Adressen in die Handschuhe und wirklich kam einmal ein Dankesbrief eines Soldaten an, der die Handschuhe aus der Wolle unserer Angorahasen erhielt.“ Und eines betonte sie immer wieder: „Welch Glück, dass ich so gesunde Kinder hatte, sie bedeuteten alles für mich.“
Endlich Anfang des Jahres 1945 kam von Heidis Vater die erste Nachricht. Er kam im Sommer 1944 bei den Kämpfen in der Normandie in Gefangenschaft und wurde am 28. Oktober per Schiff in die USA gebracht, nach Texas. „Wenn auch fern der Heimat, aber er lebte und ich konnte wieder schreiben, er war in Sicherheit. Es war nur eine Karte monatlich, aber man war schon froh um das.“
Zur gleichen Zeit, Anfang 1945, wurden in der Heimat die Fliegeralarme immer häufiger. „Wir schleppten schon mehrmals am Tag unsere schweren Funkgeräte in den Keller, der Betrieb musste ja weitergehen. Es kamen jetzt nicht mehr nur die schweren Bomber, die Tiefflieger kamen immer mehr und griffen die Flugzeuge an, die auf dem Rollfeld standen“, erinnerte sich Lina Krstic. „So wurde unsere Funkstelle ausquartiert in die damalige Offizierssiedlung oben auf den Thürhamer Berg. Für mich war’s von Vorteil, die Fahrt war nicht mehr so weit und bei Alarm etwas sicherer.“
Kaum ein Haus
ohne Opfer
Über den Frühling 1945 nach einem endlos lang erscheinenden Winter schreibt sie: „Es war wohl der schlimmste und trostloseste, den man sich vorstellen kann. Deutschlands Städte waren zum größten Teil nur noch Ruinen, die Menschen ohne Unterkunft, Tausende auf der Flucht. Ganz schreckliche Nachrichten kamen von überall her, kaum ein Haus, wo nicht Opfer zu beklagen waren. Aber der Göbbels und seine Sprecher im Radio verkündeten noch täglich ihre Siegesparolen und dabei stand der Zusammenbruch schon kurz davor.“
Große Sorge um
die Lieben daheim
Eines Nachmittags, Lina war im Dienst, waren wieder die Bombenflugzeuge zu hören. „Es war immer ein unheimliches Dröhnen, da es ja zumeist mehrere waren. Es folgten ein schrecklicher Krach und eine Erschütterung, wir meinten, das Haus über uns und ganz Aibling wäre in Trümmern. Wir waren alle in Angst um unsere Lieben daheim und als endlich die Sirene Entwarnung gab, machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Als ich zum Bahnübergang kam, war kein Durchkommen mehr, die Straße war zugeschüttet mit Erde aus den tiefen Kratern der Bombeneinschläge. So musste ich zurück und über Willing heimfahren. Gottlob, Zuhause war alles heil geblieben, wir waren mit dem Schrecken davongekommen. Am Ghersburgberg und in Berbling sah man noch nach Jahren die Krater der Bomben.“
Lina Krstic hat viel erlebt Tochter Heidi, die auch heute noch einen guten Teil des Jahres in dem Haus in der Aiblinger Au wohnt, hält ihr Andenken, eine Chronik der Zeitgeschichte, in Ehren.