Kolbermoor – „Reden bringt d`Leut zsamm“, das ist ein ebenso alter wie wahrer Spruch. Wie wahr, wird an der Kehrseite deutlich: Wer nichts mehr zu reden hat, weil niemand da ist, mit dem er reden könnte, der verkümmert. Denn die Kommunikation ist ein Grundelement des menschlichen Daseins. Bei Senioren ist dieses Phänomen bekannt, kaum jemand aber kommt darauf, dass es Menschen mit einem Fluchthintergrund genauso gehen könnte.
Locker und
unbefangen
Selbst für diejenigen, die arbeiten, ist es ein Problem. Denn während der Arbeit ist das Reden meist nur auf den Job bezogen. Einfach mal so ohne Zeitdruck zu ratschen, das geht dort nicht. Natürlich mag man einwenden, diese Menschen hätten ja in der Familie oder in ihren Unterkünften Gelegenheiten zu Gesprächen, doch das ist nicht dasselbe. Erstens trifft man sich gern auch mit anderen und nicht nur mit immer denselben Leuten. Vor allem aber geht es auch um das Fitwerden in der neuen Sprache: Gespräche am Arbeitsplatz stoßen da bald an ihre Grenzen. In eine Sprache einzutauchen, das lernt man erst, wenn es die Gelegenheit gibt über Gott und die Welt zu reden. Eine Möglichkeit versucht in Kolbermoor der Asylhelferkreis zu schaffen, der einmal im Monat einen Treff anbietet, der sich „Coffee and more“ nennt und durchaus gut besucht ist: Etwa 20 Menschen finden sich für den Kaffeeklatsch im Untergeschoss des Bürgerhauses ein. Und wenn man die Besucher nach ihren Beweggründen fragt, ist so gut wie immer einer vor allem zu hören: „Hier kann man reden, einfach so“.
Der 21-jährige Mahdi Sadeqi aus Afghanistan lernt seit zwei Jahren Deutsch, spricht aber schon so gut und flüssig, dass man einen längeren Zeitraum vermuten könnte. Trotzdem ist er nicht zufrieden: „In meiner Heimatsprache bin ich viel witziger“, sagt er, „das kann ich auf Deutsch einfach nicht so rüberbringen.“ Er ist aber überzeugt davon, dass ihn die Gelegenheit, auf diesen Kaffeetreffs einfach mal so zu reden, jedes Mal immer ein Stück weiterbringt.
Außerdem ist die Kaffeeveranstaltung durchaus auch so etwas wie ein Netzwerktreffen, bei dem Erfahrungen ausgetauscht werden können. Aber auch Probleme. In einem Nebenzimmer helfen ehrenamtliche Mitarbeiter, den Besuchern zum Beispiel, Behördenbriefe zu verstehen. „Die sind teilweise immer noch so kompliziert verfasst, dass es selbst uns nicht immer leicht fällt zu verstehen, was da jetzt konkret von einem verlangt wird“, sagt Heidi Andrä vom Asylhelferkreis.
Direkte Probleme hat Mahdi Sadeqi eigentlich keine. Aber einen großen Wunsch. Er sucht einen Ausbildungsplatz im Bereich IT. Er steckt voller Energie, möchte etwas aus sich machen und sich in die Gesellschaft einbringen. Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich bestens. Neben den hervorragenden Deutschkenntnissen geht er, wie einige andere junge Männer, die zu „Coffee and more“ kommen, in der Berufsschule Bad Aibling in eine Integrationsklasse. Anderen Besuchern geht es in erster Linie wirklich nur ums Ratschen und das Treffen mit anderen Leuten, die auf „einen Ausländer“ nicht gleich mit Abwehr reagieren. Wie etwa Valentina Schulz, die als Russlanddeutsche schon Jahrzehnte in Kolbermoor lebt. Sie unterhielt sich auf dem letzten Treffen angeregt mit Kalin Alkhallak aus Syrien. Im Vorfeld hatten sie festgestellt, dass sie sich problemlos auf Russisch verständigen konnten, weil Kalin aus seiner Heimat zunächst nach Russland geflohen war. Mittlerweile aber ist die Sprache, in der sie sich unterhalten, ganz selbstverständlich Deutsch.
Wer mithelfen möchte, dass solch grenzüberschreitende Unterhaltungen möglich sind, soll sich einfach an den Asylhelferkreis wenden, so Heidi Andrä, zum Beispiel beim nächsten „Kaffeetreff“ im Bürgerhaus am 22. Februar um 15 Uhr. Und sie vergisst nicht, auch eine Dauerbitte des Asylhelferkreises noch anzubringen: „Fahrräder werden von uns ständig gebraucht.“ Allerdings, so ergänzt Renate Grube, die ebenfalls seit Langem im Asylhelferkreis aktiv ist, müssen diese unbedingt verkehrstauglich sein, also funktionierendes Licht und Bremsen haben. „Wir selbst haben nicht genügend Leute, die Fahrräder reparieren könnten.“ Woraus auch klar wird: Auch Helfer mit solchen Fähigkeiten sind immer willkommen.