Reise in die Wirklichkeit des Ukraine-Krieges

von Redaktion

Wie Athleten aus der Region helfen – Eindrücke aus einem Land zwischen Zerstörung und Hoffnung

Rosenheim – Seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 engagiert sich der Verein „Athletes for Ukraine“ für humanitäre Hilfe und sportliche Projekte in der Ukraine. Im Rahmen einer ihrer Hilfsfahrten reisten Jens Steinigen, Vorsitzender des Vereins und Olympiasieger im Biathlon, Pressesprecher Jonah Werner sowie Thomas Frank, Leiter Projekte für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, und Journalist Lukas Baumer in das vom Krieg gezeichnete Land. Neben der Lieferung dringend benötigter Hilfsgüter standen Besuche bei Partnerorganisationen und der Austausch in Fragen des Sports auf dem Programm.

Die Delegation war sich dabei stets bewusst, dass die Ukraine nicht nur für ihre eigene Sicherheit und Unabhängigkeit kämpft, sondern auch für die Freiheit Europas. Die Unterstützung durch Initiativen wie „Athletes for Ukraine“ soll daher nicht nur ein Zeichen der Solidarität sein, sondern auch dazu beitragen, den Menschen vor Ort konkrete Hilfe zu leisten.

Ankunft in Lwiw in
relativer Sicherheit

Die Reise führte zunächst nach Lwiw, einer der größten Städte im Westen der Ukraine. Trotz relativer Sicherheit im Vergleich zu anderen Landesteilen ist der Krieg auch hier allgegenwärtig.

Im „Unbroken Center“, einem Rehabilitationszentrum für verwundete Soldaten, erhielten die Delegationsteilnehmer Einblicke in die Arbeit mit Kriegsversehrten. Die hohe Zahl junger Patienten verdeutlichte die Auswirkungen des Krieges auf eine ganze Generation. „Es ist erschütternd zu sehen, wie viele junge Menschen hier behandelt werden müssen. Einige jünger als ich selbst“, kommentierte der 26-jährige Jonah Werner den Besuch.

Ein Treffen mit Vertretern der Stadt, darunter dem Stellvertreter des Bürgermeisters und dem Head of Sport, diente dem Austausch über künftige Projekte. Dabei wurde insbesondere die Rolle des Sports als Mittel zur Traumabewältigung und der Integration Geflüchteter thematisiert.

Die nächste Station der Reise war Schytomyr, eine Stadt mit über 250000 Einwohnern, die nahezu täglich Luftalarm erlebt.

Im örtlichen Militärkrankenhaus wurden Verwundete besucht, die an der Front gekämpft haben.

Ein weiteres Treffen mit der Bürgermeisterin von Schytomyr hatte die Förderung des Kinder- und Jugendsports zum Thema. Gemeinsam mit ukrainischen Athleten wie Yuliya Yelistratova, Weltcupsiegerin Triathlon, und Olena Pidhrushna, Olympiasiegerin Biathlon, plant der Verein, Sporttage ins Leben zu rufen, um Kindern Abwechslung vom Alltag im Krieg zu ermöglichen. Besonders für Kinder, die in diesen Zeiten mit ständiger Unsicherheit und Angst aufwachsen, sei es wichtig, ihnen durch Sport ein Stück Normalität zurückzugeben.

Auch die Kinder- und Jugendsportschule für Menschen mit Beeinträchtigungen wurde besucht. Der Verein unterstützt diese bereits und plant eine Fortsetzung der Hilfsmaßnahmen. „Kinder sind die Zukunft dieses Landes, und es ist entscheidend, dass sie trotz der aktuellen Situation Perspektiven haben. Die Freude und Motivation beim Sport lassen den Krieg einen Moment für alle vergessen“, betonte Thomas Frank.

Bucha, eine Stadt mit etwa 30000 Einwohnern, litt vor drei Jahren 33 Tage lang unter russischer Besatzung, bis sie schließlich von der ukrainischen Armee befreit wurde. In diesen 33 Tagen arbeiteten die russischen Besatzer Listen von Personen ab, die sie als „Gefahr“ betrachteten, und gingen von Haus zu Haus, berichtete der Bürgermeister von Bucha. 509 Einwohner wurden in diesen 33 Tagen von den russischen Soldaten ermordet. Weitere Einwohner wurden nach Russland verschleppt, 36 befinden sich noch heute in russischer Geiselhaft. Das Tragische daran: Als Zivilisten können diese Gefangenen nicht von einem Kriegsgefangenenaustausch profitieren und haben daher keinerlei Hoffnung auf Freiheit, so der Bürgermeister. „Als 2014 ganz im Osten Russland mit seinem Krieg gegen die Ukraine begann, haben wir uns nicht weiter darum gekümmert. Das war weit weg. Bis vor drei Jahren dann die russischen Soldaten in unsere Häuser gekommen sind!“

An einem der bekanntesten Schauplätze der russischen Besatzung besuchte die Delegation die Stätte eines Massengrabes, in dem mehr als 100 Zivilisten verscharrt wurden.

In Kyjiw fanden politische Gespräche statt, darunter ein Treffen im Rathaus mit der stellvertretenden Bürgermeisterin. Diskutiert wurde die Frage, wie sich ein Zeichen gegen die Teilnahme russischer Athleten an den Olympischen Spielen setzen lässt. „Sportliche Erfolge russischer Athleten werden systematisch für die Kriegspropaganda genutzt und dienen dazu, den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine zu unterstützen. Jede Teilnahme russischer Sportler an internationalen Wettkämpfen trägt dazu bei, den Angriffskrieg auf das ukrainische Volk zu legitimieren. Solange Russland diesen Krieg nicht beendet und die territoriale Integrität der Ukraine wiederhergestellt ist, darf es keine Teilnahme russischer Sportler, auch nicht als ‚neutrale‘ Athleten, geben. Sport darf sich niemals als Werkzeug der russischen Kriegspropaganda missbrauchen lassen“, erklärte Jonah Werner.

Bei einem Treffen mit Valerii Baginsky, der seit knapp drei Jahren für „Athletes for Ukraine“ im Osten der Ukraine die Verteilung der Hilfsgüter organisiert, wurde ein gespendeter Bus übergeben, der nun für Evakuierungen im Kriegsgebiet genutzt werden soll.

In Tschernihiw, nur 70 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, machte sich die Delegation ein Bild von der Lage des Sports in der Region.

Die Kinder- und Jugendsportschule für Biathlon und Langlauf wurde direkt zu Beginn des Krieges komplett zerstört. Das gesamte Sportmaterial verbrannte. Mithilfe von Spenden konnte ein Containerkomplex errichtet werden. „Athletes for Ukraine“ hat mit seinen Kooperationspartnern und der Spendenstiftung RTL „Wir helfen Kindern“ Sportmaterial beigesteuert, damit die Kinder wieder trainieren können. Auch das zentrale Sportstadion für Fußball und Leichtathletik, in der einst auch die Fußballmannschaft von Tschernihiw Erstligaspiele mit mehr als 10000 Zuschauern bestritt, wurde zerstört. In den Trümmern trainieren hier jedoch weiterhin Kinder. „Sport ist eine der wenigen Konstanten, die den Kindern und Jugendlichen geblieben sind“, fasste Jens Steinigen die Eindrücke zusammen. Gerade für Kinder ist Sport ein wichtiger Weg, um den Belastungen des Krieges zumindest zeitweise zu entfliehen. „Athletes for Ukraine“ setzt sich deshalb verstärkt für Sportangebote ein, die den Jüngsten eine Routine und ein Gefühl der Gemeinschaft geben sollen. „Wenn wir es schaffen, diesen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, dann wissen wir, dass unsere Arbeit etwas bewirkt“, so der Olympiasieger.

Der Krieg ist
allgegenwärtig

Während der gesamten Reise war der Krieg allgegenwärtig. Mehrfach erlebte das Team Luftalarm, in Kyjiw waren die Detonationen der Luftabwehrraketen zu hören. Trotz der angespannten Lage wurden alle geplanten Besuche durchgeführt. Die Delegation kehrte mit der Gewissheit zurück, dass ihre Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. „Athletes for Ukraine“ plant, die Hilfe weiter auszubauen – insbesondere mit Fokus auf Kinder und Jugendliche. Besonders beeindruckt waren die Teilnehmer vom breiten, gesellschaftlichen Konsens, die Freiheit der Ukraine zu verteidigen. „Russland kann diesen Krieg ohne fremde Unterstützung nicht gewinnen, die Ukraine mit unserer Unterstützung schon“, so Jens Steinigen.

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