Visionär verbindet Generationen

von Redaktion

Pfarrer Eugen Klaas prägte Kolbermoors Jugend – Club 71 ins Leben gerufen

Kolbermoor – Wann hat man seiner Nachwelt wirklich etwas Bleibendes hinterlassen? Wenn sich auch 25 Jahre nach dem Tod über 70 Leute zusammenfinden, die voller Wärme und Herzlichkeit über einen sprechen. So geschehen beim vergangenen Erzählcafé, in dem es um Pfarrer Eugen Klaas ging, der von 1962 bis 1992 in Kolbermoor wirkte und dabei die Stadtteilkirche Wiederkunft Christi aufbaute – nicht nur als Gebäude, sondern auch als Kirchengemeinde.

Seiner Zeit
weit voraus

Was das Wirken von Pfarrer Klaas so bedeutend machte, lässt sich knapp zusammenfassen: Er war seiner Zeit Jahrzehnte voraus. So sehr, dass er mit seinem Tun selbst heute, 25 Jahre nach seinem Tod, noch junge Menschen anziehen könnte: Noch heute wäre „seine“ Jugendbegegnungsstätte, der Club 71, wohl ein Magnet für Jugendliche. Damals aber, zu Beginn der 1970er-Jahre, war dieser für Jung wie Alt wie ein Ding von einem anderen Stern: Ein Jugendclub, bei dem sich Jungs und Mädchen gemeinsam treffen konnten, unter einem kirchlichen Dach, aber ohne ständige geistliche oder sonstige Überwachung – das war einfach unerhört. Und noch heute mag man sich denken, dass so ein überwiegend selbst verwalteter Club leicht hätte aus dem Ruder laufen können. Doch die Gäste beim Erzählcafé waren sich einig: Es muss die natürliche Autorität von Eugen Klaas gewesen sein, die – auch ohne dass er selbst ständig vor Ort gewesen wäre – für eine Grundordnung sorgte. Oder anders formuliert: Hab Vertrauen in die Jugend, übergib ihnen Verantwortung und sie werden dich nicht enttäuschen.

Der Club 71 war deshalb ein Ort, der von den Jugendlichen geliebt und von ihren Eltern akzeptiert wurde: „Einfach so ausgehen, dort auf Jungs treffen – das hätten mir meine Eltern nie erlaubt. Dass ich in den Club 71 ging, das war aber okay“, so beschrieb nicht nur eine der weiblichen Erzählcafégäste ihre Erfahrungen. Der Club war dabei nichts, was Pfarrer Klaas aus dem völlig freien Raum heraus entwickelt hätte. Schon zehn Jahre zuvor, zu Beginn seiner Tätigkeit in Kolbermoor, hatte er Ferienlager angeboten. In kleinem Rahmen zunächst, die sich aber bald zu einer richtig großen Attraktion entwickelten und in ihrer Durchführung deshalb geradezu generalstabsmäßig geplant werden mussten. Auch in diese Vorbereitung aber waren die Jugendlichen selbst eingebunden und an engagiertem Nachwuchs war offenbar nie ein Mangel. Pfarrer Klaas, das wurde beim Erzählcafé deutlich, muss ein Menschenfänger gewesen sein. Einer, der nicht davor zurückscheute, Jugendliche aus dem Beichtstuhl heraus zum Mitmachen zu überreden, wie mehrere der Gäste berichteten. Und nicht nur bei den Jugendlichen war sein Mittel der Wahl die direkte Ansprache: Auch die BMX-Abteilung des Sportvereins sei – wie auch Badminton und Taekwondo – auf ähnliche Art entstanden: „Das wär doch was für euch“, so seine Ansprache an betreffende Elternpaare, die sich damit unversehens in einer Funktion als Gruppenleiter wiederfanden.

Aus Sicht der Jugendlichen

Wesentlich für seinen Erfolg im Umgang mit jungen Menschen war wohl, dass er die Welt aus ihrer Sicht heraus zu sehen wusste. Und dabei oft mehr sah als sie selbst. So brachte er ihnen nicht nur neue Sportaktivitäten nahe, er war es auch, der in kirchlichen Räumen Tanzkurse anbot, wohl wissend, dass es weibliche und männliche Jugendliche in jener Zeit nicht so einfach hatten, zueinander zu kommen. Und dass ein Tanzkurs etwas ist, der nicht nur das ermöglicht, sondern dabei auch noch Stil und Form vermittelt.

Kein Zweifel: das Erzählcafé zu Pfarrer Klaas zeigte diese gemeinsame Erfindung von Stadtmarketing, Stadtbücherei und Volkshochschule in seiner allerbesten Form: Als Gesprächsrunde, zu der viele kommen, zu der jeder etwas beizutragen hat, sodass die Geschichten nur so sprudeln. Und dabei so amüsant und unterhaltsam sind, dass auch die, die selbst nichts zu erzählen haben, sich bestens unterhalten fühlen.

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