Kolbermoor – Sie sind zwar noch etwas desorientiert und ein bisschen wackelig auf ihren dünnen Beinchen, aber dennoch schon der ganze Stolz ihrer Eltern: Das Kolbermoorer Storchenpaar, das sich nach dem Winter im Storchennest von Cindy Kock (42) angesiedelt hatte, hat Nachwuchs bekommen. Aus zwei der vier Eier sind mittlerweile Küken geschlüpft – und das, obwohl wenige Tage zuvor dramatische Stunden den Traum vom Storchennachwuchs fast zunichtegemacht hätten.
Erstes schlüpfte
am Sonntag
Der Zeitstempel der Webcam am Kolbermoorer Storchennest zeigte vergangenen Sonntag 1.04 Uhr, als das erste Küken des Storchenpaars Kaira und Alexander – so hatte Kock die beiden Vögel getauft – in Kolbermoor geschlüpft ist. „Ich habe dem Küken den Namen Pitti gegeben, da der Name mit einer ganz besonderen Person in Verbindung steht“, verrät die 42-Jährige dem Mangfall-Boten. „Um wem es sich dabei handelt, bleibt aber mein Geheimnis.“ Mittlerweile ist Pitti auch nicht mehr alleine im Nest mit Mama Kaira und Papa Alexander, denn nur einen Tag später, am Montag ist das zweite Küken geschlüpft. Und auch das dritte Storchen-Baby ist bereits unterwegs und sollte in Kürze schlüpfen. Hier sei bereits ein Loch in der Eierschale zu sehen, wie Kock am Dienstagmittag berichtet.
Wenn alles gut läuft, dann könnte die Storchenfamilie gegen Ende der Woche bereits aus sechs Köpfen bestehen. Sie befürchtet allerdings, dass es bei drei Küken bleiben wird. „Ich glaube, dass eines der Eier nicht befruchtet ist“, so Kock, denn „es unterscheidet sich farblich deutlich von den anderen“.
Für Kock, die im Herbst 2024 gemeinsam mit Hortkindern an dem Storchennest gearbeitet und es anschließend auf einem Grundstück, das ihr dafür zur Verfügung gestellt worden ist, aufgestellt hatte, ist es dennoch ein „unglaubliches Erlebnis“, was sich derzeit in dem Nest abspielt, denn: „Im ersten Jahr dort überhaupt schon ein Storchenpaar zu haben, ist schon der Knaller. Dass wir jetzt aber sogar Küken haben, ist das Nonplusultra.“ Dabei stand es seit Tagen auf der Kippe, ob aus den vier Eiern, die Störchin Kaira Anfang Mai gelegt hatte, überhaupt Küken schlüpfen werden. Denn am Abend des 21. Mai hatte das Storchenpaar panisch die Flucht aus dem Nest ergriffen – und war erst nach acht Stunden wieder zum ungeschlüpften Nachwuchs zurückgekehrt. Acht Stunden, in denen die Eier ohne Schutz und Wärme ausharren mussten. Glücklicherweise sei es eine recht milde Nacht gewesen, so die 42-Jährige. „Nicht ideal, aber auch nicht aussichtslos“, wie Kock am Tag nach der kurzzeitigen Storchen-Flucht auf ihrer Homepage www.storchennest-kolbermoor.de geschrieben hatte.
Was das Storchenpaar so aufgeschreckt und für Stunden verscheucht hatte, bleibt für Cindy Kock ein Rätsel. „Ich habe die Filmaufnahme der Webcam immer und immer wieder zurückgespult“, sagt die 42-Jährige. „Das Einzige, was man darauf erkennen kann, sind Lichtkegel, vermutlich von Taschenlampen, die von einem Feldweg kommen.“ Wobei sie nicht glaubt, dass dort jemand absichtlich unterwegs war, um die Tiere zu stören. „Da geht ja, soweit ich weiß, ein Weg entlang, auf dem unter anderem Hundebesitzer mit ihren Hunden Gassi gehen.“
Sie vermutet eher, dass der Ruf eines anderen Tieres Kaira und Alexander aufgeschreckt hat. Denn auf den Aufnahmen sei der Schrei eines Tieres zu hören, der für den übereilten Abflug gesorgt haben könnte. „Für mich hört sich das wie ein Uhu oder ein Kauz an, der laut ruft“, sagt Kock, die bis zum 1. Juni bangen musste, ob die Küken diese acht Stunden ohne Schutz und Wärme ihrer Eltern überlebt haben. „Die Chancen standen 50:50“, sagt Köck im Nachgang. „Ich habe aber fest daran geglaubt, dass es gut ausgeht und die Hoffnung nie aufgegeben.“
Nun kann die 42-Jährige – wie auch alle anderen Interessierten per Webcam – die Aufzucht der Jungtiere beobachten. Was ebenfalls eine nervenaufreibende Angelegenheit sein kann. Denn Kock glaubt, dass es sich für Storchen-Papa Alexander um die erste Brut handelt und er in puncto Nahrungssuche für seinen Nachwuchs noch recht unerfahren ist.
So hatte er sich mit der ersten Nahrungslieferung deutlich Zeit gelassen. Was nach Angaben von Kock in den ersten Stunden aber noch unproblematisch ist: „Am Anfang reicht dem Küken das, was es aus dem sogenannten Dottersack bekommt.“ Anschließend sei es aber wichtig, dass sich Alexander „wirklich auf die Socken macht“, um Futter zu besorgen. Was mittlerweile auch recht gut funktioniere.
Die zunächst recht schleppende Versorgung durch den Storchen-Papa hatte auch bei Zuschauern der Webcam schon für Sorgen um die Jungstörche und eine lebendige Diskussion gesorgt, was bei Kock für gemischte Gefühle sorgt: „Es ist schön, wenn die Menschen so mitfühlen“, sagt die 42-Jährige, die aber dennoch findet, dass man einige Kommentatoren „schon ein bisschen runterholen muss“. Denn letztlich sei nicht jeder vom Menschen empfundene Notfall im Tierreich auch wirklich ein Notfall. Was letztlich auch der Gesetzgeber so sieht, der daher im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) genaue Regeln für die Fortpflanzungszeit von streng geschützten Arten, zu denen auch Kaira und Alexander als Weißstörche zählen, festgelegt hat. Eingriffe in ein laufendes Brutgeschehen sind demnach nur in „absolut begründeten Ausnahmefällen erlaubt“, wie Kock erklärt. Und dann auch nur in Absprache mit verschiedenen Behörden und Organisationen.
Nestfaulheit
nicht fördern
Was die Kolbermoorerin auch für sinnvoll und richtig hält. „Was wir aber ganz sicher tun: Zum Wohle des Tieres agieren“, stellt die 42-Jährige daher auf der Homepage www.storchennest-kolbermoor.de klar. Dazu gehöre eben auch, nichts unter das Nest zu stellen, was sich die Tiere eigentlich erarbeiten müssten. Kock: „Wir wollen keine Nestfaulheit fördern. Die Kleinen sollen von Anfang an lernen, dass Nahrung nicht aus dem Nichts kommt.“ So, wie es in der Natur eben vorgesehen ist.