Kolbermoor – Eigentlich sollten sich die Storchengeschwister schon einige Sekunden über dem Nest in der Luft halten können – zumindest laut den Aussagen von Cindy Kock vor rund drei Wochen. Sie hat das Projekt Storchennest Kolbermoor initiiert und hat den Storchennachwuchs immer über den Stream im Blick. Doch die ersten Flugsekunden von Pitti und Platsch lassen noch auf sich warten. Der ständige Regen ist ein Grund dafür.
Die Aerodynamik
muss stimmen
Mit ihrem Flugtraining haben die acht Wochen alten Störche eigentlich zum perfekten Zeitpunkt begonnen, sagt Kock. Bereits vor drei Wochen konnte man beobachten, wie die Geschwister mit den Flügeln schlagen, um die Muskulatur aufzubauen. Mittlerweile sind die beiden fast so groß wie ihre Eltern und springen häufig nach oben, während sie mit den Flügeln schlagen. Irgendwann sollen die beiden es dann schaffen, sich einige Sekunden in der Luft zu halten. Doch diesen Zeitplan hielten die Jungvögel nicht ein.
„Ein Grund dafür ist der viele Regen. Das Gefieder war permanent nass“, erklärt Kock. Durch die Nässe sind die Federn durchlässiger. Das setzt nicht nur Jungvögeln, sondern auch allgemein den Störchen zu. Da die Luft so mehr durchgelassen wird, ist es für die Tiere schwieriger, an Höhe zu gewinnen. Das ist für Fluganfänger nochmals schwieriger. Deshalb gab es auf der Webcam am Storchennest zuletzt nicht so oft Flugtraining zu sehen, sagt Kock. „Da haben die bei dem Wetter keinen Bock“, erklärt die 42-Jährige und muss lachen.
Dafür blieb viel Zeit für die anderen Punkte auf dem Tagesplan der Storch-Geschwister: kuscheln, auf Fressen warten, lernen, wie man ein Nest baut, und vor allem Gefiederpflege. „Denen ist nie wirklich langweilig“, sagt Kock.
Wie ihr Vater Alexander legen Pitti und Platsch viel Wert auf die Pflege ihrer Federn. Das Federkleid ist mittlerweile auch fast komplett ausgebildet. Immer wieder schütteln sie die Federn auf, sortieren sie und fetten alles ein.
Für das Fetten gehen sie mit ihrem Schnabel an die Schwanzfedern. Hier sitzt die Bürzeldrüse. Wenn sie diese mit dem Schnabel zusammendrücken, kommt Öl heraus. Das streichen sie mit dem Schnabel in ihr Gefieder. So ist alles besser vor der Nässe geschützt. Ihr Vater macht das häufig und so legen auch die Kleinen einen großen Wert darauf. Denn Störche haben laut Kock genauso wie der Mensch Charakterzüge. Einer ist sehr reinlich, der andere baut gerne und viel am Nest herum. „Wenn man die Störche viel beobachtet, kann man einige Marotten feststellen“, sagt Kock.
Sie hat den Livestream vom Nest eigentlich immer im Hintergrund offen und kennt sich dadurch gut mit Pitti, Platsch und ihren Eltern aus. So konnte sie auch feststellen, dass die Eltern sich immer mehr zurückziehen. Sie beschaffen dem Nachwuchs zwar noch Futter, aber weniger als vor ein paar Wochen. Auch sind sie nachts nicht mehr im Nest. „So sollen die Jungen motiviert sein und mehr Hunger haben, um irgendwann selbst loszufliegen“, erklärt Kock.
Den Drang, irgendwann das Nest zu verlassen, haben die Kleinen schon mit dem Schlüpfen. „Das ist instinktiv“, sagt Kock. Die Jungtiere wissen, dass sie mal in den Süden fliegen werden. Hierfür suchen sie sich andere Jungstörche. Das nennt man Migration. Wenn die jungen Störche das Nest verlassen, treffen sie auf andere Jungtiere. In Bruckmühl und Prien gibt es viele Felder, auf denen sich die Jungen treffen. „Erfahrungsgemäß findet die Migration Mitte bis Ende August statt“, sagt Kock. Danach geht es für die so gebildeten Storch-Reisegruppen in den Süden. Nach Spanien oder auch Afrika.
Die Gruppen bestehen größtenteils aus Jungtieren. Vereinzelt sind auch Altvögel dabei, die die Route schon kennen. Laut Kock ist der sogenannte Zug spätestens in der ersten Septemberwoche abgeschlossen.
Doch das kann man mittlerweile nicht mehr pauschal sagen. Durch die milderen Winter bleiben Störche vermehrt hier. Im vergangenen Winter wurden 25 Störche in Prien gezählt. Die Vögel finden jetzt auch im Winter Futter. „Die älteren Vögel fragen sich dann, warum sie sich den Weg in den Süden antun sollen“, sagt Kock und ist amüsiert. Doch Pitti und Platsch werden wegfliegen. Zuerst muss aber der Jungfernflug klappen. Kock ist hier zuversichtlich: „Die beiden entwickeln sich hervorragend.“ Die 42-Jährige schätzt, dass sich der erste Flug durch den Regen auf die zweite Augustwoche verschiebt.
Danach bleibt es spannend, wie lange die Störche noch im Nest bleiben. Sie werden laut Kock erst mal mit den Eltern mitfliegen und Futter in den Wiesen suchen. Zwischendrin kommen sie auch für eine Pause ins Nest. Doch mit der Zeit suchen sie sich ihre eigenen Gebiete und kommen nur noch über Nacht. „Irgendwann kommt Tag X. Dann fliegen sie weg und kommen nicht mehr zurück“, sagt Kock.
Irgendwann
sind sie weg
Wohin genau es die beiden jungen Störche treibt, weiß sie nicht. Verfolgen kann es Kock mit etwas Glück trotzdem. Seit ein paar Wochen sind die beiden Vögel beringt. Sie haben jetzt einen schwarzen Plastikring mit einer Nummer am Bein. Pitti ist die „AFF 36“. Falls er mit dieser Nummer gesichtet wird, bekommt Kock eine Meldung. „Ich kann so von ihrem Verbleib und Zustand erfahren. Leider auch wenn ein Storch stirbt“, erzählt Kock.
Sie kann nur hoffen, dass Pitti und Platsch ein schönes Leben haben. Dass sie kommendes Jahr wieder in das Nest zurückkehren, ist laut ihr höchst unwahrscheinlich. Allerdings gibt es sehr hohe Chancen, dass die Eltern wieder kommen. Störche sind nicht an einen Partner gebunden, sondern an ihr Nest. Also können kommendes Jahr vielleicht Alexander und Kiara wieder über die Webcam des Storchennests beobachtet werden.