Kolbermoor – „Das Leben in diesen Familien ist oft sehr belastend“, sagt Gabriele Endter, Vorstandsmitglied der Nachbarschaftshilfe Kolbermoor und federführend für den Bereich Demenz zuständig. Die 79-Jährige beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und weiß, was vor allem die vielen Angehörigen im Verlauf der Krankheit durchmachen müssen. Auch deshalb bietet die Nachbarschaftshilfe seit Jahrzehnten „Demenzhilfe“ an, um genau hier anzusetzen und wichtige Unterstützungsangebote zu leisten.
Grundsätzlich ist Demenz ein Sammelbegriff für Erkrankungen, bei denen die Nervenzellen im Gehirn nach und nach absterben, erklärte kürzlich Tobias Münzenhofer, anerkannter Altenpfleger und Fachpfleger für Gerontopsychiatrie, in einem OVB-Interview im Vorfeld der 6. Bayerischen Demenzwoche.
24-Stunden-Job
für Angehörige
Dieses Absterben von Nervenzellen führt zu einer Störung des Gedächtnisses, der Orientierung, der Sprache sowie der Persönlichkeit. Und genau diese Veränderungen führen vor allem für die Angehörigen oftmals zu großen Herausforderungen. In Kolbermoor will man den interessierten Angehörigen, oftmals Ehepartnern, seit Langem gezielt unter die Arme greifen. „Ich spreche oft mit Angehörigen, die weinen, weil es davor noch nie um sie gegangen ist“, erzählt Gabriele Endter.
Beispielhaft beschreibt sie die häufige Situation eines Ehepaares, das zusammen alt geworden ist, und der Mann nun Demenz bekommt. „Das ist ein 24-Stunden-Job für die Frau“, sagt Endter. Er vergisst alles, weiß nicht mehr, ob er sich schon gewaschen hat, denkt gleichzeitig jedoch, noch alles zu können.
„Viele meinen etwa, sie könnten noch Rad fahren und stürzen dann. Ähnlich falsch schätzen sie sich beim Thema Autofahren ein“, betont Endter. Angehörige müssten in einem solchen Alltag ständig „auf Habacht“ sein, während das Nervenkostüm immer dünner wird. Legitim und hilfreich sei es in solchen Fällen für Angehörige, die demente Person zu „überlisten“, betont die 79-Jährige. Dabei müssten sich Angehörige in keinster Weise schlecht fühlen, wenn sie etwa den Autoschlüssel verstecken oder erzählen, das Fahrrad sei geklaut worden. „Wenn die Erkrankten etwa das Radl nicht mehr sehen, vergessen sie es auch wieder.“ Gewisse „Storys“ zur Sicherheit des anderen zu erzählen, könne deshalb durchaus helfen. „Da braucht wirklich niemand Schuldgefühle haben“, sagt Endter.
Um Angehörigen nicht nur wertvolle Alltagstipps zu geben, bietet die Nachbarschaftshilfe Kolbermoor verschiedene Unterstützungsangebote an. Hierzu zählt zunächst eine intensive Beratung, die nach Voranmeldung jederzeit (auch am Abend und am Wochenende) möglich sei. Da immer mehr Mitbürger an einer Demenzerkrankung leiden und die Hauptlast dieser Krankheit bei den pflegenden Angehörigen liege, sei es enorm wichtig, die Situation der Familien zu verbessern. „In diesen Gesprächen stellt sich oft heraus, dass die Angehörigen einfach nicht mehr können“, berichtet Endter. Hier will die Kolbermoorerin den Pflegenden Mut zusprechen und sie unterstützen. Doch auch wenn in diesen persönlichen Beratungsgesprächen wichtige Erkenntnisse für Angehörige gewonnen werden können, habe sich über die Jahre gezeigt, dass auch ein Austausch unter Gleichgesinnten hilfreich sein kann, erzählt Endter.
Wichtiger „Freiraum“ bringt Entlastung
Dafür hat die Nachbarschaftshilfe einen „Angehörigentreff“ ins Leben gerufen, zu dem sich einmal im Monat Angehörige bei einer Tasse Tee oder Kaffee im Büro der Nachbarschaftshilfe austauschen können. „Das ist wirklich nett und tut den Leuten, zuletzt waren es acht, sehr gut“, sagt die Organisatorin. Man freue sich hier über weitere Interessierte. Die nächsten Termine für das monatliche Angehörigentreffen sind der 15. Oktober, 12. November und 17. Dezember – jeweils um 15 Uhr.
Ein weiteres Angebot der Nachbarschaftshilfe betrifft die direkte Entlastung der Angehörigen in ihrem herausfordernden Alltag. Laut Endter bieten zwar viele Einrichtungen auch Tagesbetreuung für Demenzkranke an, bei der sie an bestimmten Tagen für einige Stunden außer Haus betreut würden und den Angehörigen in dieser Zeit ein „Freiraum“ geschaffen werde. Allerdings sei etwa das Verlassen der eigenen Wohnung für manche Betroffene gar nicht mehr möglich.
„Viele wollen nicht das Haus verlassen, wollen nicht ins Auto steigen, wollen nicht zu Fremden.“ Für diejenigen, die also lieber zu Hause bleiben wollen, bietet die Nachbarschaftshilfe deshalb eine „stundenweise Betreuung“ an, bei der die Demenzkranken daheim von ausgebildeten Helfern betreut und versorgt werden. „Das geht bis zu sechs Stunden, wird ebenfalls über die Pflegekasse abgerechnet und bietet den Angehörigen eben dann auch den wichtigen Freiraum“, sagt Endter.
Die dafür eingesetzten Demenzhelfer seien kompetent ausgebildet und könnten dadurch für große Entlastung sorgen. „Das startet alles ganz behutsam, zunächst vielleicht einfach mal eine gemeinsame Tasse Kaffee trinken mit den Angehörigen und dann wird langsam ein Vertrauensverhältnis aufgebaut“, erklärt Endter. All diese Angebote bestünden, und die 79-Jährige appelliert an alle Angehörigen, vorhandene Unterstützungen auch in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig freut sich Endter auch darüber, wenn sich weitere verfügbare Demenzhelfer bei der Nachbarschaftshilfe melden.
Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres Hilfsangebot, das sich der „Runde Tisch“ nennt. „Das habe ich ins Leben gerufen, als ich mitbekommen habe, was zum Teil in den betroffenen Familien los ist“, erinnert sich Endter. Dabei werde die ganze Familie zusammen mit einer Fachkraft an einen Tisch zusammengeführt, „damit alle mal wissen, was eigentlich abgeht.“ Denn nicht selten kämen die erwachsenen Kinder mal zu Besuch und erklärten der pflegenden Mutter dann etwa, wie sie mit ihrem Vater umzugehen hätten. Solche Situationen würden durch Unwissenheit hervorgerufen und führten zu Konflikten. Familien, die hierfür offen sind, könnten sich deshalb beim „Runden Tisch“ austauschen.
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