Die Parallelwelt hinter der Manege

von Redaktion

Fast das ganze Jahr über ist der Circus Louis Knie in Deutschland und Österreich unterwegs, gerade gastiert er in Kolbermoor. Doch was passiert eigentlich hinter den Kulissen? Und wie leben Artisten und Tiere abseits der Vorstellungen? Jolanda Hofmann erlebt das täglich und gibt einen exklusiven Einblick.

Kolbermoor – Im Zirkuszelt auf der Wiese an der Kolbermoorer Brünnsteinstraße ist es ruhig. Die vielen roten Plastiksitze, die kreisförmig um die Manege angeordnet sind, bleiben an diesem Vormittag leer. Nicht jedoch die Manege: Mehrere Akrobaten stehen dort im Sand. Dann springt jemand auf das Ende eines Sprungbretts, das aussieht wie eine große Wippe, und ein junger Mann wird in die Luft katapultiert, wo er ein paar Salti schlägt. Für die Artisten im Circus Louis Knie ist das Alltag.

Unfälle gehören
zum Berufsrisiko

„Die Schleuderbrettgruppe trainiert jeden Tag“, erzählt Jolanda Hofmann, die beim Zirkus für die Pressearbeit zuständig ist. So können sich die Künstler fortlaufend verbessern und auch mal neue Tricks einbauen. Hofmann selbst tritt nicht als Künstlerin in der Manege auf, tourt aber in ihrem eigenen Wohnwagen mit dem Zirkus durch Deutschland und Österreich.

Vor vier Jahren begann sie die Zusammenarbeit mit dem Zirkusdirektor Louis Knie, erstellte anfangs hauptsächlich Flyer und kümmerte sich um das Marketing. „Seit etwa eineinhalb Jahren bin ich fester Bestandteil der Gruppe“, erzählt die 25-Jährige.

Sie kann sich nicht vorstellen, das Leben im Zirkus einmal hinter sich zu lassen. „Es ist ein ganz anderer Lebensstil“, sagt sie. Ein Großteil der Menschen könne damit nicht viel anfangen. Ihr aber mache es großen Spaß. „Hier leben Leute aus Brasilien, Rumänien, der Ukraine und vielen anderen Nationen“, erzählt Hofmann. Oft sitze man mit allen zusammen und unterhalte sich.

Dass sie nicht selbst bei den Vorstellungen auftritt, hat einen guten Grund. „Natürlich haben viele diesen Traum“, gibt die junge Frau zu, während sie den Blick auf die trainierende Schleuderbrettgruppe richtet. „Aber die Artisten trainieren oft schon, seit sie zwei oder drei Jahre alt sind, für diese Auftritte.“ Um wirklich selbst in der Manege zu stehen, müsse man sein Handwerk schon 20 oder 30 Jahre ausüben. Bei ihr sei das aber nicht der Fall.

Anders sieht es bei den jungen Sportlern der Schleuderbrettgruppe aus. „Einige kommen aus der Ukraine, sind mit 16 oder 17 aus dem Krieg geflohen“, erzählt Hofmann. In ihrer Heimat waren sie Kunstturner, jetzt treten sie im Zirkus auf.

Jeder Künstler sei ein wichtiger und unverzichtbarer Teil seiner eigenen Show. „Du musst da sein. Jeder hat seine Aufgabe“, betont Hofmann. Wenn jemand fehlt, bricht alles zusammen. Dass mal ein Artist krank wird, kommt natürlich vor. „Es wird aber trotzdem gearbeitet“, sagt die 25-Jährige achselzuckend. Bei Knochenbrüchen oder anderen Verletzungen, die die Auftritte unmöglich machen, muss die Nummer umstrukturiert werden. „Kleinere Unfälle gehören für die Artisten aber einfach zum Berufsrisiko.“

Neben Artisten
treten auch Tiere auf

Auch außerhalb der Manege muss im Zirkus einiges erledigt werden. „Viele Künstler sind abseits des Trainings und der Vorstellungen normale Mitarbeiter“, sagt sie. Und so kommt es vor, dass der Clown zum Elektriker wird oder vor dem Auftritt noch einen Wagen streicht.

Für das leibliche Wohl sorgt ein Koch, der einen eigenen Wagen hat. Doch auch die Tiere müssen versorgt werden. Denn die menschlichen Stars sind im Circus Louis Knie nicht die einzigen. Auch Hunde, Pferde und Lamas treten in jeder Show auf – normalerweise.

Denn seit der Zirkus in Kolbermoor seine Zelte aufgeschlagen hat, standen die Tiere erst einmal in der Manege. Auch Leser der OVB-Heimatzeitungen meldeten sich bereits, da sie sich über die fehlenden Tiernummern wunderten. „Für den Auftritt der Tiere brauchen wir eine Extra-Genehmigung vom Landratsamt“, erklärt Pressesprecherin Hofmann. Diese sei aber bisher nicht ausgestellt worden. Und deshalb können die Tiere im Moment nicht auftreten.

Das bestätigt auch eine Sprecherin des Landratsamtes auf OVB-Anfrage: „Der Circus Louis Knie darf in Deutschland aktuell keine Tiere zur Schau stellen.“ Sowohl hier als auch in Österreich, dem Ursprungsland des Zirkus, können Tiere nur mit entsprechender Erlaubnis auftreten. Diese richte sich nach dem jeweils geltenden nationalen Tierschutzrecht. „Der Circus Louis Knie besitzt lediglich eine Erlaubnis zur Zurschaustellung von Tieren nach österreichischem Bundesrecht.“

Und das könnte vorerst auch so bleiben. Denn der Sprecherin zufolge liegen derzeit nicht alle Voraussetzungen und erforderlichen Unterlagen vor. Ob es noch eine Genehmigung geben wird, kann sie nicht abschätzen. „Das Landratsamt Rosenheim befindet sich aber in engem Austausch mit dem Unternehmen“, sagt sie.

Für den Zirkus ist die Situation Hofmann zufolge „sehr ärgerlich“. Die Tiere seien immer ein Höhepunkt der Shows. „Drei gute Nummern fallen dadurch weg“, sagt die 25-Jährige. Für die Pferde und Lamas haben die Zirkusmitarbeiter ein großes Stallzelt aufgebaut. An diesem Vormittag stehen sie draußen auf den eingezäunten Koppeln. „Hier in Kolbermoor haben wir das Glück, dass es viel Platz gibt“, sagt Hofmann.

Auch die menschlichen Mitarbeiter haben ausreichend Platz und Privatsphäre, denn sie sind größtenteils in Wohnwägen untergebracht. „Im Winter kann es natürlich mal kalt werden und sogar schneien“, sagt die Pressesprecherin. Deshalb sei jede Wohneinheit mit Heizkörpern ausgestattet. „Das Wasser ist allerdings kalt. Das muss man wirklich mögen“, so Hofmann.

Das Wetter und die Temperaturen sind aber nicht die einzige Herausforderung. Wo so viele Menschen und Nationalitäten zusammenleben, kann es passieren, dass man aneinandergerät. „Es ist nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen“, sagt Hofmann. Wichtig sei es deshalb, Privates und Berufliches zu trennen. „Trotz Streit oder Zickereien muss es einfach funktionieren.“

Zusammenleben
nicht immer einfach

Die Menschen im Zirkus verbringen viel Zeit miteinander und unternehmen auch gemeinsam etwas. „In Innsbruck sind wir zusammen auf den Berg gegangen. Wir waren auch auf dem Rosenheimer Herbstfest und dem Oktoberfest“, erzählt Hofmann. Das wiederum stärke den Zusammenhalt derer, die die ganze Saison über im Zirkus leben. Denn das trifft nicht für alle zu. „Einige Artisten werden nur für die Auftritte dazugebucht“, erklärt die Pressesprecherin. Wenn der Zirkus umzieht oder keine Vorstellungen stattfinden, sind diese Artisten nicht vor Ort.

Die Saison im Zirkus beginnt meist im Januar oder Februar. Bis Mitte Juni ist die Gruppe unterwegs, im Sommer gibt es eine längere Pause. Danach geht es bis November wieder weiter. „Im Dezember teilen sich die Artisten auf, treten in verschiedenen Weihnachtszirkussen auf“, erzählt Hofmann. Doch bis zum 12. Oktober werden die Artisten erst einmal noch in Kolbermoor in der Manege stehen.

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