Kolbermoor – Ob aus religiösen Gründen oder auf medizinischen Rat – die Beschneidung, also das Entfernen der Vorhaut am Penis, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Auf dem Grundsatz der Menschenrechte („Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“) will der Verein „intaktiv“ eine Stimme für genitale Selbstbestimmung sein.
„Wir setzen uns für das Recht aller Menschen ein, selbst darüber zu entscheiden, welche nicht unmittelbar medizinisch notwendigen Eingriffe an ihren Genitalien vorgenommen werden“, erklärt hierzu Franziska Heywinkel aus dem Landkreis Rosenheim, die sich seit drei Jahren für die Vereinsarbeit und speziell für das Recht aller Kinder auf Gleichstellung und Selbstbestimmung einsetzt.
Geschlechtsverkehr
„beinahe unmöglich“
Dieses Ziel wolle man vor allem durch gesellschaftliche Aufklärung erreichen. Der Verein „intaktiv“ war jahrelang überwiegend online aktiv, etwa über das Beschneidungsforum.de, wo sich Männer über negative Auswirkungen ihrer Vorhautamputation austauschen können. Auch Eltern, die etwa auf der Suche nach einer ärztlichen Beratung sind für die Behandlung einer Phimose ihrer Söhne, könnten sich dorthinwenden. „Aber auch Männer, die sich an uns wenden, nachdem sie beispielsweise einen sogenannten ‚Aufwachmoment‘ haben, in dem ihnen klar wird, was ihnen (als Kind) oder Erwachsener genommen wurde“, sagt Heywinkel über das Angebot des Austausches, das man nun auch vor Ort durch ein persönliches Gespräch ermöglichen möchte. So findet am heutigen Freitag das nächste offene Treffen um 18 Uhr bei Giuseppe, An der alten Spinnerei 1 in Kolbermoor, statt, zu dem alle Interessierten eingeladen sind.
Dann wird auch Peter Leonhardt aus Baden-Württemberg nach Kolbermoor kommen, der laut eigenen Aussagen schwer unter der Zirkumzision, also der Beschneidung, die bei ihm im Erwachsenenalter durchgeführt wurde, leidet.
Es sei immens wichtig, für Aufklärung zu sorgen. „Ob man es wahrhaben möchte oder nicht, wir haben in diesem Bereich immer noch einen riesigen blinden Fleck in der Medizin, selbst in entwickelten Industrieländern“, sagt er. Man lebe seiner Ansicht nach immer noch in einer Welt, in der männliche Säuglinge oder Kinder diesem hochinnervierten Teil des Penis beraubt werden, ohne sich dagegen wehren oder deren Zustimmung abgeben zu können. Um zu verhindern, dass bei noch mehr Menschen entsprechende Eingriffe auch psychisch schwere Folgen nach sich ziehen, spielten Organisationen wie „intaktiv“ eine Schlüsselrolle.
Er selbst will Betroffenen, auch beim Termin in Kolbermoor, zeigen, „dass sie nicht alleine sind“. Die Gesellschaft nehme Betroffene in dieser Thematik oftmals nicht ernst. „Abschließend würde ich Betroffene auch ermutigen, sich damit zu zeigen. Denn der absolute Großteil redet aus Scham nicht über ihr Leid, sondern meist nur anonym auf kleinen, sicheren Foren im Internet.“ Um eine Veränderung herbeizuführen, braucht es, so Leonhardt, die Stimmen dieser Männer.
Der Verein „inaktiv“ hat den 12. Dezember nicht grundlos als Datum für den Termin in Kolbermoor gewählt. An diesem Tag genau vor 13 Jahren kam es im Bundestag zu einer Verabschiedung eines Gesetzes, das es Eltern ermöglicht, ihren Söhnen die Penisvorhaut unter bestimmten Voraussetzungen operativ entfernen zu lassen. „Mit unserer Aufklärungsarbeit verfolgen wir einen universellen, medizinethischen und kinder- bzw. menschenrechtsbezogenen Ansatz“, sagt Franziska Heywinkel. Dabei gehe es insbesondere auch nicht darum, bestimmte Religionen oder Kulturen anzugreifen oder auszugrenzen, sondern in Dialog zu treten.
Offenes Treffen
am heutigen Freitag
Klar ist, dass die Jungen-Beschneidung noch immer von diversen Medizinern als harmlos eingestuft wird. Allerdings wird die Notwendigkeit eines solchen Eingriffs seit Längerem, auch von Ärzteseite, kritisch hinterfragt. „Es gibt aus Sicht eines gesunden kleinen Jungen keinen medizinischen und schon gar keinen ärztlich zu rechtfertigenden Grund, ihm seine gesunde Vorhaut, den sensibelsten Teil seines Gliedes, abzuschneiden und dadurch seine sexuelle Selbstbestimmung und genitale Integrität ohne dokumentierte Diagnose irreversibel und schwer zu beschädigen“, sagte Matthias Franz für die Sektion Kinder- und Jugendpsychosomatik der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie vor einigen Jahren im Deutschen Ärzteblatt.