Kolbermoor – „Ich habe mit dem Boandlkramer verhandelt.“ Mit dieser Antwort, die sich auf die altbairische Bezeichnung für den Tod bezieht, wartet Kolbermoors Stadtpfarrer Maurus Scheurenbrand (63) immer wieder auf, wenn er auf seinen Gesundheitszustand angesprochen wird. Denn aufgrund einer schweren Herzerkrankung musste sich der gebürtige Baden-Württemberger zwei lebensrettenden Operationen unterziehen, was ihn monatelang von seinen seelsorgerischen Tätigkeiten abhielt. Doch mittlerweile ist der engagierte Stadtpfarrer, der bereits im 13. Jahr in Kolbermoor tätig ist, wieder zurück vor dem Altar. Wie es dem 63-Jährigen geht, wie ihm sein Glaube auf dem Weg der Genesung geholfen hat und auf welches Schmankerl er sich an Heiligabend besonders freut, hat Scheurenbrand im Interview mit dem OVB verraten.
Die wichtigste Frage zu Beginn: Wie geht es Ihnen nach Ihrer schweren Erkrankung?
Es geht mir wirklich gut – eher sogar super. Anfang Januar steht zwar nochmals eine Operation an. Aber das ist alles nichts im Vergleich zu den zwei Operationen, die ich davor hatte.
Hatte sich die Herzerkrankung bei Ihnen denn angekündigt oder kam das plötzlich?
Ich bin ja schon ein sportlicher Typ, brauche den Sport auch zum Ausgleich. Da habe ich im Pfarrhaus, sozusagen als Sportersatz, wenn sonst keine Zeit war, Treppen genutzt, die ich schnell raufgegangen bin. Eines Tages hatte ich dann Herzrasen und konnte, oben angekommen, kaum mehr schnaufen. Das war für mich völlig ungewöhnlich, weil ich das so nicht kannte. Da wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Es hat sich dann auch gezeigt, dass es höchste Zeit war. Nicht schön war, dass ich dann auch noch alle möglichen Nebenwirkungen mitgenommen habe, die man mitnehmen kann – bis hin zum Vorhofflimmern.
Sind Ihnen in dieser Zeit, in der es ja wirklich um Leben und Tod ging, Glaubenszweifel gekommen?
Nein, nie. Natürlich hadert man auch mal mit seinem Schicksal, wie es wahrscheinlich jeder mal tut. Aber das bringt einem ja nichts, bringt einen auch nicht weiter. Das zieht einen hingegen noch mehr in ein Loch. Meine Oma hat immer gesagt: „Man muss alles nehmen, wie es kommt.“ Und dabei hilft dann auch der Glaube.
Inwiefern?
Wer glaubt, sieht immer doch noch ein Licht am Ende des Tunnels. Man sieht dann nicht nur schwarz, sondern ein Licht, an das man sich klammern kann. Mir hilft das ganz viel.
Sie machen Sport, rauchen und trinken vermutlich nicht und sind nicht übergewichtig. Könnte es der Stress gewesen sein, der Ihnen gesundheitlich so zugesetzt hat?
Bis zur Erkrankung hatte ich mir immer eine Feierabend-Zigarre gegönnt. Das habe ich natürlich eingestellt. Auf ein gelegentliches Glas Rotwein verzichte ich aber nicht, denn auch in der Bibel steht etwas vom „Wein, der das Herz erfreut“ – und das ist bei mir auch so (lacht). Aber es stimmt natürlich, dass Stress sicherlich ein Faktor ist. Wobei es nicht um meine Arbeit und meine Berufung geht. Denn die macht mir viel Spaß und keinen Stress. Aber manche Menschen machen mir diesen Stress, was derzeit wieder recht aktuell ist. Denn da geht es um Beschwerden, die ich dann leider nicht direkt bekomme, sondern direkt an den Kardinal geschickt werden. Und ich muss dann wieder eine Erklärung dazu abgeben und eine Dokumentation schreiben. Das macht mir wirklich Stress.
Um welche Beschwerden geht es da?
Das sind so Kleinigkeiten, beispielsweise über das Läuten der Kirchenglocken, was derzeit ja auch in Bad Feilnbach ein Thema ist. Oder es beschwert sich jemand darüber, dass er an Allerheiligen zu viel Weihwasser abbekommen hat.
Ernsthaft?
Ja, ich bin da auch ein bisschen verwundert und eigentlich sogar ein bisschen traurig, dass mir beispielsweise unterstellt wird, ich würde beim Gräbergang Leute mit dem Weihwasser absichtlich anspritzen. Da wird mir dann „eine niedrige Form der Körperverletzung“ vorgeworfen. So ein Quatsch ist dann da zu lesen. Es sind allerdings auch nur vereinzelte Personen, die sich oftmals in der Stadt auch über alles beschweren und stadtbekannt sind. Ich bin da jetzt auch nicht persönlich beleidigt, aber es zieht halt im Endeffekt immer etwas nach sich. Es macht mir Stress, weil es Arbeit macht, die nicht sein müsste.
Haben Sie dagegen mittlerweile eine Strategie entwickelt?
Ja, Sport ist da für mich ganz wichtig. Im Sommer ist das ganz leicht, da steige ich auf mein Mountainbike, womit ich auch schon wieder angefangen habe. Und im Winter gehe ich ins Fitnessstudio. Auch da gibt es zwar Leute, die sagen „Aha, Hochwürden geht ins Fitnessstudio“, aber da stehe ich drüber.
Wie steht es denn nach den schweren Operationen um Ihre Fitness?
Ich möchte körperlich natürlich wieder da hin, wo ich vorher war. Und da bin ich noch nicht. Allerdings bin ich schon ehrgeizig, was das anbelangt. Mein Ziel ist es, dass ich im kommenden Sommer wieder mit dem Mountainbike auf die Schlossalm bei Bad Feilnbach fahren kann. Das war immer die schönste Erholung für mich. Dort bekomme ich dann ein Pfarrergedeck, bestehend aus einer Weißweinschorle und einem Stamperl selbstgebranntem Schnaps. Momentan würde ich das mit dem Rad, nicht einmal mit dem E-Bike, schaffen. Aber ich denke, dass ich auf einem guten Weg bin und zumindest die Hälfte des Weges schon geschafft habe. Zum Café Dinzler am Irschenberg komme ich mit dem Rad schon wieder rauf.
Mit Weihnachten stehen für Seelsorger jetzt besonders ereignisreiche Tage an. Wie war es denn für Sie, nach der langen Auszeit wieder vor dem Altar zu stehen und eine Messe zu halten?
Es war einfach ein Gefühl, nach Hause zu kommen, wieder daheim zu sein. Ich muss aber auch sagen, dass die Aushilfen und mein Seelsorgeteam in meiner Abwesenheit das richtig gut gemeistert haben. Und schön war natürlich auch, wie viel Zuspruch ich nach meiner Rückkehr bekommen habe. So haben mich viele angesprochen und mir gesagt, dass sie oft an mich gedacht und für mich gebetet haben. Das freut mich natürlich sehr.
Wenn sie Kolbermoor als ihre Heimat sehen, dann stehen die Chancen wahrscheinlich nicht schlecht, dass sie der Stadtkirche noch länger erhalten bleiben.
Pfarrer müssen bis 70 arbeiten, obwohl es mit meiner Krankheitsgeschichte bestimmt viele gäbe, die mit 63 in den Vorruhestand gehen würden. Das wäre für mich aber nichts, da würde es mir langweilig werden. Es ist zwar üblich, dass man als Pfarrer nach zehn, 15 Jahren die Stelle wechselt. Ich glaube aber nicht, dass sich das bei mir noch rentiert. Ich würde hier also schon gerne bis zur Rente bleiben.
Zurück zu den anstehenden Festtagen: Was bedeutet für Sie persönlich Weihnachten?
Es ist eine richtig schöne Zeit. Ich denke da an den Kerzenschein, die Musik, die Chöre und die Stubenmusik, aber auch die festlichen Weihnachtsgottesdienste. Wenn ich vergleichen würde, dann spricht Weihnachten eher das Herz, Ostern dagegen den Verstand an.
Haben Sie persönlich weihnachtliche Traditionen, auf die Sie sich besonders freuen?
Ja, da gibt es sogar zwei. Zum einen gibt es bei uns in Kolbermoor an Heiligabend den Brauch des Gräbergangs. Für einige ist es zwar leider der Kirchenersatz, aber wenigstens sind sie auf dem Friedhof mit dabei. Da gibt es immer einen kurzen Text und etwas Blasmusik, ehe wir zum nächsten Friedhof gehen. Auf dem Weg machen wir bei einer Familie Zwischenstation, wo es dann einen Glühwein oder einen Schnaps gibt. Das ist einfach etwas total Nettes, worauf ich mich jedes Jahr freue. Außerdem genehmige ich mir vor der Christmette immer einen warmen Leberkäs mit Kartoffelsalat. Da brauche ich auch keine Musik, zünde mir höchstens eine Kerze an und bin dann auch gerne für mich alleine, da ja den ganzen Tag über schon so viel los ist. Da genieße ich einfach die Ruhe.
Als gebürtiger Baden-Württemberger müssen Sie uns jetzt aber schon noch die Frage beantworten, wo‘s den besseren Leberkäs gibt: In Schwaben oder in Bayern?
(lacht) Dazu schweige ich lieber.
Mathias Weinzierl