Kolbermoor – So lange wie er stand noch niemand als Bürgermeister an der Spitze der Stadt Kolbermoor: Seit 1. Mai 2002, also fast 24 Jahre, ist Peter Kloo (SPD) im Amt, nachdem er sich erstmals bei der Kommunalwahl im März 2002 durchgesetzt hatte. Davor hielt Edmund Bergmann, der von 1900 bis 1919 das Amt innehatte, den Rekord. Der Vater des amtierenden Bürgermeisters, Peter Kloo senior, hatte es zwischen 1984 und 1996 auf zwei Amtszeiten gebracht. Doch nun heißt es für den mittlerweile 63-Jährigen langsam Abschied aus dem vierten Stock des Rathauses zu nehmen. Denn am Sonntag, 8. März, wird ein neuer Bürgermeister gewählt, Kloo hatte auf eine erneute Kandidatur verzichtet. Seine Amtszeit endet damit nach genau 24 Jahren am 30. April. Was seine erste Amtshandlung vor 24 Jahren war, ob aus seiner Sicht einer der Kandidaten den Job überhaupt im Kreuz hat und wieso er sich darüber freut, bald wieder Werkzeug in der Hand zu haben, hat Peter Kloo im Interview mit dem OVB verraten.
Seit 1. Mai 2002 bekleiden Sie das Amt des Kolbermoorer Bürgermeisters. Können Sie sich noch an Ihre erste Amtshandlung erinnern?
Ja, ich habe darum gebeten, dass im Bürgermeisterbüro ein PC installiert wird. Den gab‘s damals noch nicht. Daraufhin wurde dann darüber diskutiert, wieso ein Bürgermeister einen PC braucht. Als ich darauf dann geantwortet habe, um meine Briefe zu schreiben, hat die damalige Sekretärin ganz bedröppelt gefragt, was sie denn dann noch zu tun hat. Es hat sich dann aber schnell geklärt, dass sie noch genügend Aufgaben hatte.
In den 24 Jahren Ihrer Amtszeit wurden viele Projekte angestoßen und umgesetzt. Welche Projekte und Maßnahmen würden Sie aus heutiger Sicht als Ihre größten Erfolge verbuchen?
Das sind die Projekte, die man am wenigsten sieht. Ein Beispiel: Als ich übernommen habe, war die Beschlusslage, dass sich die Stadt Kolbermoor in einem Wasserverbund mit Rosenheim zusammenschließen soll, um die Ausweisung des Wasserschutzgebiets voranzubringen. Das hätte für uns bedeutet, keinen Zugriff mehr auf eine eigene Wasserversorgung und eigene Brunnen zu haben. Ich habe dann versucht, diese Beschlusslage zu drehen, was gemeinsam mit dem Stadtrat dann auch gelungen ist. 2008 konnten wir dann neue Brunnen bauen. Seitdem haben wir wieder eine sichere und verlässliche Trinkwasserversorgung. Das zweite ganz, ganz große Projekt war die Umsetzung der Entwässerungsplanung, also der Kanalbau bis in die Aiblinger Au und bis Pullach. Heute sind 95 Prozent unserer Gebäude ans öffentliche Abwassernetz angeschlossen. Das zeigt: Das meiste, was passiert, passiert bei uns unter der Erde.
Gibt es auch einen im Stadtbild schnell sichtbaren Erfolg?
Ja, die Begleitung des Strukturwandels der Stadt, der ja letztendlich auch durch die Spinnerei ausgelöst worden ist. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich 2005 mit Klaus Werndl auf dem Dach der Kunstmühle war und ihn gefragt habe, ob das nicht was für ihn als alten Kolbermoorer oder Mann mit Bezug zu Kolbermoor wäre, sich der Spinnerei anzunehmen. Bis dahin hatten wir keinerlei Lösungsansätze, was mit der Spinnerei passieren könnte. Erst durch den Einstieg der Familie Werndl in das Projekt ist da Bewegung in die Sache gekommen. Bis es letztlich dann im Oktober 2005 zu einem Bürgerentscheid gekommen ist, bei dem es darum ging, ob wir die Planungen weiterführen oder einstellen.
In gewisser Weise also eine Parallele zu heute.
Ja. Damals hat der Bürger mit großer, überwältigender Mehrheit „Nein“ zu einem Stillstand gesagt und Stadträte, Verwaltung und den Bürgermeister in ihrem Mut, wieder Neues anzupacken, unterstützt. Letztendlich ist es jetzt mit dem Quartierszentrum Nordost das Gleiche. Wenn derartige Projekte scheitern, dann – und das meine ich überhaupt nicht sarkastisch oder boshaft – dann wird es Stillstand geben. Und Stillstand ist für eine Kommune das Schlechteste, was passieren kann.
Die Erfolge haben Sie nun aufgezählt. Gibt es auch Entwicklungen oder Projekte, die Sie als Niederlage werten?
Natürlich gab es auch mehrere Projekte, die ich mit Elan umsetzen wollte, die aber nichts geworden sind. So habe ich beispielsweise zum damaligen Zeitpunkt eine große Chance für einen Rathausstandort im historischen Neubau auf dem Spinnereigelände gesehen. Das wäre meines Erachtens ein tolles Projekt geworden. Da gab‘s fertige Planungen, ist aber letztlich wegen einer Stimme gescheitert. Aus damaliger Sicht war es eine Niederlage, aus heutiger Sicht aber nicht.
Wie sind Sie mit derartigen Niederlagen umgegangen?
Ich war immer ein Mensch, der sich gesagt hat: „Wenn ich mit einer Idee scheitere oder keine Mehrheit finde, dann muss ich mir halt was anderes überlegen.“ Das ist auch ein Punkt, der mich in der politischen Landschaft oftmals ärgert, beispielsweise aktuell in der Diskussion zum Brenner-Nordzulauf. Wir reden immer noch darüber, ob er kommt, aber diese Entscheidung ist gefallen. Jetzt müssten wir über das „Wie?“ reden.
Als Bürgermeister hatten Sie also auch Niederlagen zu verkraften. Bei den Bürgermeisterwahlen hingegen haben Sie letztlich nur Siege gefeiert. Gibt es einen, der besonders heraussticht?
Ja, der erste Wahlerfolg 2002, der in der Stichwahl entschieden worden ist. Soweit ich mich erinnere, lag ich im ersten Wahlgang irgendwo bei 30 Prozent, der Kollege von der CSU bei gut 40 Prozent. Eigentlich war klar, wer gewinnt. Dennoch haben wir gekämpft. Ich bin damals 14 Tage lang von Haus zu Haus, von Haustür zu Haustür gegangen und habe Äpfel verteilt. Wie wichtig es war, dass wir damals massiv gekämpft haben, zeigte sich dann dadurch, dass wir diese Wahl drehen konnten. Das war ein riesiger Erfolg.
Wenn Sie sich selbst für Ihre Tätigkeit als Bürgermeister ein Zeugnis mit Schulnoten ausstellen könnten: Welche Note würden Sie sich geben, was als Stärken und Schwächen in eine Bemerkung schreiben?
Sich selbst zu bewerten, ist immer schwer. Ich denke, ich habe es gut gemacht. Ich glaube schon, dass ich das sagen darf. Ich hoffe aber nicht, dass in einer Bewertung „Er war stets bemüht“ drinstehen würde (lacht), obwohl ich mich immer bemüht habe, das Beste aus den Situationen zu machen. Ich denke schon, dass eine meiner Stärken aufgrund meiner beruflichen Ausbildung ist, dass ich ein Planer bin. Und dass es mir daher unheimlich Spaß gemacht hat, eine Zukunft zu planen, Stadtplanung zu betreiben. Und immer mehrere Optionen gegeneinander abzuwägen. Notfalls auch mal drei, viermal über die Bande zu denken. Denn das ist beim Städtebau ganz wichtig.
Und Schwächen?
Meine Ungeduld. Und die Einsicht, dass man, wenn man Menschen mitnehmen muss, was der Beruf des Bürgermeisters eben mit sich bringt, nicht wie ein Unternehmer für sich entscheiden kann. Ich brauche ein Gremium, das ich mitnehme. Und auch den Mitgliedern des Gremiums hätte ich manchmal zugestehen müssen, dass sie einfach mehr Zeit brauchen, sich in die Sachen reinzudenken. Schließlich werden die nicht dafür bezahlt, dass sie 60 Stunden die Woche über bestimmte Dinge nachdenken. Da fehlt es mir dann manchmal an der Geduld. Eine weitere gewisse Schwäche von mir ist, dass ich hin und wieder ironisch oder sarkastisch auf Dinge reagiere.
Nach fast einem Vierteljahrhundert im Dienst: Was sind denn die schönen, was die weniger schönen Seiten des Bürgermeistersamtes?
Also die wirklich schöne Seite ist, dass man eine Stadt gestalten und bestimmte Dinge nach vorne bringen kann. Schön ist auch, den Leuten in den Vereinen sagen zu können, dass man sie unterstützt, wenn sie etwas vorhaben. Einfach das öffentliche Leben und die Zukunft des Ortes mitzugestalten. Letztlich ist man als Bürgermeister mit allen Themen des menschlichen Lebens konfrontiert – und zwar tatsächlich von der Wiege bis zur Bahre. Du bekommst aber halt auch plötzlich einen Anruf mit der Aufforderung, sofort ins Feuerwehrhaus zu kommen, weil zwei Züge ineinander gefahren sind. Da denkst du dir im ersten Moment: „So etwas gibt es vielleicht in Indien, aber doch nicht bei uns!“ Aber doch, so etwas gibt es auch bei uns. Oder du schaust dir dein ganzes Leben lang die Mangfall an, die eigentlich ein harmloser Fluss ist – und plötzlich geht sie über. Das sind alles Dinge, da muss man Entscheidungen treffen und man kann helfen. Die belastende Seite ist, dass es auch Situationen gibt, in denen man nichts tun kann. Menschliche Schicksale, die man hautnah mitbekommt, weil man helfen soll, aber Hilfe manchmal nicht möglich ist. Dennoch: Es ist eine erstrebenswerte Aufgabe. Und jeder, der die Chance dazu bekommt und es machen will, soll es machen.
Fünf Kolbermoorer, die am 8. März zur Bürgermeisterwahl antreten, wollen es machen. Doch haben es die Kandidaten aus Ihrer Sicht auch im Kreuz?
Letztens habe ich gelesen, dass es in Bayern Orte gibt, die ganz ohne Bewerber dastehen. Das wäre für Kolbermoor wirklich ganz, ganz schlimm. Wir haben sogar fünf Bewerber. Und ich denke, dass zwei davon durchaus in der Lage sind, das Amt auszuführen.
Heißt das im Umkehrschluss, dass es aus Ihrer Sicht drei nicht können?
Ja.
Welchen Ratschlag werden Sie Ihrem Nachfolger mitgeben?
Dass es in der Stadtentwicklung viele Entscheidungen gibt, bei denen sie sich trauen müssen, „entweder oder“ zu sagen. Denn Stadtentwicklung funktioniert nicht mit „sowohl als auch“. Ich kann an einer Straße entweder ein Auto auf die Fläche parken oder ich kann eine Bewegungsfläche lassen. Der wichtigste Ratschlag ist: abwägen und dann klar entscheiden.
Sie sind ja Kolbermoorer durch und durch. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?
Für mich ist Kolbermoor meine Heimat, in der ich aufgewachsen bin, in der meine Kinder aufgewachsen sind, in der meine Familie groß geworden ist. Und ein Ort, der einen ganz besonderen Charakter hat. Früher habe ich das nicht so gesehen und oft mit meinem Vater diskutiert, was an Kolbermoor denn so besonders ist. Mittlerweile weiß ich, dass Kolbermoor anders ist. Wir sind rund 160 Jahre alt, was für eine Stadt absolut jung ist. Rosenheim mit ihren rund 2.000 Jahren oder Aibling mit 1.500 Jahren, das sind die alten Damen, die sich nicht mehr bewegen, wo kein Leben mehr drin ist. Wir sind ein aufstrebender Teenager, der das Leben noch genießt. Das merkt man in der Stadt, hier geht unheimlich viel vorwärts. Wir sind dynamisch, wir sind integrativ. Und es laufen tolle Sachen in Kolbermoor, die man in der Region sonst lange suchen muss. Daher sollten wir uns auch weiterhin trauen, unsere Eigenheiten zu leben.
Ab 1. Mai sind Sie im Ruhestand. Haben Sie für diese Phase Ihres Lebens schon konkrete Pläne?
Aufgrund unserer familiären Situation werden wir beginnen, unser Zuhause umzubauen und zu renovieren, damit das als Mehrgenerationenhaus richtig funktioniert. Als gelernter Handwerker freue ich mich da schon, dass ich endlich wieder mal Zeit habe, handwerklich zu arbeiten. Zum anderen will ich natürlich die Zeit mit meinen sechs Enkelkindern genießen. Als meine Kinder so klein waren, haben sie oft gesagt: „Jetzt ist schon Donnerstag und wir haben den Papa die ganze Woche noch nicht gesehen.“ Das soll bei meinen Enkeln schon anders werden. Und für mein Hobby, mit dem Segelboot ein bisschen über den Atlantik zu schippern, möchte ich mir Zeit nehmen. Es ist zwar noch nicht sicher, aber es könnte schon sein, dass es im November dann in Richtung Karibik geht, um ein Boot zu überführen.
Mathias Weinzierl