Kolbermoor – „Politiker reden, das Publikum hört zu.“ So laufen viele Wahlkampfveranstaltungen ab, auch jene, die eigentlich als Podiumsdiskussion deklariert sind und bei denen Zuschauerfragen zugelassen werden. In Kolbermoor wurde der Spieß kürzlich umgedreht: Hier hörten die Politiker zu, während die Bürger sprachen. Dies geschah nicht ohne roten Faden, sondern zielte auf die grundsätzliche Wertehaltung ab, die sich die Bürger von ihrem zukünftigen Stadtoberhaupt wünschen.
Die evangelische Kirche hatte zu diesem Abend im Mareissaal eingeladen, und Pfarrer Markus Merz hatte die Veranstaltung auf einen Mehrfachnutzen hin strukturiert. Die etwa 60 Besucher saßen in Gruppen an einzelnen Tischen, und jede Gruppe sollte für sich die Werte benennen, die sie als entscheidend empfand.
Rund 140 Begriffe
auf der Vorschlagsliste
Dazu gab es eine Vorschlagsliste, auf der rund 140 Begriffe aufgelistet waren, die, alphabetisch geordnet, von Aufrichtigkeit und Authentizität über Effektivität, Geborgenheit, Intuition, Neugier und Resonanz bis zur Zugehörigkeit und Zukunftsfähigkeit reichten. Die Vielzahl der Begriffe ließ es von vornherein erahnen: Aus diesen Begriffen jeweils maximal sechs zu finden, auf die sich alle an einem Tisch einigen konnten, führte fast zwangsläufig zu intensiven Diskussionen. Bei diesen Diskussionen erfuhr man – quasi nebenbei – auch, was den anderen wirklich wichtig ist, wenn es um die Frage geht, wie man der Welt und ihren Problemen sowie den Menschen, die einen umgeben, begegnen soll.
Die ausgewählten Werte wurden nun jeweils von einem „Tischsprecher“ den fünf Bürgermeisterkandidaten Leonhard Sedlbauer (CSU), Christian Morgenroth (SPD), Johanna Bössl (Die Linke), Christan Demmel (AfD) und Thomas Rothmayer (Parteifreie Kolbermoor) vorgetragen. Die Kandidaten hatten damit ebenfalls die Chance, so der Gedanke der Veranstalter, einmal zu erfahren, was den Bürgern eigentlich wichtig ist. Diesen Weg kann man natürlich und zumindest theoretisch auch gehen, indem man in den sozialen Medien die dort laufenden Diskussionen verfolgt. Doch der Abend legte die Vermutung nahe, dass das Bild, das daraus zu gewinnen ist, nicht selten verfälscht ist. Denn unter dem Publikum gab es offenbar eine große Sehnsucht nach dem, was man ganz allgemein mit gegenseitigem Respekt bezeichnen könnte.
Dieser Begriff stand in den Zusammenfassungen der einzelnen Tische weit oben – und zwar als Respekt auf allen Ebenen: Respekt als pragmatische Dialogbereitschaft nicht nur zwischen den Fraktionen, sondern auch gegenüber den Bürgern, verbunden mit wacher Aufmerksamkeit, Fürsorglichkeit und Aufrichtigkeit. Eine Haltung, die, so wurde ebenfalls deutlich, nach Ansicht der Bürger von den Kandidaten doppelten Mut erfordern würde: den Mut, auch Unangenehmes offen anzusprechen, sowie den Mut, eigene Fehlentscheidungen oder Fehlinterpretationen einzuräumen. Damit wäre dann, so die Ansicht des Publikums, auch ein wichtiger Beitrag geleistet, um das Vertrauen der Menschen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu stärken und damit Zukunft zu ermöglichen: im Sinne von Visionen, deren pragmatische Umsetzung man dann gemeinsam anstreben sollte.
Diese Zielvorgabe war etwas, das, so zeigte sich im letzten Abschnitt des Abends, als die Bürgermeisterkandidaten zu Wort kamen, von ihnen allen durchweg befürwortet wurde. Über das konkrete „Wie“ in der Umsetzung aber mussten und konnten sie sich in der Kürze der Zeit nicht näher äußern.
Einigkeit unter
den Kandidaten
Manche der Zuschauer bemängelten deshalb, dass ihnen hier zu viel Einigkeit herrschte: Sie hätten sich gerne eine schärfere Profilierung der Kandidaten gewünscht. Doch war das nicht das eigentliche Ziel der Veranstaltung gewesen; sie war eher als Informationsveranstaltung für die Kandidaten denn für die Bürger gedacht, wenn auch mit dem entscheidenden Nebeneffekt, dass sich die Bürgerschaft als solche selbst besser kennenlernen konnte.