Wo sich der Fernwärmeanschluss lohnt

von Redaktion

Kolbermoor plant seine Wärmezukunft. Eine Studie zeigt, wo Fernwärmenetze erweitert werden können und welche Potenziale es für erneuerbare Energien gibt. Doch die Umsetzung birgt Herausforderungen und die Bürger sind noch verunsichert.

Kolbermoor – In einer öffentlichen Informationsveranstaltung, die allerdings spärlich besucht war, wurden kürzlich im Rathaus Kolbermoor die Zukunft der Nahwärmeversorgung, geplante Netzerweiterungen und die Herausforderungen der kommunalen Wärmeplanung vorgestellt. Die Ergebnisse präsentierte die „AGFW“ Frankfurt, als effizienter und neutraler Spitzenverband.

Harald Rapp, Professor Dr. Markus Blesl und Christopher Martin präsentierten eindrucksvoll die Aussichten einer künftigen Wärmeplanung. Mit dieser Ausarbeitung möchte die Stadt Kolbermoor Perspektiven aufzeichnen und eine Orientierung geben, wo man künftig mit klimaneutraler Wärme versorgt werden kann.

Kommunale
Wärmeplanung ist Pflicht

Gemäß dem Wärmeplanungsgesetz sind Kommunen mit weniger als 100.000 Einwohnern bekanntlich verpflichtet, bis spätestens 30. Juni 2028 eine kommunale Wärmeplanung zu erstellen. Bürgermeister Peter Kloo nannte die kommunale Wärmeplanung als ein Instrument, das vom Gesetzgeber zur Hand gegeben wurde, um Klarheit darüber zu bekommen, wie eine Stadt zukünftig mit einer zentralen Wärmeversorgung ausschauen könne.

Kloo informierte, dass das Papier in der Stadtratssitzung am 4. März vorgestellt wird. „Darin sind allerdings keine komplett neuen Erkenntnisse enthalten“, reduzierte der Bürgermeister die Erwartungen.

Nach Christopher Martin hat es der Stadt Kolbermoor gutgetan, so früh in den Prozess einzusteigen. Harald Rapp prangerte die hohe Abhängigkeit vom Ausland an. „Wir müssen Ressourcen besser nutzen und wieder selbstständiger werden“, forderte der Stadtentwickler. Prof. Dr. Markus Blesl erklärte anschließend das Exposé. Er ging auf die aktuelle Situation in Deutschland ein, wo das neue Gebäudeenergiegesetz (GEG) alles technologieoffener, flexibler und einfacher macht. Nach einer Ist-Situation der Versorgungsgebiete ist festzuhalten, dass Kolbermoor große Gebiete aufweist, die mit Erdgas versorgt werden. Insgesamt versorgen Erdgas und Heizöl fast 80 Prozent der Stadt.

Positiv dabei: Es existieren bereits drei Teilwärmenetze, ein Teil der Siedlungsfläche wird mit Einzelversorgungsoptionen versorgt. Darüber hinaus gibt es drei Wärmenetze: Kolbermoor Mitte, das mit Abstand größte, Am Glasberg und Kolbermoor-Stangelmayer. Die spezielle Liniendichte (Verbräuche entlang eines Straßenabschnitts dividiert durch Länge des Straßenabschnitts) ist die Orientierungsgröße, so Blesl, ob ein Gebiet wirtschaftlich ist.

Potenziale
für den Netzausbau

Die Potenzialanalyse des Wärmeversorgungssystems zeigte dies dann deutlich auf: Das Industriegebiet angrenzend an Rosenheim ist von der Abnehmerdichte her für eine Wärmenetzanbindung geeignet. Es ermöglicht zudem die Dekarbonisierung der Fernwärmenetze in Kolbermoor. Auch die angrenzenden Gebiete weisen eine hohe Liniendichte aus – Anschlusspotenzial ist gegeben. Das Quartier Adolf-Rasp-Schule könnte ein möglicher Ankerpunkt für ein neues Wärmenetz sein. Auch dieses Quartier weist eine hohe Liniendichte aus. Aufgrund der Entfernung zu den bisherigen Wärmenetzen erscheint übergangsweise eine Wärmeinselnetzlösung notwendig. Untersucht wurde auch eine direkte Erweiterung des Fernwärmenetzes Kolbermoor-Mitte. Die Gebiete um das bestehende Wärmenetz bieten eine hohe Liniendichte, wodurch Anschlusspotenzial vorhanden ist. Zu einer Ausweitung über die möglichen Gebiete und Quartiere hinaus stellte Blesl fest: „Eine Erweiterung in Richtung Norden ist derzeit wirtschaftlich aufgrund der Querung der Bahngleise nicht darstellbar. Im Süden wiederum ist eine direkte Ausweisung aktuell ebenfalls nicht angebracht (zeitlicher Horizont unsicher).“

Der Professor ging dann auch auf die Potenziale bezüglich erneuerbarer Energien (EE) in Kolbermoor ein. Das Biomassepotenzial beträgt rund 2.475 Megawattstunden. Die Solarthermie hat nur ein begrenztes Freiflächenpotenzial.

Prinzipiell wäre auch eine oberflächennahe Geothermie möglich. Das Potenzial der Tiefengeothermie wird aktuell von den Stadtwerken Rosenheim untersucht. Für Flusswärmepumpen gibt es leider kein Potenzial. Als weitere Standorte gäbe es „Am Damm“ eine größere Freifläche, auch an der Staatsstraße neben dem Sportplatz, allerdings ist diese nicht in städtischer Hand.

Zielszenario
und nächste Schritte

Im Blick auf das Zielszenario ist festzuhalten, dass beim Quartier Industriegebiet ein Anschlusshorizont von vier bis fünf Jahren reell ist. Beim Quartier Adolf-Rasp-Schule ist eine Energiezentrale bis 2031 vorgesehen, dann ein Anschluss an das Erweiterungsgebiet Fernwärmenetz Kolbermoor-Mitte (bis 2036). Bei den direkten Erweiterungsgebieten des Fernwärmenetzes Kolbermoor-Mitte liegt der Horizont zwischen 2030 und 2035.

Nicht einfach ist die Umsetzung dieser Maßnahmen: Die energetische Sanierung im Gebäudebestand soll durch den Verein „Energie Beratung Kolbermoorer e.V.“ unterstützt werden. In den Gasnetzgebieten muss der Anteil erneuerbarer Energien entsprechend des GEG erhöht werden. Das bedeutet mindestens 15 Prozent EE-Anteil bis 2029 und 30 Prozent bis 2035.

Detailplanungen
zur Erschließung

Eine Detailplanung bezüglich der Erschließung des Quartiers Industriegebiet erfolgt mit dem Ziel der Transformation des Wärmenetzes. Für das Quartier Adolf-Rasp-Schule wird eine Machbarkeitsstudie für die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) angestoßen, um eine Detailplanung zu erhalten. Die Erweiterung und Verdichtung im Gebiet um die Farrenpointstraße kann aktiv vorangetrieben werden, da hier ein hoher Anschlussgrad Voraussetzung für einen späteren Anschluss des Quartiers Adolf-Rasp-Schule ist. Über allem aber steht die Notwendigkeit, eine aktive Kundenakquisition in den vorgesehenen Erweiterungsgebieten für die Erweiterung des Wärmenetzes zu betreiben.

Kolbermoor
mit Standortvorteil

Harald Rapp stellte am Schluss noch den Kolbermoorer Standortvorteil heraus: „Sie haben in Kolbermoor den Vorteil, Sie haben einen eigenen Versorger, der schon Netze hat. Das heißt die Wertschöpfung liegt hier und nicht irgendwo in Deutschland oder im Ausland!“

In der anschließenden kurzen Diskussion schälte sich heraus, dass viele Menschen einfach verunsichert sind und die Akzeptanz fehlt. Gerade Eigenheimbesitzer im Alter um die 65 bis 70 Jahre scheuen sich hier vor Investitionen angesichts der negativen „Habeck-Erfahrungen“. Dieter Kannengießer, Zweiter Bürgermeister, bedankte sich für die ausführlichen Erläuterungen durch die Herren der „AGFW“, kritisierte aber den äußerst geringen Bürgerbesuch.

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