Was sollen uns die Rosen sagen? Foto RE
Bad Aibling – Als der Vorhang im großen Saal des Bad Aiblinger Kinos für 150 neugierige Besucher aufging, zeigte der Trailer zum Dokumentarfilmfestival Nonfiktionale einen Ziegenhirten in den Bergen, dessen Tiere aufs Wort hören. Mit wenigen Einstellungen brachte der Trailer das Motto des Festivals auf den Punkt: „Mehr als der Mensch“. Nach dem Applaus betraten Tamara Danicic und Melanie Liebheit die Bühne. Sie hatten mit ihrem Team monatelang 120 Filme gesichtet, Klinken für neue Sponsoren geputzt und das Festival mit viel ehrenamtlichem Engagement bis ins kleinste Detail vorbereitet. Ihre Gesichter strahlten, ihre Herzen schlugen höher – endlich ging es los.
Bis zum morgigen Sonntag laufen 17 ausgesuchte Filme im Hauptprogramm. Zusätzlich werden Kurzdokumentationen in Schulvorstellungen und im Jugendzentrum Jims Bergwerk gezeigt. Dort läuft unter anderem das Porträt einer weltweit einzigartigen Schnecke sowie Filme über Tiere, die zufällig von Google Street View eingefangen wurden.
Die Nonfiktionale hat sich etabliert. Beim Festival-Start vor 18 Jahren kürte die Presse den Kurort zur „Filmstadt Bad Aibling“. Eine hohe Bürde, doch die Macher haben die Herausforderung angenommen. Heute gehört das Fest des dokumentarischen Films so selbstverständlich zur Stadt wie die Krokusse und Schneeglöckchen im Kurpark. Die Nonfiktionale zählt zu den kulturellen Höhepunkten, da sind sich alle im Saal einig.
Der rote Faden des Festivals passt perfekt zum Frühling. Weg vom Menschen als Maß aller Dinge, richtet es den Fokus auf die Natur, auf die Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Und das in Zeiten, in denen das Klima angesichts der zahlreichen Krisen auf der Welt in Vergessenheit gerät.
Das Motto „Mehr als der Mensch“ macht auch der Eröffnungsfilm „Die toten Vögel sind oben“ deutlich. Er handelt von dem visionären Landwirt Jürgen Mahrt. In den 1880er-Jahren geboren, wurde er Zeuge von zwei Weltkriegen und des Artensterbens. Für eine Fotokamera verkaufte er einen Teil des Landes, das seine Familie seit Generationen bewirtschaftete. Er beobachtete systematisch Vögel, katalogisierte und präparierte sie wie ein Wissenschaftler. Die Filmemacherin Sönje Storm dokumentiert das Lebenswerk ihres Urgroßvaters akribisch und präzise. Mindestens die Hälfte der Schmetterlinge aus den Dioramen ist längst ausgestorben.
Diskussionen gehören zum Markenkern der Nonfiktionale. Der Film hat bereits auf dem renommierten Dokumentarfilmfest in Leipzig gewonnen. Jetzt kam seine Regisseurin in Bad Aibling auf die Bühne und wurde von Tamara Danicic interviewt. Auch das Publikum konnte Fragen stellen und so den Horizont noch mehr erweitern.
Zur Tradition gehört auch die Eröffnungsfeier. Im Weinkeller des Hotels Lindner wurde bis Mitternacht weiterdiskutiert. Die Nonfiktionale hat sich zum bundesweiten Branchentreffpunkt entwickelt. Wer wird den mit 2.000 Euro dotierten Preis der Stadt Bad Aibling gewinnen? Zu den vielen Förderern und Sponsoren zählt seit Jahren auch Jörg Blaesig. Der Architekt schaut sich alle Filme an und nimmt sich für die Nonfiktionale extra frei. Urlaub im Kino. Und am morgigen Sonntag auf der Abschlussparty wird auch das Geheimnis gelüftet, wer diesmal die Moorfigur auf den Plakaten darstellt.