Die kleinen Oscars aus Bad Aibling

von Redaktion

Preisverleihung bei der Nonfiktionale: Film aus dem Wiener Tierschutzhaus gewinnt. Produktion über den Aberglauben in einem bulgarischen Dorf erhält Bürgerpreis. Bester Kurzfilm handelt vom Lithium-Abbau in Argentinien und seinen Folgen für die Umwelt. Bürgermeister und Landrat loben Teamarbeit der Organisatoren.

Bad Aibling – „Wir erleben hier die Konkurrenzveranstaltung zur Oscarverleihung in Los Angeles“, frotzelte Landrat Otto Lederer auf der Bühne des Aibvision-Filmtheaters. Immerhin bietet die Nonfiktionale seit 18 Jahren äußerst sehenswerte Werke aus der Dokumentarfilmbranche.

Das Motto „Mehr als der Mensch“ war nicht nur passend zum Frühling gesetzt, sondern auch ein politisches Statement. In Zeiten, in denen Klimaschutz immer mehr in Vergessenheit gerät, stand nicht die vermeintliche Krone der Schöpfung im Mittelpunkt der 17 ausgesuchten Filme des Hauptprogramms. Flora und Fauna, Tiere und Landschaften spielten auf der Leinwand vier Tage lang die Hauptrolle.

Berührende Momente
der Wertschätzung

Bürgermeister Stephan Schlier verlieh den mit 2.000 Euro dotierten Hauptpreis der Stadt Bad Aibling an Flavio Marchetti. Der im Jahr 1980 in Rom geborene Regisseur studierte an der Filmakademie in Wien. Dort drehte er seinen Film „Tiere und andere Menschen“, ein Porträt des Wiener Tierschutzhauses, das seit 170 Jahren in Betrieb und eines der ältesten Tierheime Europas ist. „Ein einfühlsamer Film über die Haltung von Tieren. Die Kamera begleitet Tierärzte und Pfleger ohne eingreifende Kommentare oder Interviews“, so die Begründung der Jury. Immer wieder gibt es berührende Momente der Wertschätzung, wenn dem Kakadu aus einem Kinderbuch vorgelesen wird oder der Schimpanse einen Strohhalm für seinen Lieblingssaft erhält.

Die drei Jurymitglieder sind selbst Profis. Dagmar Mielke ist bei Arte für den künstlerischen Dokumentarfilm zuständig. Max Sänger arbeitet als Regisseur und Editor. Agata Wozniak hat im Jahr 2016 selbst den Nonfiktionale-Preis gewonnen.

Der Bürgerpreis von 500 Euro, gestiftet vom Architekten Jörg Blaesig und der Familie Rockstroh, ging an „Stille Beobachter“. Mit viel Liebe zum Detail und hervorragender Kamera- und Schnittarbeit erzählt Eliza Petkova aus dem Blickwinkel der Tierbewohner die Geschichte von einem Dorf, in dem der Aberglaube noch eine wichtige Rolle spielt.

Der beste Kurzfilm kam aus Argentinien. „Oro Blanco“ kritisiert den Lithium-Abbau in der argentinischen Wüste. Dafür wird das letzte Süßwasser verbraucht. Die Bewohner und Tiere zahlen den Preis.

„Wir haben in den vier Tagen unter anderem gelernt, wie die Umwelt für Lithium-Batterien geopfert wird, wie lang der Weg von Rosen aus Ecuador bis zu unserer Supermarktkasse sein kann oder dass sich Pflanzen unterhalten“, sagte Tamara Danicic. Zusammen mit Melanie Liebheit leitet sie das Festival. Beide zogen eine positive Bilanz. Die Resonanz beim Publikum war groß, die Gesprächskultur nach den Filmen ging wie gewohnt in die Tiefe. „Ohne ihn ginge jedoch gar nichts“, erwähnten die Festivalmacher: Robert Siersch vom Kino Bad Aibling bekam den größten Applaus.

Ein Trailer fasste die erfolgreiche medienpädagogische Zusammenarbeit mit den Schulen zusammen. Die Schüler schreiben Filmkritiken, produzieren Dokumentarfilme und sind Mitglied in der Jury. Außer dem Gymnasium Bad Aibling beteiligen sich auch das Gymnasium Bruckmühl sowie die Grund- und Mittelschule St. Georg.

Dass sich die Nachwuchsarbeit lohnt, zeigt Philipp Thurmaier. Er saß vor zwölf Jahren in der Schülerjury. Heute dreht er selbst Filme und fotografiert. Auf der Nonfiktionale kümmert er sich ehrenamtlich unter anderem um das Programm in JiMs Bergwerk. Im Jugendtreff widmete sich diesmal ein Ausstellungsraum Bildern, bei denen Tiere zufällig von Google-Street-View-Kameras eingefangen wurden.

Die ganze Welt ist
ein Naturschutzgebiet

Thurmaier moderierte auch das Gespräch nach dem Film „Space Dogs“, dem Film über Moskauer Straßenhunde in der Tradition von Laika. Die flog als erste Erdenbewohnerin in den Weltraum und verlor beim Wiedereintritt in die Atmosphäre ihr Leben.

Auch der Gründer der Nonfiktionale mischt nach wie vor im Team mit. Boris Tomschiczek studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste sowie Dokumentarfilm an der HFF München. „Die Kulturverantwortlichen im Landratsamt Rosenheim haben sehr viel geholfen am Start“, sagt er. Jahrelang begleitete er Schüler bei ihren Filmprojekten. Um die Natur nicht nur auf der Leinwand, sondern auch real zu erleben, machte das Nonfiktionale-Team zusammen mit einem Experten vom Landesbund für Vogelschutz einen Ausflug in die Sterntaler Filze zum Vogelbeobachten.

Quasi als Vorbereitung für den Film von Regisseur Jörg Adolph am Sonntag. In „Vogelperspektiven“ begleitet er den bayerischen LBV- Chef Norbert Schäffer bei seinem Kampf für den nachhaltigen Umgang mit der Natur. Außerdem zeigt er die Schönheit und Ästhetik der Vogelwelt. Einmal zoomt die Kamera auf das bekannte Schild „Naturschutzgebiet“. Darüber hat jemand handschriftlich ergänzt: „Die ganze Welt ist ein“.

Die ganze Welt ist ein Naturschutzgebiet. Man kann es nicht oft genug wiederholen. Eine von vielen Einstellungen, die beim genauen, ruhigen und akribischen Hinschauen der Dokumentarfilmer hängen geblieben sind. Bis es dann im kommenden Jahr auf der Nonfiktionale wieder vor jeder Vorstellung heißt: „Wir wünschen eine gute Projektion!“

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