Kolbermoor – Gewohnt war man, dass man sich über sechs Wochen mindestens drei Tage in der Woche von früh bis spät sah. Jetzt dauerte es genau 61 Tage, bis man wieder in gewohnter Formation zusammenkam. Am vergangenen Freitag wurde die 17. Tanzsaison der Kolbermoorer Schäffler beim wiedereröffneten Brückenwirt mit der Abschlussfeier gekrönt.
Sichtlich zufrieden war auch Schäfflermeister Peter Kloo mit seinen zwei Stellvertretern Christian Staudinger und Christian Rothmeier. Die Disziplin in der Tanzmannschaft war ab dem ersten bis zum letzten Auftritt gegeben – auch, wenn die Tage oftmals lang waren und die Nächte entsprechend kurz. So konnte jeder Teilnehmer einen Schäfflerkrug mit Tanzmotiv sowie das gemeinsame Gruppenbild und ein Trachtenhemd mit eingestickten Schäfflern im Empfang nehmen.
Klirrende Kälte in
den ersten vier Wochen
Erfreulich war auch, dass nach Hunderten von Jahren – in Kolbermoor sind es mittlerweile 140 Jahre – die Sinnhaftigkeit der Schäffler nicht verloren gegangen ist. Wo die Musik aufspielt und die Schäffler tanzen, kommen immer noch die Leute zusammen und erleben eine schöne Zeit im echten Leben. Probleme, Ängste, Sorgen und soziale Medien werden für einen Augenblick vergessen. Mit dem Nachbarn, Bekannten oder Fremden ins Gespräch zu kommen und miteinander zu reden, das ist es doch, was die Menschheit seit ihrer Existenz verbindet.
So schwelgte man an diesem Abend auch gerne in den Erinnerungen des Erlebten. Verlangten doch die ersten vier Wochen den Teilnehmern mit klirrender Kälte einiges an Kondition und Fitness ab. So manch einer musste den Tribut dafür zahlen und notgedrungen erkältet zu Hause bleiben.
So lichteten sich die Reihen vor allem an den ersten zwei Wochenenden durch krankheitsbedingte Ausfälle. Umso größer war die Freude der Betroffenen, nach erfolgreicher Genesung wieder dabei sein zu können. Bestens versorgt war man bei den Auftraggebern, immer mit Speis und Trank, sodass der Gürtel trotz der vielen Bewegung bei dem einen oder anderen nach ein paar Wochen doch etwas zu eng wurde.
Aber mit etwas Disziplin war der „Schäfflerspeck“ danach auch wieder schnell weg. Für die Disziplin in der Gruppe sorgten die sogenannten „Scharfrichter“, welche sprichwörtlich das „Aus-der-Reihe-Tanzen“ sanktionierten. Schlampiges Auftreten, Vertanzen, Zuspätkommen, aber auch das Fehlen beim Einzug oder beim Abmarsch wurden mit einer kleinen Strafe sanktioniert. Denn trotz aller Heiterkeit und Fröhlichkeit darf man nicht vergessen, dass man Dienstleister ist und bei jedem Auftraggeber einen ordentlichen Tanz abzuliefern hat.
Hinter den Kulissen wurde es vor allem für die Trachtenwartin Maria Unterlinner nicht langweilig. Durchtanzte Socken mussten getauscht werden, verloren gegangene Knöpfe mussten erneuert werden und der eine oder andere offene Hosenboden war noch über Nacht zu nähen. Ein besonderer Dank galt dabei auch der Musik am Wasen, welche die Schäffler wieder begleitete. Ob bei eisiger Kälte, nass-feuchtem Wetter oder strahlender Sonne: Sie trotzten jedem Wetter und gaben dem Tanz die nötige Würze – auch, wenn das Stück bis zu elfmal am Tag gespielt wurde. Deswegen muss es zwischen Tänzern und Musik auch besonders harmonieren.
Denn kein Tanz ohne Musik und keine Musik ohne Tanz – so lebten beide Gruppen in dieser Zeit in einer gegenseitigen Symbiose und wuchsen dabei zu einer starken Gemeinschaft zusammen. Und wie es im Leben so ist, gewöhnt sich der Mensch schnell an die schöne Zeit. Man fieberte schon am Montag während der Arbeit wieder dem Freitag entgegen, um endlich wieder das Tanzbein schwingen zu können.
Sichtlich gedrückt war daher dann auch die Stimmung vor dem letzten Tanz. Vom Kolbermoorer Trachtenheim ging es zum Marktplatz vor dem alten Kolbermoorer Rathaus. Bereits nach wenigen Metern warteten schon die ersten Schaulustigen auf „ihre Kolbermoorer Schäffler“. Und so gab man noch einmal alles, um einen letzten schneidigen Tanz zu absolvieren. Mit den Reden des Schäfflermeisters, seinen Stellvertretern und den Kasperln war es dann doch auf einen Schlag vorbei.
Nach einem kurzen Abmarsch verweilte man noch in der Menge und die Zacherl waren bei den meisten nicht mehr zu stoppen. Zu viel hatte man doch gemeinsam in den vergangenen sechs Wochen erlebt. Weil wer weiß, was in den nächsten sieben Jahren alles passiert, ob im großen Weltgeschehen oder im kleinen Persönlichen? Ein jeder ist dann wieder froh, wenn es heißt „Auf geht’s! Die Kolbermoorer Schäffler tanzen wieder.“
Zum Glück hat sich vor 133 Jahren in der tanzfreien Zeit dadurch der Kolbermoorer Trachtenverein Immergrün gegründet, sodass die „Übergangszeit“ in der gemeinsamen Brauchtumspflege sinnvoll genutzt werden kann.