Kolbermoor – Es ist ein Ziel, das sich vermutlich jede Kommune gesetzt hat: ein familienfreundlicher Ort zu werden. Kolbermoor scheint auf dem besten Weg dorthin zu sein. Zumindest was die Vogelwelt anbelangt. Denn nach dem Storchenpaar Kaira und Felix gibt es jetzt auch vom Turmfalkenpaar, das sich unter dem Dach eines Mehrfamilienhauses an der Heubergstraße angesiedelt hat, frohe Kunde.
Rätselraten um die Zahl
der geschlüpften Küken
Dabei hatte die Herbergssuche der Kolbermoorer Turmfalken im vergangenen Jahr alles andere als erfolgreich begonnen. Das Vogelpaar hatte unter dem Dach des Mehrfamilienhauses zwar ein neues Zuhause gefunden. Doch bereits kurze Zeit später rückten Bauarbeiter für eine Sanierung des vierstöckigen Hauses an.
Was wiederum Petra Oschmann aus dem gegenüberliegenden Mehrfamilienhaus auf den Plan rief, die gemeinsam mit ihrem Mann Michael vom eigenen Balkon aus das agile Vogelpaar bestens im Blick hatte. Und mit ihrem Vorstoß beim Landratsamt Rosenheim einen Teilerfolg erzielte. So untersagte die Behörde den Baufirmen in einem bestimmten Zeitraum rund um den Brutplatz der Vögel „störende Arbeiten“. Und dennoch machte das Falkenpaar letztlich den Abflug.
Doch seit dem Frühjahr ist das – oder zumindest ein – Falkenpaar zurück. Und was Petra Oschmann aufgrund der Aktivitäten rund um die tierische Dachgeschosswohnung bereits vermutet hat, ist nun Fakt: Die Falken haben Nachwuchs bekommen. Wie viele Jungfalken dort auf ihre erste Flugstunde warten, bleibt aber ein Rätsel. „Zunächst habe ich drei kleine Köpfchen gezählt, mittlerweile sogar vier“, sagt Petra Oschmann, für die die Vogelbeobachtung zu einem ihrer liebsten Hobbys geworden ist.
Auch wenn ihr die derzeit aufblühende Vegetation das Beobachten schwer macht, wie Oschmann lachend anmerkt. „Durch das Grün der Bäume ist es gar nicht so leicht, die Tiere in ihrem Nest zu beobachten“, erzählt die 60-Jährige. „Wenn dann auch noch ein Wind geht und die Äste hin- und herwehen, wird‘s besonders schwierig.“ So kommt für die Kolbermoorerin die Vogelbeobachtung fast schon einer Turnübung gleich: „Wenn ich mich ducke, dann kann ich manchmal ganz gut rübersehen. Oder ich hole die Leiter und versuche es aus der Höhe.“
Für die 60-Jährige ist es jedenfalls etwas „Wunderbares“, den Lauf der Natur direkt vor dem eigenen Wohnzimmer live mitverfolgen zu können. Auch ihren Mann hat diese Begeisterung ergriffen, auch wenn er nicht immer live dabei sein muss. „Er sieht sich dann meistens danach einfach die Fotos und Videos an, die ich gemacht habe“, sagt Petra Oschmann und lacht. Zumal sie den Tieren auch ihre Privatsphäre gönnen will: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie, trotz der weiten Entfernung zwischen meinem Balkon und dem Nachbarhaus, mich anschauen und mir mitteilen wollen: ,Jetzt lass uns doch mal in Ruhe‘“.
Privatsphäre – ein wichtiges Stichwort, wie Falknerin Kim Eder aus Mehring weiß, die eng mit Patrick Mittermaier, Vorsitzender der Wildvogelhilfe Roßhart aus Edling, zusammenarbeitet. „Am besten sollte das Turmfalken-Paar nicht beachtet und nicht gestört werden“, sagt Eder, die konkretisiert: „Es sollte also beispielsweise nicht ständig neuen Leuten das Nest gezeigt werden.“ Die Aufzucht der Jungtiere machen die Eltern „komplett allein“, so die Falknerin weiter. Daher sollte auch keinesfalls Futter ausgelegt werden. Wer Wasser beziehungsweise eine Vogeltränke aufstellen will, müsse darauf achten, dass diese für Katzen und andere Tiere unzugänglich sind.
Und was ist, wenn ein Jungvogel unabsichtlich aus dem Nest geplumpst ist und beispielsweise auf der Straße oder in der Wiese sitzend gefunden wird? „Im Grunde braucht jeder Vogel Hilfe, der am Boden gefunden wird“, sagt Mittermaier von der Wildvogelhilfe Roßhart. Ausnahmen gäbe es nur bei wenigen Vogelarten, beispielsweise bei Amseln und Rabenkrähen, deren Jungtiere in den ersten Tagen nach der Nestflucht oftmals am Boden oder in Büschen unterwegs seien. „Bei Eulen ist es so, dass sie ab und zu mal auf dem Boden sitzen und sehr hilflos aussehen. Aber die fliegen dann auch wieder hoch in ihr Nest“, weiß der Edlinger.
Ein auf den ersten Blick hilfloser Jungvogel sollte laut Mittermaier zunächst „gesichert“, anschließend ein Experte, beispielsweise die Wildvogelhilfe Roßhart unter der Telefonnummer 0151/74257623 kontaktiert werden, der dann mit Rat und Tat zur Seite steht. Am wichtigsten sei beim Vogelfund ausreichende Wärme für das Tier, so Mittermaier, da Vögel eine höhere Körpertemperatur hätten, als der Mensch.
Gefundenen Vögeln
kein Wasser geben
„Todesursache Nummer eins ist, wenn besonders junge Vögel kalt werden“, weiß Mittermaier, der rät, Fundvögel beispielsweise in eine Schachtel mit einem warmen Kirschkernkissen unterzubringen. Falknerin Eder ergänzt, dass der mit Luftlöchern versehene Karton aber auch nicht in der Sonne stehen sollte, zudem nicht für andere Tiere erreichbar sein darf.
Was Vogelfinder zudem auf keinen Fall tun sollten: dem gefundenen Tier Nahrung oder Wasser geben. „Vögel haben hinter ihrer Zunge ihre Atemöffnung“, erklärt Mittermaier. „Wenn man dort jetzt Wasser einführt, kann es in die Lunge laufen und zu einer Lungenentzündung oder zum Ersticken führen.“