Ehepaar sorgt für Ordnung im Kirchenarchiv

von Redaktion

Seit 2021 hat ein Ehepaar aus Kolbermoor gemeinsam mit einem Helfer das Archiv der örtlichen Stadtkirche geordnet. Die drei Freiwilligen übersetzten rund 1.200 Seiten alter Dokumente aus der Kurrentschrift und digitalisierten sie. Dabei stießen sie auch auf historische Details zur Entstehung der Pfarrgemeinde.

Kolbermoor – Seit Jahrzehnten wird Ärzten eine nahezu unleserliche Handschrift nachgesagt. Dass dieses Phänomen aber nicht nur Ärzte, sondern scheinbar auch Geistliche betrifft, davon kann das Kolbermoorer Ehepaar Regina (66) und Manfred Rackl (65) ein Lied singen. Zumindest wenn es sich um Kirchenvertreter aus dem 19. Jahrhundert handelt, die ihre Worte noch in der sogenannten Kurrentschrift auf Papier gebracht hatten. Um das Archiv der Kolbermoorer Stadtkirche für kommende Generationen zu sichern, hat das Ehepaar in den vergangenen Jahren mehr als 1.000 Seiten „übersetzt“ und digital archiviert. Und dabei tiefe Einblicke in die Entstehung der Pfarrgemeinde bekommen.

Kontrollschleifen,
um Fehler zu vermeiden

Ausgangspunkt des ganzen Aufwands: Der Umbau des Kolbermoorer Pfarrhauses an der Rainerstraße vor rund sieben Jahren, in Zuge dessem im Obergeschoss ein Archivraum eingerichtet worden war. Doch ein Archivraum ist natürlich nur von Nutzen, wenn dort Unterlagen sinnvoll sortiert aufbewahrt werden. Die alten Unterlagen der Pfarrgemeinde fristeten ihr Dasein jedoch unsortiert in unzähligen Umzugskartons. Denen nahm sich schließlich Regina Rackl an, die sich seit Jahren in der Pfarrgemeinde, unter anderem als Leiterin des Bücherstüberls, engagiert.

So nahm sich Rackl zunächst eine Kiste nach der anderen vor, um die Schriftstücke zu sortieren und in verschiedene Bereiche zu unterteilen – von der Rechnung über den Bauplan bis zum Schriftverkehr zwischen der Kirchengemeinde und dem Erzbistum. „Das war schon sehr spannend. Bei den Rechnungen bin ich beispielsweise immer wieder auf Firmen gestoßen, die auch heute noch in Kolbermoor den Menschen ein Begriff sind“, erzählt Rackl.

Nicht weniger spannend: Hunderte Briefe, die beispielsweise mit der Gründung der Pfarrgemeinde oder dem Bau der Kirche Heilige Dreifaltigkeit in Verbindung stehen. Doch es gab ein großes Problem: Die Kurrentschrift mit ihren verschnörkelten und geneigten Buchstaben in Kombination mit einem heute völlig veralteten Satzbau und Wörtern, die im Sprachgebrauch schon lange nicht mehr zu finden sind, machte das Lesen der Briefe nicht nur schwer, sondern fast unmöglich.

„Ich habe wochenlang überlegt, wer diese Schrift vielleicht entziffern kann“, erzählt Rackl, die schließlich „eigentlich nur aus Spaß“ ihren Bekannten Karl Zimmer, damals bereits Mitte 80, fragte. „Er hat sich dann gleich bereit erklärt. Und als ich ihm die ersten Briefe gebracht habe, ging das bei ihm richtig gut“, erzählt Rackl, die im Gespräch immer wieder betont, dass das Archiv-Projekt ohne Zimmers Hilfe „eigentlich nicht möglich gewesen“ sei.

So wanderte ein Brief nach dem anderen zu Zimmer, der, je nach Schriftbild, Inhalt und Länge, mal 20 Minuten, mal eine ganze Woche für die „Übersetzung“ einer Seite benötigte. „Das hat ihm richtig Spaß gemacht“, erzählt Rackl. „Der hatte richtig Freude, daran, die Schriftstücke zu lesen, weil es auch wirklich spannend war.“

Wobei nicht nur Zimmer auf den Geschmack kam, sondern bald auch Rackls Mann Manfred, der ins Archivprojekt ebenfalls „voll eingestiegen“ ist. Doch Manfred Rackl versuchte sich nicht nur an der „Übersetzung“ der Schreiben, sondern half auch beim Abtippen der Briefe. Und entwickelte letztlich die Strategie, wie die Unterlagen bestmöglich für die Nachwelt erhalten bleiben und für die Mitarbeiter des Pfarrbüros zugänglich gemacht werden können. So wurde letztlich das Originalschriftstück zunächst eingescannt, die „Übersetzung“ in einer Textdatei erfasst.

Nach mehreren zusätzlichen Kontrollinstanzen, die Übersetzungsfehler weitgehend ausmerzen sollten, wurden das gescannte Originaldokument sowie die „Übersetzung“ schließlich in einer pdf-Datei zusammengeführt und über einen nummerierten Dateinamen katalogisiert. So kann über eine Excel-Anwendung per Stichwortsuche nun auf ein bestimmtes Dokument zugegriffen werden.

Manfred Rackl hatte sich zudem die Mühe gemacht, bestimmte Dokumente mit den Lebensläufen der dort erwähnten Persönlichkeiten zu ergänzen. Eine Arbeit, die das Ehepaar Rackl zwar unzählige Freizeitstunden gekostet hat, in erster Linie aber auch extrem spannend war. So konnten Rackls nicht nur mitverfolgen, wie die Finanzierung des Kirchenbaus auf die Beine gestellt worden war, sondern erfuhren auch, dass beim Bau der Kirche ein Arbeiter am Tag vor dessen Hochzeit tödlich verunglückt war.

Neben tragischen Geschichten gab‘s aber auch viel zu Schmunzeln – so etwa, wenn schriftlich festgehalten worden war, mit welcher Bezahlung, zu der auch Bier oder eine Leberkassemmel gehörte, ein Hilfsgeistlicher rechnen konnte.

Mittlerweile sind Rackls, deren Spurensuche im Jahr 1863 begonnen hatte, im Jahr 1925 angelegt – und damit mit ihrer Aufgabe eigentlich fertig. Denn Dokumente aus dieser oder noch jüngerer Zeit seien „in der Regel sehr gut lesbar und verständlich, da vieles bereits auf der Schreibmaschine geschrieben worden ist“, wie Regina Rackl verrät. Insgesamt hat das Kolbermoorer Ehepaar gemeinsam mit Karl Zimmer seit 2021 rund 1.200 Seiten „übersetzt“, aus denen rund 800 Einträge im Archiv geworden sind, was einem Datenvolumen von rund 3,5 Gigabyte entspricht.

Lust auf Bücher ist
verloren gegangen

Wie es nun mit seiner Arbeit am Kirchenarchiv weitergeht, will das Ehepaar zunächst auf sich zukommen lassen. „Wir lassen das vorerst offen“, sagt Regina Rackl, die die freigewordene Zeit beispielsweise in Zeit mit ihren Enkelkindern investieren will. Auch Bücherlesen gehört – mittlerweile – wieder zum Hobby der Rackls. Während der Archivarbeit hat das Ehepaar hingegen einen weiten Bogen um Bücher und Co. gemacht. „Nach dem Lesen der ganzen Schriftstücke hatte man keinen Bock mehr, auch noch etwas Anderes zu lesen“, sagt Manfred Rackl und lacht. Seine Frau ergänzt: „Da haben wir uns dann lieber von einem stinknormalen Film berieseln lassen.“

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