Kolbermoor – Wenn Renate Carta (70) mit ihrem Hund Sedi zur Gassirunde aufbricht, dann profitiert nicht nur der Vierbeiner davon. Denn auf ihren Runden durch die Stadt, die bis zu fünf Kilometer lang sind, sammelt die Rentnerin Müll ein, der ihr auf ihren Wegen ins Auge fällt. Vor allem Zigarettenstummel, achtlos weggeworfen, sind ihr ein Dorn im Auge. „In den vergangenen Jahren habe ich locker eine Million Kippen in Kolbermoor aufgesammelt“, sagt die 70-Jährige, die anderen Menschen ein Vorbild sein will. Getreu einem ihrer Lieblingszitate des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho: „Die Welt verändert sich durch Dein Vorbild, nicht durch Deine Meinung!“
45 Jahre als
Krankenschwester
Letztlich war es auch eine große Veränderung in ihrem Leben, die Renate Carta zur ehrenamtlichen Müllsammlerin in Kolbermoor ausgemacht hat. Als sie nach 45 Jahren ihren Beruf als Krankenschwester an den Nagel gehängt hatte, nahm sich die heute 70-Jährige vor, „auf jeden Fall auch weiterhin etwas Sinnvolles zu tun“. Schnell war für die Kolbermoorerin aber klar, dass es nichts mehr mit ihrem Beruf zu tun haben sollte: „Ich habe damals noch einige Menschen palliativ beim Sterben begleitet“, erzählt Carta. „Das wollte ich dann aber nicht mehr machen.“
Bei Spaziergängen durch Kolbermoor war ihr dann aufgefallen, wie viel Müll auf Wegen, auf Wiesen und in Büschen zu finden ist. Müll, der nicht nur das Stadtbild verschandelt, sondern gar lebensgefährlich sein kann. Stichwort Zigarettenkippen: „Die können in der Natur, aber auch für Menschen und Tiere erheblichen Schaden anrichten“, sagt Carta, die beispielsweise darauf verweist, dass ein Zigarettenstummel im Mund eines Kleinkindes im schlimmsten Falle tödlich enden kann. Für Hunde sei das Nervengift Nikotin ebenfalls gefährlich – beispielsweise freigesetzt in einer Pfütze, aus der ein Vierbeiner dann trinkt.
So begann Carta Ende 2021 damit, auf ihren Touren durch die Stadt Zigarettenkippen aufzusammeln. Innerhalb von nur drei Wochen hatte die rüstige Rentnerin bereits rund 1.000 Stummel aus der Landschaft entfernt – mittlerweile, also rund fünf Jahre später, „dürften es locker eine Million“ sein. „Ich habe aber gesehen, dass man das schon gut in den Griff bekommen kann, und daher einfach immer weitergemacht“, verrät Carta, die nun täglich ihre Gassirunde mit Hund Sedi für ihre persönliche Ramadama-Aktion nutzt.
Viel Müll rund
um die Supermärkte
In der Regel ist sie dabei auf der Spinnereiinsel und dort an der Mangfall unterwegs, aber auch das Gebiet rund um den Alten Friedhof oder an der Pauline-Thoma-Schule gehört zu ihren Revieren. Spezielle Brennpunkte in puncto Müll hat sie unter anderem rund um Supermärkte oder im Umfeld eines großen Fast-Food-Lokals gemacht, wo der ein oder andere Gast die Essensverpackungen nicht im Mülleimer entsorgt.
Für Carta besonders erschreckend: „Gerade Zigarettenkippen, aber auch anderen Müll, findet man oftmals in der Nähe von Spielplätzen in Kolbermoor“, sagt die 70-Jährige, die als Sünder Eltern im Verdacht hat, die ihrem Nachwuchs dort beim Spielen zusehen. „Da sind Mülleimer direkt in der Nähe. Ich verstehe nicht, wieso man seinen Müll dann nicht dort entsorgen kann.“ Ebenso ergeht es ihr mit Menschen, die auf der Spinnereiinsel grillen „und dann ihren ganzen Dreck dort liegen lassen“.
Und wie reagieren die Kolbermoorer auf ihren ehrenamtlichen Einsatz? „Ganz unterschiedlich“, sagt die 70-Jährige, die auch keine Scheu davor hat, Menschen, die sie bei Müllsünden beobachtet, direkt anzusprechen. „Da gibt es schon viele, die dann peinlich berührt sind und ihren Müll aufheben, aber auch welche, die aggressiv werden.“ So habe ihr eine Frau schon mal rotzfrech erwidert: „Halt dein Maul, du Alte!“ Ein junger Mann, der mit seiner Freundin auf einer Parkbank gesessen und sie beobachtet habe, sei dagegen aufgestanden und habe ihr geholfen, den Müll einzusammeln.
Ganz klar: Die positiven Rückmeldungen aus der Bevölkerung für Cartas Engagement überwiegen. Bestes Beispiel: Eine Nachbarin, die der 70-Jährigen beim OVB-Besuch im Hausflur des Kolbermoorer Mehrfamilienhauses begegnet. „Sie ist ein absoluter Engel und kümmert sich wirklich um alles“, sagt die ältere Dame und meint damit auch Cartas Einsatz an den Spundwänden entlang der Mangfall, die als Schutz vor Hochwasser dienen. Dort kümmert sich die Rentnerin unter anderem um neue Pflanzen, um für ein attraktiveres Erscheinungsbild zu sorgen und zugleich Insekten eine Heimat zu bieten.
Renate Carta will die
Bürger sensibilisieren
Wobei Renate Carta durchaus bewusst ist, dass das Einsammeln des Mülls letztlich ein Ärgernis beseitigt, aber noch nicht die Ursache bekämpft. Daher hofft sie, dass sie durch ihren Einsatz die Bürger dafür sensibilisiert, über das eigene Verhalten nachzudenken und Zigarettenkippen, Getränkedosen und Co. richtig zu entsorgen. „Die beiden wichtigsten Dinge, um das zu erreichen, sind Aufklärung und selbst Vorbild zu sein“, sagt die 70-Jährige, die schon festgestellt hat, dass sie nicht die einzige Müllsammlerin in Kolbermoor ist. Dennoch würde sie sich mehr Nachahmer – „am besten ein ganzes Netzwerk für Kolbermoor“ – wünschen. Denn der städtische Bauhof könne dieser Aufgabe ihrer Meinung nach gar nicht alleine Herr werden.
So wird sich Renate Carta auch in Zukunft täglich die Leine ihres Hundes, die Greifzange sowie einen Müllbeutel schnappen und gemeinsam mit Hund Sedi durch Kolbermoors Straßen ziehen, um die Stadt von Unrat zu befreien. Eine Eigeninitiative, die ganz im Einklang mit einem weiteren Lieblingszitat der Kolbermoorerin steht, das aus dem Mund von Albert Einstein stammt: „Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.“