Heißer Gegenentwurf zur künstlichen Intelligenz

von Redaktion

Zum 30-jährigen Bestehen der Schmiedebiennale in Kolbermoor hat in den vergangenen Tagen ein Treffen von 120 europäischen Handwerkern stattgefunden. Aus glühendem Metall formten sie faszinierende Werke und ließen Besucher den Geist dieser Gemeinschaft spüren.

Kolbermoor – Wenn man in Kolbermoor hautnah miterleben kann, wie aus Stahl, diesem Material, das üblicherweise als ein Inbegriff von Härte und Unnachgiebigkeit gilt, durch kundige Hände allmählich filigrane Werkstücke entstehen, kleine Kunstwerke gar – dann ist Schmiedebiennale. Und das Besondere an diesem Fest ist auch, dass diese Veranstaltung, die mittlerweile zu einem Großereignis für die Stadt geworden ist, dennoch den Geist hat bewahren können, mit dem sie vor 30 Jahren ins Leben gerufen wurde: Als „eine Idee unter Freunden, getragen von Begeisterung, handwerklichem Können und dem Wunsch nach Begegnung und Austausch“, wie es Bürgermeister Thomas Rothmaier am Donnerstag bei der Eröffnung der Jubiläumsbiennale formulierte.

Ein Beruf lädt zum
großen Familientreffen

Womit auch genau das beschrieben ist, was die Biennale alle zwei Jahre zu einem Höhepunkt im Veranstaltungskalender der Stadt macht. Jeder, der einmal dabei war, wird es unterschreiben: Man hat das Gefühl, dass die Schmiede, die sich hier treffen – in diesem Jubiläumsjahr sind es 120 aus 14 europäischen Städten – tatsächlich eine große Familie sind. Eine Familie, deren echte Freude über das Wiedersehen geradezu zwangsweise auf alle Besucher überspringt.

Weil auch für die Zuschauer der Arbeiten im Schmiedezelt zu spüren ist: Hier geht es nicht um Konkurrenz, nicht darum, zu zeigen, dass man besser wäre als die anderen. Hier geht es um gemeinsame Hingabe an ein gemeinsames Handwerk, dessen Vielfältigkeit auf dieser Jubiläumsbiennale besonders deutlich werden wird: Es gibt so viele Einzelstände, so viele spezielle Vorführungen, aber auch Fachvorträge wie noch nie. Und für alle, die noch nie dabei waren: Der heutige Samstagabend, an dem die einbrechende Dunkelheit von den Schmiedefeuern erleuchtet werden wird, weil man bis spät noch an den Kunstwerken arbeitet, die dann am Sonntag versteigert werden, zählt mit zu den Biennale-Events, die man einfach nicht versäumen darf.

Dabei reicht eine tiefere Bedeutung der Schmiedebiennale weit über das oberflächlich Sichtbare hinaus. Denn es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn man sagt, dass ein Fest wie die Schmiedebiennale in unserer so turbulenten Zeit auch so etwas wie ein Ankerpunkt der Zuversicht sein kann. Ansatzpunkte gibt es hierfür viele.

Daniela Ludwig, Bundestagsabgeordnete, Staatssekretärin und Schirmherrin der Jubiläumsbiennale, sah in der Biennale einen Gegenentwurf für alle, die in der stetig zunehmenden Vereinnahmung unserer Lebenswelt durch die künstlichen Intelligenzen ein Problem sehen. Ein Handwerk wie das der Schmiede, das von dem engen Zusammenspiel von menschlicher Hand und menschlichem Hirn bestimmt werde, beweise nicht zuletzt eines: dass es sehr wohl Lebensbereiche gäbe, die menschlicher und nicht künstlicher Intelligenz vorbehalten blieben.

Ein Zeichen für den
europäischen Gedanken

Und sie wie auch Thomas Rothmaier betonten, wie viel Hoffnung gerade der bei der Biennale für alle spürbare Zusammenhalt über individuelle und Ländergrenzen hinaus biete: In einer Zeit, in der es scheint, als ob Solidarität, als ob Zusammenarbeit zu immer gefährdeteren Werten würden, ist hier das Gegenteil hautnah zu erleben: dass aus einer kleinen lokalen Idee wie der eines Schmiedetreffens bei genügend Hartnäckigkeit und Leidenschaft etwas entstehen kann, bei dem die Sinnhaftigkeit eines geeinten Europas ganz augenfällig wird.

Friedrich Ebert, der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, sagte 1919: „Demokratie braucht Demokraten.“ Man könnte ihn ergänzen: „Der europäische Gedanke braucht Europäer.“ Und so gesehen haben alle, die heute und am Sonntag der Biennale und ihren verschiedenen Höhepunkten einen Besuch abstatten, auch noch die schöne Gewissheit, ein klein wenig zu diesem großen Gemeinwesen beizutragen.

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