Kolbermoor – Für viele Jugendliche war sie der Zutritt in eine neue Welt, für zahlreiche Eltern hingegen ein Schundblatt: Die Jugendzeitschrift „Bravo“, die früher wöchentlich, mittlerweile aber nur noch monatlich erscheint, feiert am Mittwoch, 26. August, ihren 70. Geburtstag. Doch haben Poster und Starschnitte früher auch Kolbermoorer Kinderzimmer geschmückt? Und Tipps des Dr.-Sommer-Teams die sexuelle Aufklärung in der Region vorangetrieben? Das OVB hat nachgefragt.
Für Karin Maier, Geschäftsführerin des SV-DJK Kolbermoor, war die Zeitschrift Bravo in ihrer Jugend fast schon so etwas wie eine wöchentliche Pflichtlektüre. Allerdings musste sie die Heftchen „heimlich bei meiner Freundin oder Cousine“ lesen, „da ich sie mir nicht kaufen durfte, da es mir meine Eltern nicht erlaubt haben“. Der Grund: „Die Bravo war in ihren Augen zu teuer und pädagogisch nicht wertvoll“, erinnert sich die heute 58-Jährige an die Zeit Anfang der 80erJahre zurück.
Heimliches Lesen bei
Freundin oder Cousine
Was ihr bei der Zeitschrift, die heutzutage nur noch monatlich erscheint, besonders in Erinnerung geblieben ist? Zum einen die Starschnitte, anhand derer sich die jungen Leser Stars und Sternchen als lebensgroße Poster zusammenbasteln konnten. „Ich hatte keines an der Wand“, sagt Karin Maier. „Aber ich fand die Starschnitte von Kim Wilde, Brooke Shields und Madonna sehr schön.“
Eine weitere Rubrik der Zeitschrift, an die sich Maier noch gut erinnert, ist die wohl umstrittenste Rubrik der Bravo: Denn unter dem Titel „Dr. Sommer“ wurden ab Herbst 1969 Fragen rund um die Themen sexuelle Aufklärung und Beziehungen beantwortet. „Das war eine der Rubriken, die ich immer intensiv gelesen habe“, verrät Karin Maier, die überzeugt ist, dass sie dadurch „sehr viel gelernt hat“: „Es war eine super Gelegenheit, hier Aufklärung an echten Beispielen zu erhalten.“
Was Karin Maier beispielsweise völlig vom amtierenden Kolbermoorer Bürgermeister Thomas Rothmayer unterscheidet. Denn auf die Frage, ob er vom Dr.-Sommer-Team der Bravo etwas gelernt habe, antwortet der 41-Jährige kurz und knapp: „Zum Glück nicht.“ Was vielleicht auch daran liegen mag, dass Rothmayer in seiner Jugend kaum die klassische Bravo in der Hand hatte. Dafür habe er „die Bravo Sport“ gelesen, eine Sportzeitschrift für Jugendliche, die 1994 erstmals als Bravo-Ableger auf den Markt gekommen war.
„Also, Aufklärung
gab es ja fast nicht“
Kein Wunder also, dass Rothmayer „vor allem Poster von Fußballern“ in seinem Kinder- beziehungsweise Jugendzimmer an der Wand hängen hatte. „Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir noch eins von Mehmet Scholl“, sagt der Rathauschef, der auch heute noch Fan des FC Bayern München ist. So kann er sich gut daran erinnern, dass „viele Poster“ sein Zimmer geschmückt haben, was immer wieder zu Diskussionen mit seinen Eltern geführt hatte, „ob noch ein weiteres Poster notwendig ist“.
Diskussionen, die im Hause Scheurenbrand gar nicht aufgekommen sind, wie Kolbermoors katholischer Stadtpfarrer Maurus Scheurenbrand verrät. „Meine Eltern hätten mir etwas gepfiffen, wenn ich ein Plakat aufgehängt hätte“, erinnert sich der 63-Jährige, der sich ein bisschen überrascht zeigt, dass es die Bravo „immer noch“ gibt. In seiner Kindheit und Jugend vor 50 Jahren, als Scheurenbrand 13 Jahre alt war, sei die Bravo natürlich ein Begriff gewesen und „heimlich wie ein Brief mit Sprengstoff unter uns Freunden ausgeliehen und herumgereicht“ worden. Klar, dass den Jugendlichen beim Blättern durch die Ausgaben dann auch die Kategorie „Dr. Sommer“ ins Auge gefallen war. „Also, Aufklärung gab es ja fast nicht“, erinnert sich der Geistliche an seine Jugendzeit Mitte der 70er-Jahre zurück. Daher sei „unter uns Jungs“ schon geredet und Dr. Sommer als „gewisser Ersatz“ betrachtet worden. „Gelernt habe ich aber eher durch das Leben“, sagt Scheurenbrand in Hinblick auf die umstrittene Aufklärungsrubrik, in der ab 20. Oktober 1969 der Arzt, Psychotherapeut und Religionslehrer Martin Goldstein unter dem Pseudonym Dr. Jochen Sommer Fragen zu Sexualität beantwortet hatte.
Dass die Rubrik „Dr. Sommer“ auch Jahrzehnte später bei Jugendlichen noch recht hoch im Kurs gestanden hat, kann Melanie Tschiche (34), Jugendwartin der Feuerwehr Pullach, gegenüber dem OVB bestätigen. „Es war natürlich immer ein Highlight, gemeinsam mit den Freunden die Texte durchzulesen und zu kichern“, erinnert sich die 34-Jährige an ihre Jugend zurück. Direkt vom Dr.-Sommer-Team gelernt habe sie aber eher nichts.
Bitte keine Löcher
in den großen Postern
Sie selbst hat nach eigenen Angaben die Zeitschrift Bravo zwar nicht regelmäßig, aber durchaus „des Öfteren gelesen“. „Meine Mutter hat sie mir öfter vom Einkaufen mitgebracht und meinte dann, dass sie die noch aus ihrer Teenie-Zeit kennt“, so die Feuerwehrfrau, die sich noch gut an die „Foto-Storys mit den wildesten Geschichten“ sowie „kleine Beilagen wie Handy-Anhänger oder Glitzer-Tattoos“ erinnern kann.
Eine große Rolle im Leben von Melanie Tschiche – und dem ihrer Freundinnen – hatten zudem die Poster in der Zeitschrift gespielt. „Wer hatte bitte kein Poster aus der Bravo im Zimmer hängen?“, ist die heute 34-Jährige überzeugt, dass die Staraufnahmen die Mehrzahl der deutschen Kinderzimmer aufgehübscht hatten. Bei ihr seien es beispielsweise Poster von „unterschiedlichsten Boybands bis hin zu Britney Spears und Brad Pitt“ gewesen. Wobei es galt, sorgfältig mit den Star-Postern umzugehen, wie Tschiche mit einem Augenzwinkern verrät: „Hauptsache, die Klammern wurden vorsichtig gelöst, damit keine Löcher entstanden sind.“