Traunstein – Maximilian Hornung, Intendant der Traunsteiner Sommerkonzerte und selber Cellist, hatte verkündet: „Das Cello wird dieses Jahr eine tragende Rolle spielen.“ Es spielte die Hauptrolle auch beim sechsten und vorletzten Konzert: Nicolas Altstaedt spielte Werke für Cello im deutschen (Bach), im italienischen (Vivaldi) und im französischen Stil (Marais). Mitgebracht hatte der Cellist den Cembalisten Francesco Corti. Das Kulturforum war gut gefüllt mit konzentriert lauschenden und dann heftig applaudierenden Kammermusikfreunden. Man musste auch sehr konzentriert lauschen, weil die feinen und oft sehr leisen Töne ganz hinten im Saal an Kraft verloren.
Musiker des Barock
waren gut vernetzt
Drei Werke spielten die beiden Solisten zusammen, zwei alleine. Francesco Corti zeigte mit dem Cembalo-Konzert C-Dur, BWV 976, von Johann Sebastian Bach, wie gut vernetzt die Musiker im Barock waren: Bach transkribierte hier ein Violinkonzert von Antonio Vivaldi auf das Cembalo und schuf ein wahres Virtuosenstück.
Corti spielte es energisch, elastisch und fast sportlich feurig, manchmal mit Echowirkung auf dem zweiten Manual, im Largo schön singend und belebt durch Registerwechsel, sodass sich Passagen wie von einer Laute gezupft anhörten und das Schluss-Allegro im rauschenden Vollton ausklang. Dafür und für seine virtuose Kunst erntete er auch rauschenden Applaus.
Als sein Solostück hatte Altstaedt Bachs Cellosuite Nummer fünf gewählt, diejenige mit Skordatur, also mit einer Herunterstimmung einer Saite für einen dunkleren Gesamtklang, wie er nach dem Spiel erklärte. Abwechslungsreich spielte er mit den Tempi, spielte eher fein geschmeidig als auftrumpfend, dafür im Prélude die Fugenpassage fast stürmisch, die Allemande leichtfingrig verinnerlicht, die Courante wiederum rhythmisch sehr markant. Die Kenner warten bei dieser Suite immer auf die Sarabande mit der radikalen und expressiven Einstimmigkeit. Mit sehr verhaltener, manchmal bis zur Unhörbarkeit leiser und fahler Tongebung verlieh er dieser schmerzlichen melodischen Linie mit ihren Vorhalten beinahe eine Passionsstimmung, die die Zuhörer in Bann schlug. Mit den beiden Gavotten wachte er wieder auf, freute sich verhalten in der Schluss-Gigue und erhielt jubelnden Applaus.
Feines kammermusikalisches Zusammenspiel demonstrierten die beiden in den restlichen Werken, wobei sich Francesco Corti am Cembalo sehr, vielleicht zu sehr, zurückhielt, obwohl er seinen Part akkord- und verzierungsreich gestaltete. In der Gambensonate Nummer eins BWV 1027 von Bach machten beide das Andante zu einem vergnüglichen Frage- und Antwortspiel, der Cellist „redete“ mit natürlich-lebendiger Phrasierung und formte alle seine Töne wohlkonturiert und wohlklingend. In der Cello-Sonate e-Moll von Vivaldi sang Altstaedt auf seinem Cello in den langsamen Sätzen empfindsam, empfindungsreich und dann elegisch-arios, wohingegen die beiden schnellen Sätze sehr kraftvoll-bewegt bis freudig-fröhlich waren.
Ein Gambist, der
„wie ein Engel“ spielte
Eindrücklich zeigte Altstaedt in drei Stücken dann, warum Marin Marais, der Solo-Gambist von König Ludwig XIV., so berühmt war. Er spiele „wie ein Engel“, sagten Zeitgenossen. Als wenn es ein anderes Instrument wäre, klang Altstaedts Spiel bei „Les Voix Humaines“ und „Grand Ballet“ nun kraftvoller und lyrischer zugleich und dann heftiger, feuriger und wilder in den 32 Variationen mit dem Titel „Les Folies d’Espagne“, in denen auch der Springbogen Anwendung fand.
Für den mit Bravo-Rufen gemischten herzlich-heftigen Applaus bedankten sich die beiden Musiker mit dem wild wirbelnden „Le Tourbillon“, ebenfalls von Marin Marais. Jetzt hatte endgültig das Temperament über den Feinsinn triumphiert.