NEUERSCHEINUNG

Gefesselt ans Viertel

von Redaktion

Elena Ferrante legt einen weiteren großartigen und intelligent erzählten Band ihrer Neapel-Reihe vor

VON SABINE DULTZ

„Leckt mich doch am Arsch. Ihr und die Arbeiterklasse.“ Lila, die Individualkämpferin, findet immer die richtigen Worte. Fast absichtslos gerät sie in die revolutionären Umtriebe der italienischen Linken. Beinahe unfreiwillig wird sie zur Ikone des Klassenkampfs, als sie auf einer Versammlung von widerlichen Arbeitsverhältnissen in der Wurstfabrik erzählt, in der sie ihren Lebensunterhalt verdienen muss. Eine Arbeit, von der die Genossen aus Partei und Gewerkschaft sowie die linksradikalen Bürgersöhnchen und -töchterchen keine Ahnung haben.

Wir sind mitten drin in den 70er-Jahren mit ihren kommunistischen Zellen, dem Terror von links, den Morden von rechts, dem zweifelhaften Aufstieg in einen brüchigen Wohlstand. Denn wir befinden uns im dritten Buch der auf vier Bände angelegten Neapel-Saga von Elena Ferrante. Nach „Meine geniale Freundin“ und „Die Geschichte eines neuen Namens“ liegt ab diesem Samstag „Die Geschichte der getrennten Wege“ zum Kauf bereit. Ein Muss für jeden, der an den Hauptfiguren, den aus Neapels Armenviertel, dem Rione, stammenden Mädchen Lila und Lenù, interessiert ist, an der Geschichte ihrer Freundschaft und an der Geschichte der Zeit, in der sich das Elendsquartier von den 50er-Jahren zu einer von der Camorra gelenkten Brutstätte der Neureichen entwickelt.

Lila, die hochbegabte Schönheit, hatte die Schule nach der fünften Klasse beenden müssen. Der Kampf im Rione um Selbstbehauptung und Würde wurde ihr zur Universität des Lebens. Jetzt wohnt sie – vom verhassten Mann Stefano getrennt – mit ihrem Sohn und dem Jugendfreund Enzo zusammen, geht täglich in die Wurstfabrik, deren Beschreibung einem jeden Appetit nimmt auf Mortadella und Salami, und wehrt sich furchtlos gegen die sexuelle Willkür des Chefs. Der Klassenkampf findet vor den Toren der Fabrik statt. Lila, die Kompromisslose, muss gehen. Noch nicht einmal 30, ist sie mit ihrer Kraft am Ende. Nicht aber mit ihrem eisernen Willen, nicht mit ihrer außerordentlichen Intelligenz. Sie zieht sich zurück ins alte Viertel, kehrt zu den so smarten wie zwielichtigen Elendsgewinnlern, den Brüdern Solaro zurück. Die Freundinnen sehen und sprechen sich kaum noch. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Ich-Erzählerin Lenù, die studierte und promovierte, zu schnellem Ruhm gelangte Schriftstellerin, hat in eine der angesehensten, einflussreichsten linken Intellektuellen-Familien Italiens hineingeheiratet. Da ist es ganz normal, dass auch Lenù in Mailand in die revolutionären Unruhen gerät, jedoch mehr in frauenemanzipatorische Kreise als in den Krieg der Straße. Ideologie hin, Ideologie her, Lenù bleibt Zuschauerin, bleibt fremd, denn sie muss erfahren, dass auch die neuen Revolutionäre von ihren Genossinnen vor allem „sexuelle Verfügbarkeit“ erwarten. Doch sie darf sich freuen: Ehemann Pietro wird, selbst noch sehr jung, an der Uni Florenz Professor für Latein. Hat Lenù den Aufstieg geschafft? Ist sie mit Kopf und Herz endgültig raus aus dem Rione? Das Milieu, in dem sie jetzt lebt, ist nobel, großzügig, tolerant. Zwei Töchter werden geboren. Das Dasein schlägt um in anspruchslose Einförmigkeit. Ein Leben also in Sicherheit. Ein Leben aber, das ihr das Schreiben unmöglich macht, das sie entfernt von Lila. Innerlich jedoch vermag sie sich nicht von der Freundin zu trennen, für die sie schließlich diese ganze Geschichte in vier Bänden erzählt.

Sie lässt ihre Leser nicht los, ihr wunderbarer Erzählstrom fesselt bis zur letzten Seite. Die Bindung zwischen Lenù und Lila ist derart existenziell nicht zuletzt deswegen, weil beide seit ihrer Mädchenzeit denselben Jungen beziehungsweise denselben Mann lieben, nämlich Nino Sarratore. Mit hoher Intelligenz und einiger Rücksichtslosigkeit hat er sich sexuell und bildungsmäßig aus dem Rione herausgeboxt. Jetzt ist er mit einer Bankierstochter verheiratet, ein bekannter Linksintellektueller Italiens und Professor an der Uni in Neapel. Lenù war in dieser Liebesangelegenheit immer nur die Verzichtende – zugunsten von Lila. Nun aber taucht Nino in Florenz auf und bringt Lenùs ganze erworbene Gutbürgerlichkeit zum Einsturz.

Das Leben hält noch so manche Überraschung für die jungen Frauen bereit. Und Elena Ferrante verknüpft sie grandios mit den allgemeinen Ereignissen jener Zeit. Sie schafft damit ein gesellschaftspolitisches Panorama, was in der gegenwärtigen Literatur seinesgleichen sucht. Wer alt genug ist, erinnert sich bei der Lektüre gern, aber auch überrascht an diese Phase der eigenen Jugend. Wer aber jung ist, erfährt beim Lesen der „Geschichte der getrennten Wege“ eine so großartige und unterhaltsame wie intelligente und sehr persönliche Lektion über die wilden Siebziger im alten Westeuropa.

Dabei begegnen wir all den Figuren aus dem Rione wieder, mit denen Lila und Lenù groß geworden sind: die Carraccis von der Salumeria und die Schusterfamilie Cerulli; Lenùs hinkende Mutter und Pasquale, den Kommunisten, der gegen „diesen Rosenwasser-Antifaschismus“ der damaligen KPI rebelliert. Wesentlich dazu gehören die noch reicher gewordenen Solara-Brüder, Schwarm aller Mädchen und jetzt begehrte Männer in liebeskranker Macho-Pose. Jeder im Rione ahnt, dass sie mit ihren weißen Westen als die Dunkelmänner hinter den Prügelattacken und Morden der Faschisten stehen. Am Ende aber feiern sie alle, gekauft von Marcello und Michele Solara, zusammen ein Fest. Denn fast unmöglich ist es, sich aus den Machtstrukturen im Viertel herauszuwinden. Man entkommt ihnen nur durch Tod oder Selbstaufgabe.

Und gerade damit hat Lenù, die Ich-Erzählerin des Romans, zu kämpfen. Als Leser glaubt man, sie alle zu kennen, sie sind einem schließlich aus den ersten beiden Büchern sehr vertraut. Dennoch erscheinen sie in diesem dritten Band wie neu. Das Leben hat sie verändert. Mit Ungeduld wartet man darauf, jeden Einzelnen im Frühjahr 2018 im vierten und letzten Band, „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, wieder zu treffen.

Elena Ferrante:

„Die Geschichte der getrennten Wege“. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin, 540 Seiten; 24 Euro.

Artikel 2 von 3