In Frankreich gilt Vincent Lindon als Frauenschwarm und Kinostar, der Titelblätter und Klatschspalten ziert. Deutsche Cineasten kennen ihn als Charakterdarsteller aus Filmen wie „Welcome“ oder „Mademoiselle Chambon“. Für seine Verkörperung eines Arbeitslosen in „Der Wert des Menschen“ wurde er in Cannes und bei der César-Verleihung als bester Darsteller ausgezeichnet. Ab Donnerstag ist er in der Titelrolle des Künstlerporträts „Auguste Rodin“ im Kino zu sehen. Zum Interview in München erscheint der 58-Jährige morgens um Viertel nach zehn mit zerknittertem Gesicht, doch er wirkt ziemlich aufgekratzt: „Sorry wegen der Verspätung, ich habe im Aufzug Nastassja Kinski getroffen, die konnte ich nicht so einfach stehen lassen.“
-Wie haben Sie sich Auguste Rodin genähert?
Vor allem habe ich in einem Kurs fünf Monate lang rund fünf Stunden täglich gelernt, wie man Skulpturen macht. Ich stamme eigentlich aus einer Intellektuellenfamilie und hatte bislang nie richtig mit den Händen gearbeitet. Darum fand ich es großartig, dass ich nun als Rodin meine Hände dazu benutzen konnte, um etwas zu erschaffen.
-Tatsächlich zeigen minutenlange ungeschnittene Einstellungen im Film, wie Sie im Atelier werkeln.
Ja, es ist ein Film über den künstlerischen Schaffensprozess. Wir wollten Rodin bei der Arbeit zeigen: die handwerklichen Abläufe, die Zweifel, die Schmerzen. Oft sieht man ja Filme über Maler oder Pianisten, in denen mit wüsten Schnitten getrickst wird, sodass man instinktiv spürt, dass der Darsteller gar nicht malen oder Klavier spielen kann. Von mir aus dürfen Sie gern kritisieren, unser Rodin-Film sei zu lang oder zu dröge. Aber eines lasse ich mir nicht vorwerfen: dass ich in der Rolle unglaubwürdig oder nicht authentisch wäre.
-Planen Sie irgendwann eine Ausstellung mit den Werken, die Sie erschaffen haben?
Sicher nicht. Aber eine meiner Skulpturen steht jetzt tatsächlich am Eingang zum Rodin-Museum in Paris. Sie stellt einen Fuß dar. Ich finde, es ist eine schöne Arbeit geworden.
-Hat Ihre Kollegin Izïa Higelin, die im Film Camille Claudel spielt, denselben Bildhauerei-Kurs besucht wie Sie?
Nein. Ich finde Izïa toll, sie agiert frisch und frei, sie ist Rock ’n’ Roll – und irrsinnig talentiert. Doch genau das ist ihr Problem: Wie viele Menschen, denen alles zufliegt und die sich nichts erarbeiten müssen, ist sie einfach eine stinkfaule Socke.
-Rodin sagt im Film, er wolle niemandem gefallen. Auch Sie scheinen nicht um die Gunst des Publikums zu buhlen.
Stimmt. Ich versuche nie, anderen zu gefallen – weder in einer Rolle noch im wirklichen Leben. Das vermittle ich auch meinen Kindern. Es kommt nur darauf an, dass man sich vor seinem Spiegelbild nicht schämen muss. Als Schauspieler darf man kein Schisser sein, man muss Risiken eingehen und auch das Monströse in seinen Figuren akzeptieren.
-Mögen Sie Rodin?
Warum sollte ich ihn nicht mögen?
-Weil er Frauen nicht besonders gut behandelt hat.
Ich nehme an, Sie sind durch den Camille-Claudel-Film mit Isabelle Adjani vergiftet?
-Ja.
Der Film ist eine große Lüge! Er suggeriert, Rodin habe Camille vernichten wollen, und sie sei seinetwegen verrückt geworden. Dabei ist Camilles Paranoia schon viel früher ausgebrochen, und Auguste Rodin hat viel für Camille Claudel getan, sogar noch nach ihrer Trennung. Zudem sollten Sie berücksichtigen, dass unsere Geschichte im 19. Jahrhundert spielt, lange vor der Gleichberechtigung. Sicher, heute wäre so ein Verhalten wie das von Rodin ziemlich indiskutabel, doch damals haben Millionen andere Männer ähnliche Dinge getrieben.
-Trotzdem muss ich das nicht gutheißen.
Ja, aber wir müssen auch nichts beschönigen. Die Welt war so, und Rodin war so, basta. Es ist paradox: Ich gehöre zu einer Generation von Männern, die Frauen die Tür aufhalten, ihnen beim Abwasch helfen und überhaupt viel netter zu ihnen sind als ihre Väter und Großväter – und dennoch muss ich mich seit der Premiere des Films ständig wegen Rodin rechtfertigen oder gar als Macho beschimpfen. Ich habe einfach die Schnauze voll von diesen Vorwürfen.
-Dann fragen wir mal anders: Was schätzen Sie besonders an Rodin?
Seine Kompromisslosigkeit. Er folgt radikal seinen Ideen, koste es, was es wolle. Er widmet sich seiner Mission mit Leib und Seele. Er stellt sich gegen verkrustete Normen. Er arbeitet hart, zweifelt an sich und wächst über sich hinaus. So etwas gibt es heutzutage kaum noch. Leidenschaftliche Visionäre wie Rodin fehlen in unserer Gesellschaft an allen Ecken und Enden – vor allem jedoch in der Kunst.
-Sie finden, Künstler haben keine Visionen mehr?
Ja. Und keinen Mut. Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge: Die meisten Künstler sind feige und träge. Angepasste Angsthasen. Erbärmliche Egoisten. Sie nennen sich Künstler und bilden sich eine Menge darauf ein, machen aber einen faulen Kompromiss nach dem anderen und verkaufen sich an Konzerne.
-An wen oder was denken Sie dabei konkret?
Nehmen Sie nur Kevin Spacey. Der Kerl dreht Dutzende Folgen der Endlosserie „House of Cards“ und kassiert dafür zig Millionen Dollar, kriegt aber offenbar den Hals nicht voll – er macht auch noch Werbung für Renault und spielt darüber hinaus in bescheuerten Filmen wie der unsäglichen Katzen-Komödie „Voll verkatert“. Trotzdem finden es alle irgendwie okay. Das ist eine typische Krankheit unserer Zeit: Alles ist irgendwie okay, alles ist lauwarmes Wischiwaschi.
-Was bedeutet Kunst für Sie?
Alles. Sie ist das, was zählt, was bleibt, was die Zeit überdauert. Kein Mensch erinnert sich an Politikergeschwafel aus vergangenen Jahrhunderten, aber die Werke von Mozart, Shakespeare oder van Gogh berühren uns noch heute. Darum bin ich so streng gegenüber Künstlern. Ich finde, wir haben eine Mission, eine Verantwortung.
-Würden Sie behaupten, Sie seien ähnlich kompromisslos wie Rodin?
Vielleicht handle ich nicht ganz so extrem wie er, aber ich gehe ebenfalls keine Kompromisse ein. Ich sage immer, was ich denke, egal, ob es den Leuten passt oder nicht. Und ich tue stets, was ich will, wann ich will, wo ich will und mit wem ich will. Mir ist klar, dass ich dadurch meinen Mitmenschen oft ganz schön auf die Nerven gehe. Aber ich stehe wenigstens zu meinen Fehlern. Und ich kann deshalb ruhigen Gewissens schlafen.
-Haben Sie wirklich noch nie einen Film wegen des Geldes gedreht?
Das wäre auch völlig unmöglich, denn ich könnte mich nie selbst belügen. Wenn ich die Geschichte, die Rolle und den Regisseur nicht liebe, dann kann ich morgens gar nicht aufstehen und ans Set kommen. Es ist wie bei einer Frau: Wenn ich den Geruch ihrer Haut nicht liebe, hat alles andere keinen Sinn.
-Aber Sie sind abhängig von den Angeboten.
In meinem Leben gab es bestimmt zehn Phasen, in denen ich mindestens ein Jahr lang keinen Job hatte. Es ist mir scheißegal, wie lange solche Durststrecken dauern. In der Dürreperiode zwischen zwei Liebesbeziehungen vögle ich doch auch nicht wahllos mit Frauen, die ich gar nicht liebe. Warum zum Teufel sollte ich so etwas in meinem Beruf tun? Wenn ich irgendwann die Leidenschaft für meinen Beruf verliere, dann gebe ich die Schauspielerei sofort auf und eröffne ein Restaurant!
Das Gespräch führte Marco Schmidt.