VOR DER PREMIERE

Am Budapester Broadway

von Redaktion

Das Deutsche Theater in München zeigt Emmerich Kálmáns Jazz-Operette „Die Herzogin von Chicago“

von tobias hell

Es müssen nicht immer „Die Csárdásfürstin“ oder „Gräfin Mariza“ sein. Im Werkkatalog von Emmerich Kálmán gibt es schließlich noch genügend Stücke zu entdecken, die den beiden Dauerbrennern in Sachen Melodienreichtum in nichts nachstehen. So war etwa auch das Staatstheater am Gärtnerplatz in den vergangenen Spielzeiten bereits mit „Die Zirkusprinzessin“ oder der „Faschingsfee“ erfolgreich auf weniger stark ausgetretenen Repertoirepfaden unterwegs. Und wer dabei auf den Geschmack gekommen ist, kann nun im Deutschen Theater die nächste kostbare Kálmán-Rarität entdecken.

Das Budapester Operettentheater präsentiert beim traditionellen Sommergastspiel an der Schwanthalerstraße diesmal die Jazz-Operette „Die Herzogin von Chicago“. Die musikalischen Qualitäten sind für Dirigent Tamás Bolba ganz unbestritten: „Kálmán nennt es zwar eine Jazz-Operette, aber in Wirklichkeit treffen viele Musikstile aufeinander. Diese Kontraste machen das Stück so spannend.“

Tatsächlich schielt der Komponist in diesem Opus aus dem Jahre 1928 mehr als einmal Richtung Broadway, ohne dabei die Klänge seiner Heimat aus den Augen zu verlieren. Zu koordinieren hat Tamás Bolba deshalb gleich drei Ensembles. Zur klassischen Orchesterbesetzung im Graben gesellen sich noch eine ungarische Folkloregruppe sowie eine Jazz-Band, die jeweils für das richtige Lokalkolorit sorgen.

Zur Zeit der Uraufführung begann sich der Jazz auch auf der Operettenbühne seinen festen Platz zu erobern. Eine Entwicklung, die von den Anhängern der klassischen, walzerseligen Operette nach Wiener Zuschnitt keineswegs unkritisch gesehen wurde. Und eben diesen Clash der Kulturen machte Kálmán in seiner „Herzogin von Chicago“ zu einem der zentralen Themen: Auf einer Europareise verschlägt es die vergnügungssüchtige Millionärstochter Miss Mary Lloyd mit ihren Freundinnen auch in den bankrotten Balkanstaat „Sylvarien“, wo das Geld der reichen Amerikanerin gern gesehen ist. Auch Mary findet Gefallen am Land und seinen Bewohnern und entschließt sich, der Monarchin ihren fürstlichen Wohnsitz abzukaufen. Und wie es sich für eine echte Operette gehört, gibt es zum Schloss noch einen schmucken Prinzen im heiratsfähigen Alter. Der allerdings hat mit Charleston und Foxtrott, die Mary so liebt, leider gar nichts am Hut. „Das Wienerlied, so süß und weich, ist wie ein Gruß vom Himmelreich.“ So lautet sein Credo.

Beste Voraussetzungen also für eine musikalisch abwechslungsreiche und mit amüsanten Missverständnissen gespickte Komödie. Von der originalen Rahmenhandlung Kálmáns, die noch ein paar zusätzliche Verwirrungen liefert, haben sich Regisseur Attila Berens und sein Dramaturg Attila Lörinczy allerdings verabschiedet und die Geschichte gestrafft. „Wir haben versucht, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren und den Figuren mehr Gewicht zu geben“, sagt Lörinczy. Zwanghafte Aktualisierungen sind für ihn jedoch kein Allheilmittel. „Natürlich zitieren wir auch moderne amerikanische Klischees. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, das Stück grundsätzlich in seiner Zeit zu lassen. Sonst würde es nicht mehr funktionieren.“

Ein behutsames Entstauben also, das beim ungarischen Publikum sehr gut ankam. So wurde die Erfolgsproduktion in diesem Jahr als erste Operetteninszenierung überhaupt zum Nationalen Ungarischen Theatertreffen in Pécs eingeladen und erhielt dort sogar einen Preis. Um die Zukunft der Operette macht sich Lörinczy deshalb keine allzu großen Sorgen. „Die ‚Herzogin‘ war in Budapest fast ständig ausverkauft. Die Leute lassen sich einfach gerne unterhalten.“ Und damit die Schauwerte stimmen, waren im Falle der „Herzogin von Chicago“ gleich drei Choreografen im Einsatz, um die folkloristischen Tanzszenen ebenso authentisch auf die Bühne zu bringen wie die großen Stepptanz-Nummern.

Für den Dramaturgen ist das Stück ein Bindeglied zwischen Operette und Musical und damit gerade am Deutschen Theater bestens aufgehoben. Da ist es also durchaus sinnvoll, dass mit Miklós Máté Kerényi in der Buffopartie des James Bondy ein Mann auf der Bühne steht, der in Budapest vor allem im Musicalbereich aktiv ist – wobei er selbst wenig von solchem Schubladendenken hält. „Es gibt zuhause viele junge Fans, die mich aus den Musicals kennen, aber sich auch mal eine Operette ansehen und merken, dass man hier viel Spaß haben kann.“ Kálmán und Gershwin liegen schließlich selten so nahe beieinander wie hier.

Premiere

am 6. September;

Telefon 089/ 55 23 44 44.

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