„Mei, so a netter Spenzer!“ Solch ein Ausruf ist in Bayern geläufig, man verbindet damit ein kurzes Jackerl, irgendwie was Trachtiges halt. Und wenn das Wetter zur Wiesnzeit greislich sein sollte, kommt neben Gestricktem vielleicht auch der Spenzer zum Einsatz. Rita Szeibert hat sich in dem Bildband „Meisterstücke zwischen Mode und Tracht“ des Münchner Hirmer Verlags des Spenzers und dessen Vaters, des Caracos, angenommen. Und zwar so unterhaltsam wie wissenschaftlich präzise. Es gibt nichts Tümelndes und nichts Überhebliches, vielmehr grundsolide Fakten, die einem das Herz aufgehen lassen. Nicht nur, weil das Buch in altrosa, seidigem, wattiertem Stoff eingebunden ist. Sondern weil von der Dirndlschneiderin bis zum Designer, vom Trachtenvereinsmitglied bis zur Kostümbildnerin, von der historisch interessierten Frau, die aber zum Beispiel von Textilien keine blasse Ahnung hat, bis zum Anekdoten-Genießer jeder begeistert sein wird.
Höchsten Segen für ihre jahrelange Forschungsarbeit hat Szeibert vom Kleidungsexperten des Bayerischen Nationalmuseums München, Johannes Pietsch, erhalten. Er betont im Vorwort die Besonderheit, dass Szeibert mit Originalgewändern arbeiten konnte – und von Herstellung und Dekorationstechniken sehr viel versteht. Nur wer weiß, wie ein Gewand entstanden ist – bis hin zur Webart des Stoffs –, könne auch in die soziologischen und geschichtlichen Tiefen vordringen. Erstmals sei die Entwicklung vom Caraco zum Spenzer dargestellt worden, und das „steht exemplarisch für Mechanismen, die in der Kleidungsgeschichte wirksam waren“. Was hier noch etwas theoretisch klingt, wird in Rita Szeiberts Einführung farbiger und richtig bunt im Hauptteil.
Sie breitet nämlich nicht nur „nette“ bis atemberaubend opulente Spenzer in ihrer Vielfalt von München bis Rosenheim, von Tölz bis Regensburg vor uns aus, sondern genauso viele Erzählungen. Die macht sie fest an den Porträts, mit denen sich die Bürgersfrauen im 18. und 19. Jahrhundert verewigten. Da gibt es zum Beispiel die geldige Erdingerin Agnes Kipfelsberger, die dem Maler Feichtinger den Haushalt führte. Dessen Frau war ihm „treulos entwichen“ und blieb verschollen. Aus diesen Andeutungen ließe sich sogar ein Krimi konstruieren. Auf dem Bild ihres Freundes trägt Agnes einen langärmligen Spenzer, um 1800 modern wie das Halstuch, das jedoch im schon nicht mehr so angesagten Latz der Zierschürze steckt. Auch die nach unten gezogene Schneppentaille wird es nicht mehr allzu lange geben, die weiß gepuderte Rokokofrisur ohnehin nicht. Zehn Jahre später hat sich vieles gewandelt. Die weitere selbstbewusste Frau, möglicherweise eine Rosenheimerin, präsentiert auf dem Gemälde bereits einen Empire-Spenzer, der kurz unter dem Busen endet. Das Tuch (Fichu) ist weiß und zart. Ziernadel, Spitze im Dekolleté und die Wickelkette – Vorläuferin der bekannten Kropfkette – pochen auf den Status als gut situierte Bürgerin. Trotz aller Fortschrittlichkeit hält sie auf Tradition: Die Goldhaube bleibt auf der modischen Mittelscheitelfrisur.
Allein diese beiden Frauen verdeutlichen, dass die Schoßjacken-Typen Caraco und Spenzer gerade im südlichen Bayern bei den Bürgerinnen höchst beliebt waren. Sie grenzten sich damit von adeliger und bäuerlicher Kleidung ab. Wobei sich die Städterinnen auch mit modischen Stücken eindeckten, malen ließen sie sich jedoch bis 1850 in ihrer Tracht. Und die war dominiert von der Schoßjacke. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand sie aus dem urbanen Umfeld. Daher verbinden wir sie mit dem Stil, den wir heute für ländlich halten.
Rita Szeibert erklärt den Caraco (Rokoko) so: „abnäherlose glatte Vorderfront“ mit Silberknöpfen, „relativ hochgeschlossener, runder und unverzierter Ausschnitt“, „vorne abgesenkte Taillenlinie mit gespreizten Schoßerlspitzen, die in den hinteren Mittelteilen angeschnittene Schoßerlglocke und meist dreiviertellange, schmale Ärmel mit betontem Abschluss“. Dazu trug frau gern Brusttuch, Fichu und lange (Zier-)Schürzen; manchmal Armstutzerl aus Spitze zum Aufhübschen oder dicke Stutzerl, um die die Unterarme zu wärmen. Wenn sie mit einer Kette geschlossen sind, bezeichnet Münchens Chronist Lorenz Westenrieder die Jacken als „Schalkeln“. Den Schalk erleben wir bei der oberbayerischen Tracht immer noch.
Der Caraco, der stets modische Impulse aufnahm, wandelte sich mit der Französischen Revolution und dem Directoire zum Spenzer. Die kleinen Jacken passten zur neuen Zeit – nicht mehr höfisch steif –, zur Mode, bei der die Taille weit nach oben rutschte und die Stoffe dünn wurden. Der Begriff geht auf Earl George John Spencer (1758-1834) zurück – die englische Mode war tragbarer als die französische – und bezeichnet bis heute „das Kurzjäckchen schlechthin“. Die Forscherin beschreibt den Spenzer, der nie eine Überjacke, sondern die Hauptkleidung war, folgendermaßen: „hohe Taille“, „großer, vorne leicht eckiger und hinten zunehmend V-förmiger Ausschnitt“, durch Schnittführung zierlicher Rücken, sehr enge, überlange Ärmel (auch als Trompetenärmel), Verzierungen des Ausschnitts bis zum „Gestaltungsübermut“ (Aufzier) und „knopflose Klappenverschlüsse“. Übrigens wurde der Spenzer, am Rock mit Häkchen eingehängt, zum Spenzergewand.
Im Biedermeier tobte sich der Spenzer schließlich richtig aus: mit irrwitzigen Verzierungen, tollen Stoffen, neuen Farben und mächtigen Keulenärmeln. All das eine unfassbar virtuose Handarbeit. Deswegen sind diese Kleidungsstücke erhalten geblieben (heute in den Museen). Die Besitzerinnen wertschätzten die besonderen Gewänder, während die einfachen Spenzer den Weg über Second-Hand-Ware und Lumpen zur Papierherstellung fanden. Auch das vergisst die Autorin nicht.
Rita Szeibert:
„Meisterstücke zwischen Mode und Tracht – Caraco und Spenzergewand“. Hirmer Verlag, München, 163 Seiten; 34,90 Euro.