Sie wollten alles – nur nicht dazugehören, schon gar nicht zur Hochkultur. Sie nannten sich Die tödliche Doris, Schmelzdahin, Anarchistische Gummizelle. Expertentum konterten diese Gruppen mit Lautstärke, Improvisation, Provokation – und machten Musik, Kunst, Performances und Film in den west- wie ostdeutschen Underground-Biotopen der Siebziger- und Achtzigerjahre. Was damals entstanden ist, kann jetzt – zumindest teilweise – entdeckt werden.
Das Münchner Lenbachhaus konzentriert sich in seiner Ausstellung „Normalzustand“ auf die filmischen Arbeiten dieses stilistisch, personell und geografisch weitgefächerten Phänomens. Der Untertitel „Undergroundfilm zwischen Punk und Kunstakademie“ macht eines klar: Die Requisiten mochten vom Flohmarkt oder aus dem Müll stammen, die Drehorte mochten sich in Bauruinen befinden und die Anti-Haltung der Protagonisten noch so groß sein: Trotzdem war „der Punkbegriff nicht losgelöst von Ausbildung“, wie Kuratorin Stephanie Weber erklärt. Alternative Formen des künstlerischen Arbeitens gab es in der Hausbesetzerszene wie in den (Kunst-)Hochschulen.
Mit Super 8 fanden die Filmbegeisterten die ideale Technik. Als die Szene sie Ende der Siebziger für sich entdeckte, war das Schmalfilmformat, das 1965 auf den Markt gekommen war, bereits wieder am Verschwinden und damit günstig zu haben. Zudem war Super 8 die Technik für Urlaubsfilme – eine größere Distanz zum Kunstbetrieb also kaum denkbar.
Klugerweise hat man sich im Lenbachhaus gegen eine Objektschau entschieden, sondern zeigt im Georg-Knorr-Saal bei freiem Eintritt (!) Kurzfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigern entstanden sind, in Endlosschleife. Die erste Reihe läuft bis 8. Oktober; die zweite vom 10. bis zum 22. Oktober. Im ersten Durchgang (heute ist der Saal sogar bis 21 Uhr geöffnet) sind Arbeiten von Yana Yo, von den Gruppen Anarchistische Gummizelle, Die tödliche Doris und Schmelzdahin sowie von Jörg Buttgereit zu sehen. Letzterer hat sich mit seinem bis heute in Deutschland für Jugendliche nicht freigegebenen Langfilm „Nekromantik“ (1987) einen legendären Ruf als Undergroundfilmer erarbeitet, der selbst in den USA gehört wird. Buttgereit kuratierte zudem 2001 fürs Münchner Stadtmuseum die sehenswerte Schau „Nightmares in Plastic“.
So heterogen die gezeigten Arbeiten sind, lassen sich doch (mindestens) drei Schwerpunkte ausmachen: Politik, Optik, Humor. Yana Yos „Normalzustand“ von 1981, der der Schau den Titel gab, ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Weltzustand, ein Film gewordener Aufschrei gegen das Wettrüsten zum Song „Apokalypse“ der Punkband Fehlfarben: „Roland, Wiesel, Marder, Phantom/ Albatross, Wiking, Tornado/ Aus den Waffenschmieden der Nation/ Tag und Nacht in steter Produktion“, heißt es hier. Und weiter: „Ich fürchte nicht um mein Leben/ Ich hab’ nur Angst vor dem Schmerz.“
Bei Schmelzdahin steht dagegen das strukturalistische Spiel mit dem Medium selbst im Vordergrund: Das Filmmaterial wurde – etwa für „In Diep Hust“ (1984) – dem Befall von Bakterien ausgesetzt oder übermalt. So entstanden psychedelische, dramaturgisch spannende Farbspiele zu schrägen Klangcollagen.
Filme mit (subversivem) Witz bilden die dritte Säule im Programm – etwa das dadaistisch anmutende „Wasserballett“ der Tödlichen Doris sowie „Deutschlandreise“ der Anarchistischen Gummizelle. Dieser Film zeigt von Sehenswürdigkeiten lediglich als Standbild Details wie Schrauben oder die Struktur einer Wand. Am Marienplatz nahm die Gruppe etwa – wo auch immer – eine graue, lamellenartige Fläche auf. Von der Tödlichen Doris stammt der „Städtefilm München“ (1983), für den die Berliner Gruppe Doris Kuhn vom Werkstattkino gebeten hatte, ihr Bild von München zu filmen. Aufgrund eines technischen Fehlers wurde das Material nicht belichtet, die Leinwand bleibt schwarz: Wir verfolgen aber das damalige Telefonat zwischen Kuhn und Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris. Sie, ziemlich entsetzt: „Nein, das war nicht Absicht. Das ist kein Gag.“ Er, lapidar: „Was machen wir denn da? Im Dunkeln kann man den Film ja schlecht zeigen, weil man sieht ja nichts.“ Doch, kann man. Es ist ein Spaß.
Bis 22. Oktober,
Mi.-So. 10-18 Uhr, Di. bis 20 Uhr; Eintritt frei.