„Salonmalerei“ war lange ein Schimpfwort und ist es teils noch heute. Vergessen wurde die Tatsache, dass die Künstler des Salons im 19. Jahrhundert die berühmtesten, begehrtesten und teuersten waren. Außenseiter waren hingegen beispielsweise die Impressionisten. Das hat sich komplett umgedreht. Die „alten Schinken“ werden belächelt, während die Avantgarde auf Auktionen mehrstellige Millionenbeträge erzielt. Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung will mit ihrer aktuellen Ausstellung unsere Sicht auf die Kunstgeschichte zurechtrütteln. Über 100 Exponate aus dem Musée d’Orsay erzählen in München unter dem Titel „Gut. Wahr. Schön.“ vom Salon de Paris. Nerina Santorius, die hiesige Kuratorin, bekennt engagiert, dass sie die Salonmaler von „der falschen Perspektive befreien“ wolle. Außerdem möchte sie „die Geschichte einer Nation“ zeigen, gespiegelt in Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Einrichtungsgegenständen.
Der Besucher erlebt also eine kunst- und kulturhistorische Schau, die unser Befremden fruchtbringend reizt. Denn durch die Verunsicherung, die uns ja auch in manchen Sälen der Neuen Pinakothek beschleicht, werden wir angestachelt nachzudenken. Was ist heute angesagt? Wird ein Andy Warhol, ein Georg Baselitz, ein Jeff Koons in 150 Jahren ebenfalls mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet werden? Wird man unseren Kunstmarkt als grässliche Karrieremühle infrage stellen? Denn das war der Salon de Paris im Guten wie im Schlechten. „Salon“ bezeichnet dabei nicht das fein ausstaffierte Vorzeigewohnzimmer. Der Name geht zurück auf Ludwigs XIV. Salon carré im Louvre, wo die Mitglieder der Académie royale ihre Arbeiten präsentieren durften. Der Staat nahm demonstrativ die Kunst in den Griff. Das ging nahtlos in der Französischen Revolution so weiter und gipfelte ab Mitte des 19. Jahrhunderts in riesigen Ausstellungen im Palais de l’industrie. Die wurden gestürmt von Besuchern aus allen Milieus. Kunst war eine intensiv wahrgenommene Kraft der Gesamtgesellschaft und ihrer Entwicklung. Dass sie weder subversiv noch anklägerisch daherkam, ist nur konsequent.
Schon im ersten Raum der Kunsthalle illustriert das Konzept von Alice Thomine-Berrada, Paul Perrin und Nerina Santorius, wo die Salonmaler ihren Anker festmachten. In der Antike – genau wie die Deutschen. Deswegen wird Jean-Auguste-Dominque Ingres „Quelle“, eine statuenhaft inszenierte Wasserträgerin, von der Venus Medici (Abguss der Statue aus dem 1. Jh. v. Chr.) begleitet. Wir sehen Vorbild und die Interpretation. Eine Fotografie des Studiensaals der Pariser École des Beaux-Arts, voll von Abgüssen, schildert die ersten Schritte auf dem Ausbildungsweg der Maler. Reglementierung und Wettbewerb sollten für Qualität garantieren und für Karriere und Auskommen der Künstler sorgen.
Viele kleine Bilder belegen im nächsten Saal, wie man „historische“ Szenen optisch deklinierte. Mächtige Formate aber wollten die Aufmerksamkeit an sich reißen und durch Komposition sowie Detailraffinement vorführen, was der Urheber draufhat. Joseph Blanc lässt seinen Perseus mit dem abgeschlagenen Kopf der Medusa in der einen Hand und dem Schwert in der anderen auf einem geflügelten Pferd über eine Küstenlandschaft fliegen. Als ob diese vertrackte Körperlichkeit von Mensch und Tier nicht genug wäre, verschnörkelt er obendrein Pferde- und Medusenhaar sowie das Seidentuch, auf dem der Held sitzt. Außerdem findet sich ein Zöpfchen im Schweif, alle Federn sind bunt, Perseus’ Helm ist ein Modecoup, und an den Felsen klammert sich eine Schwertlilie. Mit so einem „Schinken“ muss man doch den Grand Prix gewinnen, der dem Maler das Rom-Stipendium für fünf Jahre sicherte.
Schon die ersten Gemälde von „Gut. Wahr. Schön.“ beweisen, dass die Salonmaler Könner waren. Die meisten von ihnen wurden noch nie in Deutschland ausgestellt und sind es absolut wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Manches ist so expressives Theater, dass man sich als „cooler“ Gegenwartsmensch fremdschämt, manches hat so viel – teils gewalttätige – Opulenz, dass Hollywood samt Bollywood dagegen lediglich homöopathische Kügelchen zu verabreichen scheinen. Überhaupt ist die unterdrückte Wildheit und Sexualität das Spannendste an den Werken. Natürlich haben die Künstler die Gewalttätigkeit und erotische Energie ihrer Zeit aufgenommen. Das Chaos musste aber irgendwie in die Regeln des Salons gezwängt werden. Bibel, Literatur und Mythos boten wunderbare Ventile. Wenn William Bouguereau 1850 eine Höllenszene aus Dantes „Göttlicher Komödie“ aufgreift, dann ist das weder schön noch gut. Und das Wahre entsteht durch eine perfekt komponierte, aber zugleich maßlose Übertreibung: der Mensch als Bestie, die ihresgleichen zerfleischt.
Die Großen unter den Meistern des Salon de Paris fanden also ihren persönlichen Weg. Der kann auch in die Stille führen. Camille-Félix Bellanger konzentriert sich bei „Abel“ (1874/75) auf den toten Knabenkörper. Hell hebt er sich von der düsteren, felsig kargen Landschaft ab. Der Leib ist leicht verdreht mit hoch stehender Hüfte, die Arme über den Kopf ausgestreckt. In der Haltung dieses Abels wird der Gekreuzigte bereits sichtbar. Die Verhaltenheit weist voraus auf den Realismus, den die Künstler des Salons sehr wohl anpacken. Da sind dann Bauern und Streikende die Helden. Frauenfiguren sind nicht mehr Allegorien, sondern selbstbewusste Individuen.
Parallel läuft die Linie des Symbolismus. Gustave Moreau verschiebt die angeblich so bekannte Antike in „Jason und Medea“ (1865) in eine exotische Welt. Da begegnet uns kein blutrünstiges Heroenpaar, sondern Traum-Duo. In ihrer Aura sind Sex, Gewalt, Fetisch, Zauberei nur eine Ahnung, aber eine, an der Freud seine Freud’ hätte. Mit vielen überraschenden Varianten des Symbolismus, der Stimmungen geradezu magisch einfangen konnte – auch mit impressionistischem Pinselschlag – endet „Gut. Wahr. Schön.“ Und alle Werke haben bewiesen, dass diese Wertungen vieldeutig und relativ sind.
Bis 28. Januar 2018,
täglich 10-20 Uhr;
Telefon 089/ 22 44 12;
Katalog, Hirmer Verlag, München: 29 Euro.