„Jeder fürchtet jeden. Ein dunkles Rätsel drängt auf Lösung. In einer verrückten Welt enthüllt sich ein schreckliches Geheimnis.“ Von der Hyperinflation zum skrupellosen Menschenexperiment – düster ist 1977 das Szenario in „Das Schlangenei“. Ingmar Bergman bannt in seinem Film die betäubt getrübte Stimmung im Berlin der frühen Zwanzigerjahre am Beispiel einer gescheiterten Artistenfamilie. An diesem Samstag hat Anne Lenks Bühnenfassung im Cuvilliéstheater Premiere. Wir sprachen mit Franz Pätzold, der die Hauptrolle des Abel Rosenberg spielt.
-Gab es die Chance, den Bergman-Film zu ignorieren?
Ich hab ihn mir zu Hause einfach mal angeguckt. Aber ich weiß nicht, ob ihn alle gesehen haben. Ich hab mich auch relativ schnell davon verabschiedet, weil es dann doch etwas anderes ist, was wir hier machen: ein anderes Medium, die Bühne… Klar, wir sind viel eingeschränkter.
-Der Film spielt in Berlin. Aber es gibt Berührungspunkte mit München: den Hitlerputsch zur selben Zeit, im November 1923, den Drehort auf dem Filmgelände der damaligen Bavaria Atelier GmbH, die Tatsache, dass Bergman von 1977 bis 1984 am Residenztheater inszenierte. Beeinflusst das einen?
Nicht wirklich. So kommen einfach Spielpläne zustande, deswegen spiele ich nicht anders, geschichtliche Kontexte gibt es nun mal. Mit der Regisseurin Anne Lenk habe ich vor drei Jahren „Hoppla, wir leben!“ von Ernst Toller gemacht. Lustigerweise erinnert es mich wahnsinnig daran. Manchmal nenne ich es spaßeshalber „Hoppla, wir leben! Teil 2“. Wegen der Zeit natürlich, in der die Probleme der Hauptfiguren ähnlich sind: Arbeitslosigkeit, Haltlosigkeit, fehlende Orientierung. Nur kommt Karl Thomas aus einem viel politischeren Kontext. Während sich Abel Rosenberg für die Politik wenig interessiert, sondern sagt: „Nicht mein Problem. Ich sauf mir das Leben zumindest irgendwie erträglich.“ Aber natürlich ist der Alkohol ein Mittel, um zu verdrängen.
-Macht Abel eine Entwicklung durch? Es ist ja nur eine Woche, in der das spielt – ein Auszug Ende 1923, Hyperinflation, ein Zustand. Abel wird darin ausgesetzt, man beobachtet ihn sieben Tage lang.
Bergman nennt ihn: „der Verlorene“. Das ist er auch. Man kann es ja knallhart sagen: Er ist Jude, er ist Ausländer, er ist allein, sein Bruder ist tot, er hat keinen Job, seine Schwägerin ist die einzige Person, zu der er irgendeine soziale Bindung empfindet. Aber Manuela ist krank, und die einzige Chance, die er mit ihr hätte, lässt er verstreichen. Einen Einblick in die Außenwelt bekommt er durch die Klinik von Hans Vergérus, die ja ein gutes Bild für die Hoffnungslosigkeit, die Perspektivlosigkeit der Bevölkerung ist, dafür, was die Menschen in dieser Zeit für ein bisschen Kohle bereit sind zu tun.
-Diese Tristesse trifft nun auf den Rokoko-Prunk des Cuvilliéstheaters. Mögen Sie den Kontrast?
Schwer zu sagen. Ich habe meine erste Resi-Inszenierung im Cuv gemacht: „Halali“ 2011. Ich kann mich erinnern, dass ich dachte: „Das ist der theaterfeindlichste Raum! Ich würde gar nicht auf die Bühne gucken wollen!“ Es ist schon eigenartig, wenn die Probe um 13.45 Uhr zu Ende ist, weil dann Museumsbetrieb ist. Auf der anderen Seite hat Anne Lenk das Talent, gerade mit Judith Oswald, der Bühnenbildnerin, sich dieses Raumes sehr bewusst zu sein. Das hat man bei „Hoppla, wir leben!“ in dieser seltsamen Pyramide gesehen und das wird man auch jetzt wieder sehen in einem sehr, sehr konzentrierten Raum.
-Sie sind 28, Anne Lenk ist Jahrgang 1978. Wie zieht man ein jüngeres Publikum ins Theater?
Indem man zeigt: Wir meinen ernst, was wir machen. Und indem man ehrlich arbeitet, ohne sich anzubiedern. Man darf das Publikum, auch das junge, nicht ignorieren, aber man darf es nicht unterschätzen. Es muss ein Bewusstsein finden, um zu sagen: Ich will nicht immer nur das hören, was ich schon weiß. Ich will auch provoziert werden, provoziert werden zu sagen: Das seh’ ich anders.
Interview: Teresa Grenzmann.