Der ganze Abend hatte Charisma, und es wurde oft gelacht, was beim Tanz ja eher die Ausnahme ist. Es gibt nur wenige Ballettkomödien, und John Crankos Umsetzung von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ (1969 für Stuttgart, 1976 in München) ist wohl die beste. Kurt-Heinz Stolzes Scarlatti-Bearbeitung, schön gespielt vom Bayerischen Staatsorchester unter Myron Romanul, machte dem Staatsballett sichtlich Spiellust und beschwingte Beine. Und für Chef Igor Zelensky war diese „Zähmung“ (hier zuletzt 2012 getanzt) ein absolut gelungener Start in seine zweite Münchner Saison.
Dies mit immerhin 17 Debüts, davon eines ein besonderer Knalleffekt: der frisch engagierte Kubaner Yonah Acosta, Neffe des berühmten Carlos Acosta (vor Jahren Gast in München), machte als Charmebolzen Petrucchio die Nationaltheater-Bühne wie nebenbei zu seinem angestammten Revier. Und das als Einspringer mit nur fünf Proben für den verletzten Osiel Gouneo. Einmal erweist sich Acosta in der Rolle des abgebrannten, auf rettende Mitgift hoffenden Edelmanns und letztlich erfolgreichen Bändigers des heiratsunwilligen Käthchens als ein echtes Darsteller-Naturtalent. Acosta braucht keine theatral aufgesetzten Gesten. Und dann liefert er souverän lässig federnde Sprünge, Mehrfach-Pirouetten plus die so verflixt komplizierte Heberei und Schlepperei (nicht negativ gemeint) seiner Katharina. Ksenia Ryzhkova wirft sich flugsicher und schwindelfrei in seine Hebungsaktionen. Schön kratzbürstig ist sie auch. Aber immer hat man noch das Gefühl, dass sie sich zurückhält, nicht wagt, herauszulassen, was sicher noch in ihr steckt. Das Haus ist groß und erfordert eine Projektion bis in die letzte Parkettreihe und hinauf auf die Galerie.
Eigentlich müsste man nun verfolgen, wie sich alle Debüts – auch die zahlreichen im Corps de Ballet – bei mehrmaligem Tanzen dieser Produktion weiterentwickeln: Vladislav Dogikh als vom Kampfhahn-Pärchen geschundener, noch etwas zaghafter Priester; Tigran Mikayelyan, Javier Amo und Jonah Cook als das um Katharinas Schwester Bianca freiende Trio. Auch da wird sich der komische Zwangs-Zusammenhalt der drei Rivalen noch mehr einspielen. Lyrisch tänzerisch die Pas de deux vom technisch eleganten Cook als Lucentio mit der als Bianca genau richtig besetzten anmutigen Elizaveta Kruteleva. „Zähmung“ ist auf jeden Fall eine Art Schule für die Tänzer, weil Cranko ohne Pantomime diese schmunzelnde Beziehungsgeschichte rein über die Bewegung erzählt. Und wenn noch dazu Cranko-gemäß getanzt wird, ist diese Komödie auch nach fast fünfzig Jahren ein großes Vergnügen.
Weitere Vorstellungen
8. Oktober sowie 22. und 23. Februar; Telefon. 089/ 2185-1920.