Hochamt ohne Weihrauch

von Redaktion

Die Münchner Philharmoniker gastieren in St. Florian bei Linz mit Bruckners Symphonien

von maximilian maier

„Krass!“, entfährt es einem Musiker vor dem Sarkophag Anton Bruckners. Und tatsächlich: Es hat etwas Faszinierendes, ihm so nahe zu sein, vor einer Wand mit den Gebeinen von rund 6000 frühen Christen. Bruckner wünschte sich, in der Gruft des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Florian unweit von Linz bestattet zu werden – direkt unter seiner geliebten Orgel. Denn hier wurde er musikalisch wie religiös geprägt, hier entwickelte er die Klangvorstellungen, die sich in seinem Werk widerspiegeln.

Die Münchner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Valery Gergiev haben sich an diesen besonderen Ort aufgemacht, um dort im Rahmen des Linzer Brucknerfestes die neun Symphonien aufzuführen und auf CD beziehungsweise DVD zu bannen. Bis 2019 soll das Mammutprojekt in drei Etappen fertiggestellt sein. Gergiev hatte auch überlegt, das Jugendwerk der „Nullten“ in den Kanon aufzunehmen, darauf wurde aber aus praktischen Gründen verzichtet.

Das Programm für die Philis ist strapaziös genug. An einem Tag die Symphonien eins und drei, tags darauf die vierte und als Dreingabe die „Unvollendete“ von Franz Schubert. Dazu an den Vormittagen Proben und im Anschluss an die Konzerte Korrekturaufnahmen. Philharmoniker-Gastspiele haben Tradition in St. Florian. Ab 1987 gaben sie unter Sergiu Celibidache, dessen Bruckner-Interpretationen längst Mythos sind, umjubelte Abende. Seinem tief spirituellen Zugang zur Musik kam die Stiftskirche sehr entgegen. Angeblich existieren Fotos vom knienden „Celi“ an Bruckners Sarg, auf Youtube finden sich Filmaufnahmen von ihm aus dem Komponisten-Zimmerchen im Stift. Es kursieren außerdem Anekdoten, etwa des Bruckner-Dirigenten Eugen Jochum, der bei einer Umbettung des Leichnams anwesend war und im Allgäuer Tonfall meinte: „Der schaugt aber nimma guad aus…“ Jochum, selbst Organist, war es auch, der immer wieder betonte, man müsse Bruckner von diesem Instrument her denken. Wie die Register gezogen und blockweise eingesetzt werden, so müssten auch dynamische Gegensätze in den Symphonien herausgearbeitet werden, mit besonderem Augenmerk auf die Form, die Struktur.

In der speziellen Akustik der Stiftskirche, viele sprechen von sechs Sekunden Nachhall, leuchtet diese Sichtweise ein. Ebenso, dass die sehr getragenen Tempi eines Celibidache für den Raum besonders günstig und effektvoll waren. Valery Gergiev geht Bruckner ganz anders an. Schlanker, agiler, oft auch flotter und von der Melodie her denkend. „Phrase“ ist ein Wort, das er häufig benutzt. Dadurch muss er andere Wege suchen, um mit der Akustik umzugehen. Gergiev fordert starke Artikulation, von allen. „Jeder ist ein Solist“, ruft er dem Orchester bei der Probe zu. „Crisp“ soll es klingen, brillant. „Spielen sie nichts pesante“, also wuchtig oder schwerfällig.

Während im Gasteig dieser jugendlichere, frische Zugang zu den Symphonien über weite Strecken aufging (wir berichteten), ist er – trotz aller Artikulation und spielerischen Virtuosität der Philharmoniker – im Kirchenraum problematisch. Die Bläserstellen verschwimmen über dem Streicherteppich, die rasant genommenen Scherzi überschlagen sich.

Ein Besuch beim Tonmeister zeigt, dass dies ein akustisches Problem für die Zuhörer ist. In den späteren Aufnahmen ist zwar ein majestätischer Hall hörbar, der aber die Durchsichtigkeit und Verständlichkeit der Musik nicht beeinflusst. Vielleicht wäre etwas mehr Probenzeit hilfreich gewesen, gerade für ein so wichtiges Projekt. Aber der Chef war am Wochenende unterwegs, natürlich im Dienste der Musik. In seiner Heimat Wladikawkas organisiert er gerade ein Festival. Etwas mehr Fokus möchte man dem unermüdlich Rastlosen für Bruckner wünschen. Denn Gergiev ist dieser Komponist sehr wichtig, das betont er oft. Er spürt eine Verbundenheit, der er aber gerade erst auf den Grund geht.

Sicher ist Gergievs Bruckner-Interpretation geprägt von seiner großen Energie. Aber auch von diesseitiger Bodenständigkeit. Entrückte Mystifikationen sind seine Sache nicht. Das kann ein spannender Ansatz sein, auch in St. Florian, wo der Genius Loci mitspielt. Doch der erschließt sich sowieso am besten, das zeigt ein kleiner Rundgang während einer Probe, wenn man unten durch die Gruft geht, während oben die „Romantische“ klingt. Da ist einem Anton Bruckner schauderhaft schön nahe.

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