Gespräch mit dem Schauspieler beim Zürcher Filmfestival

Der Tierflüsterer

von Redaktion

„Planet der Affen“, „King Kong“ oder Gollum – Andy Serkis ist Spezialist fürs Animalische

von marco schmidt

Viele Filmfans wissen über ihn nur, dass er der Darsteller ist, der hinter der Figur des Gollum aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie steckt. Dass Andy Serkis eine Menge mehr zu bieten hat, zeigte der 53-jährige Brite in einer inspirierenden Meisterklasse im Rahmen des Zürcher Filmfestivals. Ursprünglich hatte er bildende Kunst studiert, um als Maler und Grafikdesigner zu arbeiten, und nur deshalb einen Schauspielkurs belegt, weil er Theaterplakate und Bühnenbilder entwerfen wollte. Doch durch die Hauptrolle eines rebellierenden Jugendlichen in Barrie Keefes Stück „Gotcha“ wurde er mit dem Darstellervirus infiziert – zum Entsetzen seiner Eltern, wie er in Zürich erzählte: „Sie fanden es schon schlimm, dass ich Künstler werden wollte. Aber ausgerechnet Schauspieler? Oje!“

Sein Vater, ein gebürtiger Iraker, habe im Gegensatz zu ihm etwas Ordentliches gelernt, so Serkis: „Er war Arzt und hat ein Krankenhaus in Bagdad aufgebaut. Zum ersten Mal sah er mich in London in dem Drama ,Hush‘ von April De Angelis auf der Bühne – in der Rolle eines gewalttätigen Straßenjungen, der sich für einen Hund hält. Ich musste bellen und beißen und völlig nackt agieren. Mein Vater hat danach lange nicht mehr mit mir gesprochen.“

Serkis dachte damals, mit jenem „Dogboy“ wäre die Grenze der schauspielerischen Verwandlungskunst erreicht. Er konnte nicht ahnen, dass er ein Jahrzehnt später, nach zahlreichen Theater-, Fernseh- und Filmrollen, zum Spezialisten für animalische Aufgaben avancieren würde: Dank der Performance-Capture-Technologie machte er Furore als Gollum, als Titelheld von Peter Jacksons „King Kong“-Neuverfilmung und als Caesar, dem Anführer der Affenrevolution in der „Planet der Affen“-Trilogie.

In Zürich räumte Serkis mit dem größten Irrglauben über ihn auf: „Denken Sie bloß nicht, ich hätte all diesen Figuren bloß meine Stimme geliehen!“ Die Performance-Capture-Technik ermögliche es vielmehr, sämtliche Bewegungen eines Akteurs bis hin zu Mimik und Gestik detailliert aufzuzeichnen und später digital zu bearbeiten. „Ich habe diese Figuren von A bis Z verkörpert“, betont Serkis. „Was hinterher am Computer passiert ist, etwa die Transformation in einen Affen, ist letztlich bloß digitales Make-up. Manche Leute glauben, Performance Capture hätte nichts mit Schauspielerei zu tun. Blödsinn! Wenn sich Gary Oldman dank eines Maskenbildners in Winston Churchill verwandelt, zweifelt doch auch niemand an seiner Schauspielkunst!“

Auf die Frage, ob die Technik besondere Fähigkeiten von den Akteuren verlange, meinte Serkis: „Nein, man benutzt einfach seine Fantasie – wie jeder Darsteller.“ Im Rahmen seiner Recherche habe er in Ruanda eingehend das Verhalten und die Bewegungsabläufe der Berggorillas studiert. Aber auch wenn man einen Affen spiele, müsse man sich stets Gedanken über die Psychologie der Figur machen: „Mit jeder einzelnen mimischen oder gestischen Entscheidung zielen Sie letztlich auf die Emotionen der Kinozuschauer.“

Erste Regieerfahrungen konnte Serkis als Second Unit Director bei Jacksons „The Hobbit“ sammeln, wo er 200 Tage lang ein riesiges Filmteam dirigierte – und ganze Heere von Zwergen, Drachen und sonstigen Kreaturen. „Das war die beste Filmschule der Welt“, findet er.

Mit „Solange ich atme“ legt er nun sein Regiedebüt vor: kein Spezialeffekte-Spektakel, sondern ein intimes, berührendes Drama über einen lebensfrohen Mann, der 1958 durch eine Infektion vom Hals abwärts gelähmt wird und sich erfolgreich dagegen wehrt, in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren. Zu diesem Herzensprojekt habe er in mehrfacher Hinsicht einen persönlichen Bezug, verrät Serkis: „Es ist die wahre Geschichte des Vaters meines Freundes und Produktionspartners Jonathan Cavendish; meine Mutter war Lehrerin für behinderte Kinder, und meine Schwester sitzt wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl.“ Als Hauptdarsteller konnte er Andrew Garfield gewinnen – „dieser unfassbar vielseitige Kerl“ sei sein Wunschkandidat gewesen. Damit sei ihm als Regisseur gelungen, was noch kein Marvel-Bösewicht geschafft habe: Spider-Man an einen Rollstuhl zu fesseln. Soeben hat Serkis die Dreharbeiten zu seiner zweiten Regiearbeit beendet, einer „Dschungelbuch“-Neuverfilmung – „näher dran an den Büchern von Rudyard Kipling, rauer und wilder als bei Disney, garantiert ohne singende und tanzende Tiere“, verspricht er grinsend. Er träumt davon, mithilfe des Performance-Capture-Verfahrens auch Orwells „Farm der Tiere“ neu für die Leinwand zu adaptieren und alle Shakespeare-Stücke als Videospiele herauszubringen. „Ich habe noch so viele Ideen“, resümiert er, „dass ich manchmal glaube, mein Kopf würde explodieren!“

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