Schillerndes Europa

von Redaktion

Robert Menasse wurde gestern Abend für seinen Roman „Die Hauptstadt“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

von michael schleicher

Dieser Augenblick muss dokumentiert werden: Robert Menasse steht gestern Abend auf der Bühne im Kaisersaal des Frankfurter Römers, wo ihm gleich der Deutsche Buchpreis überreicht wird, und holt sein Smartphone aus dem Jackett. Der österreichische Schriftsteller fotografiert das Publikum, das ihm heftig applaudiert, während Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Begründung der Jury verliest.

Die sieben Juroren sehen in Menasses bei Suhrkamp erschienenem Roman „Die Hauptstadt“ den Anspruch verwirklicht, den der Autor an sich selbst gestellt habe. „Zeitgenossenschaft ist darin literarisch so realisiert, dass sich Zeitgenossen im Werk wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden.“ Der 63-Jährige mache in seinem Werk „unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können“, heißt es in der Jurybegründung weiter. Dafür gibt es in Frankfurt am Main die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung, die traditionell am Vorabend der Buchmesse verliehen wird. Menasse setzte sich damit gegen fünf Finalisten durch, die jeweils 2500 Euro erhalten.

An seine Mitbewerber erinnert der gerührte Gewinner in seiner kurzen Dankesrede: „Jeder von uns Nominierten hat diesen Preis verdient.“ Menasse, der als Sohn einer jüdischen Familie 1954 in Wien geboren wurde und seinen literarischen Durchbruch im Jahr 1995 mit dem Roman „Schubumkehr“ feierte, stellt in Frankfurt klar, dass es „sehr viele Klischees über die europäische Beamtenschaft“ gebe – „ich habe versucht zu zeigen, dass es Menschen sind“.

Sein Buch, ein ironischer Gesellschaftsroman mit Krimi-Elementen, spielt in Brüssel (wo Menasse selbst recherchiert hat) und setzt sich mit der EU-Bürokratie auseinander. Dabei wird in „Die Hauptstadt“ ein schillerndes Panorama der europäischen Eliten entfaltet.

„Es ist seltsam, dass über das europäische Einigungsprojekt noch nicht literarisch gearbeitet wurde“, hat Robert Menasse kurz vor der Preisverleihung im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. Schließlich werde „zum ersten Mal in der Geschichte in einer Stadt, in Brüssel eben, die Rahmenbedingungen des Lebens für einen ganzen Kontinent produziert“. Die Idee zu seinem Roman habe er im Juli 2010 gehabt, verriet der Autor: „Ich muss nach Brüssel! Ich muss schauen, was da passiert. Was machen diese Eurokraten, diese Revolutionäre mit Beamtenstatus? Und ich will wissen, ob man das erzählen kann.“

Er kann. Eine Figur in „Die Hauptstadt“ ist Fenia Xenopoulou, die in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Union arbeitet – und daran verzweifelt, dass in Brüssel die Kultur niemand wirklich ernst nimmt. Menasse lobt die Generaldirektion bei der Preisverleihung aber als „manchmal sehr schrullige, aber manchmal sehr tapfere Institution“, und erinnert daran, dass sich die Beamten erfolgreich gegen den Internetversandhändler Amazon gewehrt haben, der die Buchpreisbindung kippen wollte.

Menasses Roman überzeugte indes nicht nur die Jury des Buchpreises, sondern auch den Kritiker unserer Zeitung. Sein Urteil lautete: „Auch wenn der Wiener Autor stilistisch ganz unwienerisch dem traditionellen Erzählen verhaftet bleibt – er beherrscht dieses Handwerk so souverän und meisterhaft, dass sich ,Die Hauptstadt‘ bei Bedarf wie ein Krimi verschlingen lässt. Das muss man auch erst mal hinkriegen: einen derart spannenden, unterhaltsamen Roman über ein eigentlich fades und trockenes Thema wie die EU-Bürokratie zu schreiben.“

Lesung in München:

Robert Menasse stellt seinen Roman „Die Hauptstadt“ am 22. November, 19 Uhr, im Rahmen der Münchner Bücherschau im Gasteig vor;

Karten: 089/ 54 81 81 81.

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