Ein unfassbares Haus

von Redaktion

Zwischen Baustellen, „Joi mamam“ und Oper im L-Format: Zur Wiedereröffnung des Gärtnerplatztheaters

von markus Thiel

Türkische Putzfrauen sind einmal zu sehen, die ein stilechtes Gstanzl singen, auch Operettendiven, die sich einen phonstarken Vorsingkampf liefern, dann ein steppender Bonvivant in Frack und mit Seidenschal, ein Kellner-Ballett, eine Theaterruine – und einmal dreht sich der auf der Bühne nachgebildete Zuschauerraum mit der „Führerloge“ herein, in der ein stummer Schnauzbart-Träger sitzt. Zu erleben war das alles in der großartigen Produktion „In mir klingt ein Lied“, mit der vor zehn Jahren das Gärtnerplatztheater seine Geschichte nicht nur bebilderte, sondern problematisierte. Ein in der deutschen Bühnenlandschaft einmaliger Fall von Vergegenwärtigung der Vergangenheit – und ihrer Bewältigung.

Denn dies alles und noch viel mehr macht ja ein Haus aus, das auf eine ganz wörtliche Weise unfassbar ist. Volksoper, Hort der leichten Muse, auch der großen Oper im publikumsfreundlichen L-Format (nicht XXL wie nebenan an der Staatsoper), vor allem aber eine Kulturinstitution, die – vielleicht nur noch neben dem Münchner Volkstheater – in der Landeshauptstadt als Einzige Familienatmosphäre verbreitet. Auch deshalb die Massen am vergangenen Wochenende, die zum Tag der offenen Tür ins frisch renovierte, in „ihr“ Theater wollten. Und vielleicht auch deshalb die bald beruhigten Gemüter: eine Kostensteigerung bei der fünfjährigen Sanierung von gut 70 auf 120 Millionen Euro? Es gibt Schlimmeres.

„Niemals hat dieses Haus aufgehört, populärer Rebell gegen die großteils erstarrten hof- und staatstheaterlichen Zeremonien zu sein.“ So hat es einst Hellmuth Matiasek formuliert, Intendant von 1983 bis 1996. Das Populäre, nicht zu Hochgestochene, dies ist eine inhaltliche Konstante, die sich durch die 152-jährige Geschichte des Gärtnerplatztheaters zieht. Noch einige andere Konstanten gibt es. Die Operette als größte Säule des Repertoires. Aber auch die vielen Umbauphasen neben der aktuell abgeschlossenen: Erst 1969 erhielt der mehrfach umgestaltete Zuschauerraum wieder seine ursprüngliche Gestalt.

Zehn Jahre später wurde an der Fassade gewerkelt. Noch mal eine Dekade darauf nahm man sich den Orchestergraben und einige andere technische Dinge vor. Und um die Jahrtausendwende wurde die gesamte Bühne überholt. Das Gärtnerplatztheater als Baustelle, die von gelegentlichem Spielbetrieb unterbrochen wird, so scheint es: Ob also jetzt, nach der siebenjährigen Totalsanierung (die zunächst fünf Jahre dauern sollte), Ruhe ist für absehbare Zeit?

An diesem Wochenende zweimal die Eröffnungsgala „Es ist soweit!“ und am kommenden Donnerstag die Premiere von Franz Lehárs Parade-Operette „Die lustige Witwe“, auch das ist bezeichnend für Intendant Josef E. Köpplinger. Keine Oper also, kein Spektakel mit schwerer Kost, das war nicht immer so. Denn auch diese Konstante gibt es in der Gärtnerplatz-Historie: die dauernde, manchmal bemühte bis hilflose, stellenweise allerdings auch geglückte Abgrenzung zur Bayerischen Staatsoper. Teilweise war die übrigens gar nicht nötig, zwischendurch waren beide Häuser schließlich fusioniert.

Abgesehen von dieser Zwangsverschwisterung gab es Jahre und Intendanzen, die von einem Minderwertigkeitskomplex geprägt waren und in denen versucht wurde, es mit dem Musentempel am Max-Joseph-Platz aufzunehmen. Passiert ist so etwas zum Beispiel in der Ära von Klaus Schultz. Er, der hintergründige Intellektuelle, mutete sich, dem Haus und seinem Publikum sogar Uraufführungen zu – von denen manche freilich (man denke nur an „Das Beben“ von Awet Terterjan anno 2003) auf erstaunliche Resonanz stießen. Sollte am Gärtnerplatz also doch mehr möglich sein als Heiteitei und „Joi mamam Bruderherz“?

Eine schlüssige Verbindung von angeblich ernster und leichter Muse gelang Kurt Pscherer, Intendant von 1964 bis 1983. Und dafür stand er mit eigenen Inszenierungen ein, die sich zwischen „Wiener Blut“, „Kiss me, Kate“, „Madame Butterfly“, „La traviata“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ bewegten. „Profil und Charakter des Hauses liegen in seiner Vielfalt, heute Musical, morgen große Oper, übermorgen klassische Operette“, so verstand er sein Credo als Theaterchef.

Interessant, dass dieses Sich-zur-Decke-Strecken in der Ära Klaus Schultz, diese Kampfansage an die Staatsoper auch eine berufliche Besonderheit hatte. Schultz war, im Unterschied zu seinen Kollegen am Gärtnerplatz, kein regieführender Intendant. Ein stark Bühnenorientierter, aber aus der Perspektive des Dramaturgen. Ansonsten gab es nach dem Krieg ausschließlich Künstlerchefs, die mit ihrer Ästhetik Programm und Szene prägten. Ein Modell, das sogar zu einer Idee führte, die eine kleine Theatersensation gewesen wäre: Einige Jahre ist es her, dass Christof Loy das Gärtnerplatztheater angeboten wurde, doch der empfand die Position für sich und seine Ambitionen offenbar als unpassend.

In Sachen Operette gehört das Haus zu einer aussterbenden Spezies. Nur noch an der Wiener Volksoper, an der Komischen Oper Berlin und an der Dresdner Staatsoperette wird das Genre so hingebungsvoll gepflegt. Die Opernhäuser begnügen sich meist mit ihrer Pflicht-„Fledermaus“, Zürich wagt sich immerhin an Lehárs „Das Land des Lächelns“, aber das ist ja ohnehin eine verkappte Oper. Ob Operette also tatsächlich wieder „in“ ist, wie es in München Köpplinger und in Berlin Barrie Kosky nicht müde werden zu beteuern?

Viel spricht dafür, dass weniger das Publikum ein Problem hat mit der leichten Muse, sondern die Intendanten. Operetten, Inbegriff von Volksopern-Repertoire, wären eigentlich die Stücke der Stunde. Als Erholung für diejenigen, die sich nach Exzessen des sogenannten Regietheaters nach Erwartbarem sehnen. Aber auch für Kartenkäufer mit Lust an der Satire, Karikatur und Gesellschaftskritik: Ein Stück von Offenbach könnte (mit entsprechender Übersetzung und Inszenierung) mehr Potenzial bieten, mehr Raum für Aktuelles als Wagners Musikdramen. Gegen Hannas Stoßseufzer der „Lustigen Witwe“, ab kommendem Donnerstag wieder zu hören, lässt sich schließlich wenig einwenden: „Verhasst ist mir Politik, verdirbt sie beim Mann den Charakter, so raubt sie uns Frauen den Schick!“

Fernseh-Übertragung:

Die Eröffnungsgala sendet das Bayerische Fernsehen an diesem Samstag zeitversetzt ab 22 Uhr.

Artikel 6 von 9