Ein Fest für Leser

von Redaktion

Die Autoren Franzobel und Andreas Reckwitz wurden gestern Abend in München mit dem Bayerischen Buchpreis geehrt

von Michael Schleicher

Am Ende, nach meist munterer Debatte, blieben den drei Juroren in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz kaum mehr als fünf Minuten für die Urteilsfindung. Die Autorin und Moderatorin Thea Dorn, Svenja Flaßpöhler vom Deutschlandfunk Kultur sowie Knut Cordsen (Bayerischer Rundfunk), die erstmals die Jury bildeten, hatten zuvor je ein Buch ins Rennen um den Bayerischen Buchpreis geschickt – und anschließend knapp 40 Minuten diskutiert.

Als bester Roman und damit mit einem Preisgeld von 10 000 Euro wurde „Das Floß der Medusa“ (Zsolnay Verlag, 592 Seiten; 26 Euro) des Österreichers Franzobel ausgezeichnet – gegen die Stimme Cordsens. Er hatte an dieser belegten Geschichte aus dem frühen 19. Jahrhundert, die von einer der größten Katastrophen der Seefahrt erzählt, bemängelt, dass ihm die Art, wie der Autor vom brutalen Überlebensdrama der Schiffbrüchigen berichtet, mitunter „too much“ sei. Doch gerade dieses „zu viel“ lobten seine Kolleginnen als Prinzip des Romans. Dieser sei eine „Feier der Überschreitung“, sagte Flaßpöhler. Thea Dorn zog in der Debatte Parallelen ins Heute: „Das Floß der Medusa“ führe vor, „wie dünn der Lack der Zivilisation“ sei.

Franzobel erinnerte in seiner kurzen Dankesrede an den „ungeheuren Kraftakt“ des Schreibens: „Drei Jahre lang bin ich an meine physischen und psychischen Grenzen gegangen.“ Zudem erklärte er mit hintersinnigem Humor, wie froh er sei, im Oktober nicht den Deutschen Buchpreis gewonnen zu haben, für den er auch nominiert war: Der hätte sehr viel Geld, aber auch sehr viele Termine bedeutet. „Wenn ich danach ein halbes Jahr herumgereist wäre, hätte mich meine Frau verlassen – und dann wäre das Geld auch weg gewesen.“ Insofern freue er sich über den Bayerischen Buchpreis, „der ist nicht ganz so groß“. Die Debatte, an deren Ende der Österreicher als Sieger feststand, war kontroverser und damit spannender als zuvor jene bei den Sachbüchern. Hier ging der Preis, ebenfalls mit 10 000 Euro dotiert, erneut gegen die Stimme Cordsens an den Kultursoziologen Andreas Reckwitz, der in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ den Strukturwandel der Moderne analysiert (Suhrkamp Verlag, 488 Seiten; 28 Euro). Flaßpöhler hatte das Buch nominiert und gelobt, dass der Autor von „vorne bis hinten einen Gedanken entwickelt“ habe. Reckwitz untersucht vor soziologischem Hintergrund den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts etwa in der Arbeitswelt, der Politik und im Alltag eines jeden abspielt. Ein Ansatz, der Thea Dorn überzeugte. Sie findet in Reckwitz’ Werk einen „Schlüssel, mit dem ich die Gesellschaft besser begreifen kann“; während Knut Cordsen unter anderem die „Nominalstil-Ungetüme“ kritisierte. Reckwitz selbst zeigte sich vom Votum der Juroren überrascht, „denn es ist ein Buch, das nicht so leicht zu konsumieren ist. Es bedarf einer gewissen Mühe, es zu lesen.“ Daher sei es eine „mutige und ermutigende Entscheidung“.

Wie berichtet, wurde der Ehrenpreis fürs Lebenswerk an den Autor und Illustrator Tomi Ungerer verliehen. Der 85-jährige Franzose veröffentlichte berühmte Kinderbücher wie „Die drei Räuber“, „Der Hut“ und „Der Mondmann“, aber auch so lustvolle wie satirische Bilderzählungen für erwachsene Leser.

Seit 2014 wird der Bayerische Buchpreis verliehen, der vom Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und dem bayerischen Wirtschaftsministerium veranstaltet wird. Heuer war nicht nur die finale Jurysitzung öffentlich, erstmals wurden in der Allerheiligen-Hofkirche auch Urteile von Buchfans aus den Sozialen Netzwerken verlesen. Die bewegten sich im Irgendwo zwischen banal, charmant und engagiert. Mal waren sie klug, mal komisch, mal doof – in jedem Fall so lebendig wie die Debatten auf dem Podium. Und wie es die Literatur idealerweise ist. Was will man mehr?

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