Jubiläum

Freunde fürs Leben

von Redaktion

Vor 50 Jahren gründete Enoch zu Guttenberg die Chorgemeinschaft Neubeuern

von tobias hell

Gesungen hat man in Neubeuern eigentlich schon immer, sei es im Kirchenchor oder in der daraus hervorgegangenen Liedertafel. Doch dass die rund 4400 Seelen zählende Marktgemeinde im Inntal, die sich selbst gerne als „Kulturdorf“ betitelt, einmal einen international renommierten Chor hervorbringen würde hätte 1967 wohl kaum einer vermutet. Dessen Name hat inzwischen rund um den Erdball einen guten Ruf. Damals rief ein junger Dirigent namens Enoch zu Guttenberg die Chorgemeinschaft Neubeuern ins Leben, die nun ihr 50-jähriges Bestehen feiert.

Neben drei Gründungsmitgliedern, die nach wie vor mit von der Partie sind, gibt es mehr als eine Familie, die hier bereits in der Kinder- und Enkelgeneration die Leidenschaft fürs Singen pflegt. Denn wer einmal Chorluft geschnuppert hat, scheint davon kaum wieder loszukommen. So auch Andreas Poll, der in die Fußstapfen seiner Eltern, Tanten und Onkel trat. „Der Chor war in unserer Familie eigentlich allgegenwärtig. Am Anfang habe ich mich schon etwas gewehrt, weil man als junger Mann ja nicht unbedingt Lust aufs Chorsingen hat. Meine Mutter hat aber gesagt, probier’s einfach mal aus. Darüber bin ich heute sehr froh. Und zwar nicht nur, weil ich dadurch einen Bezug zur klassischen Musik bekommen habe. Ich habe schnell gemerkt, dass das ein sehr lustiger Haufen ist, mit dem man viel Spaß haben kann.“ Davon anstecken lassen hat sich auch seine Ehefrau Birgit, die irgendwann keine Lust mehr hatte, allein daheim zu sitzen, während ihr Mann mit Freunden sang. „Ich finde dieses Gemeinschaftserlebnis einfach gigantisch. Das muss gar kein Konzert sein. Mir passiert es oft auf der Probe, dass ich auf einmal Gänsehaut bekomme, wenn 150 Menschen in Chor und Orchester durch die Musik zusammenfinden.“

Andere, wie der aus Stephanskirchen zuagroaste Franz Nusser, haben ohne familiären Bezug den Weg zum Chor gefunden. „Nachdem das aber doch ein kleiner Mangel war, habe ich einfach selbst eine Familie mit einer Sängerin gegründet und bin nach Neubeuern gezogen“, erzählt er mit einem Lächeln. Wohlgefühlt hat er sich in der Chorgemeinschaft von Anfang an. „Man hat mich zwischen zwei Gründungsmitglieder gesetzt, quasi zum Aufpassen. Jetzt sind meine Frau und ich selber schon 31 Jahre dabei.“ Und nicht nur das. Zur Zukunft des Ensembles haben Maria und Franz Nusser ihren Teil beigetragen, gesellt sich doch aktuell Tochter Johanna dazu, mit ihren 17 Jahren derzeit jüngstes Chormitglied. „Als Zuhörer im Konzert kriegt man gar nicht mit, was für ein Aufwand dahintersteckt. Und wenn man selber da oben sitzt, um mitzusingen, und dann alles perfekt zusammenkommt, ist das Wahnsinn.“

Perfektion verdankt man vor allem dem damals wie heute höchst ambitionierten Enoch zu Guttenberg, der die Chorgemeinschaft auf internationales Niveau gedrillt und einen eigenen Klang etabliert hat. Gut nach zu hören lässt sich diese Entwicklung etwa in der gleich doppelt auf CD vorliegenden „Matthäuspassion“. Sein Leib- und Magenstück hat Guttenberg mit dem Ensemble unter anderem im traditionsreichen Wiener Musikverein aufgeführt.

Tourneen wie diese bleiben natürlich besonders im Gedächtnis, wie Leni Frey berichtet: „Ich hatte schon meinen Bruder und meine Cousine im Chor und bin eigentlich nur dazugekommen, weil ich eben auch singen wollte. Aber das, was wir hier alles erleben, habe ich erst allmählich realisiert. Als ich 2010 anfing, haben wir ein paar Wochen später vor dem Papst gesungen. Das war schon beeindruckend. Genau wie vor Kurzem mit Kent Nagano in der Elbphilharmonie. Da glaubt man im ersten Moment gar nicht, dass man tatsächlich in solchen Sälen vor tausenden von Leuten singt.“

Diese Eindrücke teilt Frey mit vielen Mitstreitern. Selbst wenn alle derzeit ein klein wenig froh scheinen, dass man nach der großen Jubiläumssaison im nächsten Jahr wieder etwas durchatmen kann und nicht gleich eine ausgedehnte Tour jenseits des Atlantiks ansteht. „Die Konzerte sind das eine, aber auch das Miteinander, das Proben, einfach mal für zwei Stunden abschalten und ganz woanders sein – auch das ist unglaublich wichtig. Manchmal hat man einen anstrengenden Tag und eigentlich gar keine Lust zu proben, aber dann fängt man an, zusammen zu singen, und danach geht es einem einfach nur gut.“

Jubiläumskonzert

mit Haydns „Schöpfung“ am Samstag, 19.30 Uhr, in der Philharmonie im Gasteig; Telefon 089/ 93 60 93.

Artikel 9 von 11