Wenn der Wein, den der noble Grieche, wie es sich gehörte, verdünnt trank, den Grund der Schale freigab, zeigte sich vor 2530 Jahren wie heute ein Bild des Friedens. Der heute noch gepriesene Künstler Exekias hatte mit einer neuen Technik aus dem Rot des Töpfertons einen fantastischen Raum geschaffen. Materie wurde Magie. In das Ineinanderfließen von Himmel und Meer setzte er schwarz den entspannten Gott des Weins, des Theaters, der Ekstase. Der segelt in einem fischförmigen Boot, ohne auch nur eine Hand fürs weiße Segel oder die Ruder rühren zu müssen. Wie auf einem Trinkbett fläzt er da, blickt in die Ferne und hält sein Trinkhorn. Hinter ihm wächst ein Weinstock baumgleich in die Höhe, um ihn tummeln sich die Delfine. Natürlich wusste der Zecher beim damaligen Symposion sofort, dass die Szenerie die Ruhe nach dem Sturm zeigt: Die sympathischen Meeressäuger waren gerade noch Seeräuber. Allerdings hatten sie sich mit dem Falschen angelegt – mit Dionysos.
Heute freuen wir uns, wenn uns diese und ähnliche Geschichten erzählt werden, die die antiken Könner für ihre Vasenmalerei verwendeten. Florian Knauß, Chef der Münchner Glyptothek und Antikensammlungen am Königsplatz, ist so ein Erzähler, geübt durch Hunderte von Führungen. Und da sich viele Liebhaber der Malerei einen aktuellen Begleiter durch die Antikensammlungen wünschten, gibt es nun ein Buch über die dortigen Meisterwerke, erschienen beim Münchner C.H. Beck Verlag. Damit ist eine große Lücke gefüllt, denn der Münchner Schatz „ist die schönste und beste Vasensammlung der Welt“, wie Knauß betont.
Ein zweiter Anlass für den Bildband ist ein Jubiläum. Vor 50 Jahren sind die Sammlungen, die auch atemberaubenden Schmuck, etruskische Kunst von Skulpturen bis zur Malerei in einer Grabkammer, hinreißende Kleinplastiken in Bronze und Terrakotta – die anmutigen Frauen! – und Gemmen umfassen, zusammen in das Gebäude gegenüber der Glyptothek eingezogen. Früher waren die Konvolute auf verschiedene Häuser zwischen Alter Pinakothek, Galerie am Hofgarten und Prinz-Carl-Palais verteilt. Die Vereinigung in einem Haus sei ideal, ein Problem sei jedoch der Zustand von Georg Friedrich Zieblands Gebäude, erklärt Florian Knauß. Nach dem Bombenschaden im Zweiten Weltkrieg war es entkernt und waren die eher kleinen, von Tonnengewölben überspannten Räume in bis zu 14 Meter hohe Hallen umgewandelt worden. Schlecht für die Präsentation von Kleinkunst, zumal Klimatisierung und Elektrik mangelhaft sind. Obendrein: Gehbehinderte Menschen erreichen die Ausstellung ebenso schwer wie die wertvollen Werke selbst. Eine Sanierung – auch innenarchitektonisch-ästhetische – ist dringend geboten.
Das werden die Besucher genauso empfinden, die jetzt die Wahl haben, entweder mit dem Bildband, einem Führer in Fleisch und Blut beziehungsweise einem audiovisuellen oder einer App durch die Dauerausstellung zu wandern. Jeder spürt, dass hier große Kunst keinen angemessenen Rahmen hat. Und doch hat das Museumsteam den Sammlungen, die in Herzog Albrechts V. (1528-1579) Wunderkammer wurzeln und vor allem durch Ludwigs I. (1786-1868) Erwerbungen geprägt sind, Luft verschafft. Die teils einzigartigen Stücke können atmen und sind doch eingebunden in die kunstgeschichtlichen Informationen. In den beiden letzten Sälen sind neuerdings bestimmte Themen aufbereitet. Das geht vom Alltag bis zu Tod und Begräbnis. Antike Cartoons schildern Sport und Kult, erzählen von Göttern und starken Frauen wie den Amazonen, von Troja und den Taten des Herakles. Dafür kann sich die etruskische Kunst im Obergeschoss ausbreiten. Sex, Suff und Sagen – alles schon mal da gewesen. Und natürlich Gaudi-Objekte wie Trinkgefäße, bei denen man beim besten Willen nicht erkennen kann, wo der Wein rein- oder rausfließen soll.
Gerade das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es gesteckt voll ist von Informationen: von Maltechniken bis zu Mythen. Dabei erklärt Knauß klar und für wirklich jeden verständlich, außerdem schreibt er unterhaltsam und humorvoll. Schließlich spielt der Wein eine zentrale Rolle. Gleichzeitig sind die Text von einem tiefen Verständnis dieser malerisch-zeichnerischen Kunst getragen. Ihre Einmaligkeit besteht insbesondere darin, dass sie die Schalen und Vasen eben nicht dekorierte, sondern sie gerade in ihrer Dreidimensionalität tatsächlich verwandelte.
Informationen:
Museum: Königsplatz 1, Di.-So. 10-17, Mi. bis 20 Uhr. Buch: „Die Kunst der Antike. Meisterwerke der Münchner Antikensammlungen“. Verlag C.H. Beck, 288 Seiten; 28 Euro.