Neuerscheinung und Lesung

Es beginnt so harmlos

von Redaktion

Robert Harris stellt „München“ vor, sein Buch, das sich mit Chamberlains Versuch beschäftigt, Hitler zu besänftigen

Von Katja Kraft

14 Wörter zu Beginn können alles ändern. Wie ein Vorzeichen im Notenblatt – ein kleiner Ausspruch, der den Grundton verändert. Robert Harris (Foto: Henning Kaiser/ dpa) weiß das. Und stellt seinem neuen Roman „München“ ein Zitat voran, das die folgenden 431 Seiten in einem anderen Licht erscheinen lässt. „Was heute Vergangenheit ist, dessen sollten wir uns immer bewusst sein, war einst Zukunft“ (F. W. Maitland). Wir dürfen ihn demnach als Warnung lesen, diesen Thriller, der uns von der historischen Versammlung in München im Herbst 1938 erzählt. Dem Treffen Hitlers, Chamberlains, Mussolinis und Daladiers, die die Sudetenfrage klären wollten – am Ende aber eine Tatsache nicht in Luft auflösen konnten: dass der zweite große Weltkrieg nicht aufzuhalten war. Weil „kein Deutscher ihr gemeinsames Schicksal aufhalten konnte, bevor es sich erfüllt hatte“. So formuliert es Harris und setzt damit all den Kritikern der britischen Appeasementpolitik ein mildes Urteil entgegen. Dass nämlich der vielfach kritisierte Chamberlain sich noch so hart gegenüber Hitler hätte verhalten können – um einen Krieg wäre er so oder so nicht herumgekommen.

Überhaupt ist es eine für Historiker umstrittene Schrift, die Harris da verfasst hat. Denn während der einstige britische Premier allgemein als Verlierer in der Münchner Konferenz 1938 gilt, der Hitler zwar eine Erklärung über den Frieden in Europa abgerungen hat, die aber, so wissen wir heute, wertlos war, zeichnet Harris ein anderes Bild. Wir lernen hier den alten, hochgewachsenen Mann im Nadelstreifenanzug näher kennen. Als einen Herrn, der nimmermüde für sein Ideal kämpft: die Friedenswahrung in Europa.

Harris, der Chamberlains Tochter und dessen Privatsekretär einst persönlich kennengelernt hat, beschreibt den britischen Politiker als einen Mann, der zu Recht nach der Deutschlandreise bei der Ankunft in England stolz die in München unterzeichnete Erklärung Hitlers in die Höhe reckt. Das Foto dieser Szene ist in die Geschichte eingegangen. Sollte an den danach stattfindenden Ereignissen aber nichts mehr ändern. Wir wissen, dass Hitler zwar unterschrieb, sich in Wahrheit aber nicht darum scherte, wofür er sein Wort gegeben hatte. Hatten die Alliierten also überhaupt eine Chance? Folgt man Harris’ Argumentation, war es einerlei: Besänftigung oder ein vorheriges militärisches Einschreiten – beides hätte zum Krieg geführt, beides unzählige Opfer gekostet.

Und was, wenn man Hitler, den „Führer“, in diesen Zeiten getötet hätte? Hätte es den historischen Verlauf positiv verändert, wäre Hitler vor all dem Wahnsinn getötet worden? Auch hier zeigt sich Harris frei von allen schönen Illusionen. Das Schicksal hätte seinen Zeilen nach dennoch seinen schrecklichen Lauf genommen.

All das geht einem nahe, wenn man den politischen Thriller liest, der Harris wieder zu seinem Anfangsthema, dem Zweiten Weltkrieg, zurückführt, mit dem er in „Vaterland“ den Durchbruch als gefeierter Schriftsteller hatte. Weil ihm gelingt, was ihm schon mit „Pompeji“ oder „Imperium“ gelang: einen historischen Sachverhalt – in diesem Fall das Zustandekommen des Münchner Abkommens – so fesselnd zu schildern, dass jeder, der sonst beim Wort „Geschichte“ die Segel streicht, gebannt bis zur letzten Seite mitfiebert. Denn was ist Geschichte? Das, was einst Zukunft war. Ergo das, was immer wieder geschehen kann.

Mit Schrecken erkennt man die Parallelen, die sich zu wiederholen scheinen. Wer heute über die AfD nur müde lächelt oder sie gar anerkennend bejubelt, sollte zurückschauen und sehen, was einst passierte. Es beginnt so harmlos. Von ausländischen Mächten wohl gesehen, aber nicht in der Dramatik erkannt. Was passiert heute in Syrien? Die ganze Welt weiß Bescheid über Giftgasangriffe, Folterungen, bestialische Ermordungen der eigenen Bevölkerung. Doch was wird wirklich dagegen getan?

Im Roman lesen wir von zwei Beamten, die versuchen, auf ihre Weise in das Geschehen einzugreifen – der eine auf britischer, der andere auf deutscher Seite. Wie Chamberlain, der von Harris wie damals von der ganzen Welt gefeierte politische Held, sagen auch sie sich: Was immer geschieht, wir haben es immerhin versucht. Die Haltung zählt. Keiner kann behaupten, sie hätten nur zugesehen.

Robert Harris:

„München“. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München, 432 Seiten; 22 Euro.

Harris stellt sein Buch heute um 20 Uhr in der Münchner Hochschule für Musik und Theater München (Großer Konzertsaal), Arcisstraße 12, vor. Karten beim Literaturhaus unter: 089/ 29 19 34 27.

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