Aus der neuen Welt

von Redaktion

Pierre-Laurent Aimard und das Australian Chamber Orchestra

„Down Under“ kann musikalisch „obenauf“ bedeuten. Das bewies das Australian Chamber Orchestra beim ersten Abonnement-Konzert „Wiener Klassik München“. Wobei der Name irreführend ist, denn mit Bach leitete kein Wiener Klassiker, sondern der deutsche Meister in der spätbarocken „Kunst der Fuge“ den Abend ein. Im Stehen spielten die Musiker vor Notenpulten mit digitalen Partituren und mit unerhörter Dynamik: „Contrapunctus I“ wucherte orgelhaft farbig. Die Fuge im zweiten schwoll nach zartestem Themeneinsatz an wie ein Blasebalg, während der dritte Kontrapunkt als synkopisch gewebtes Netz die feine Akustik des Herkulessaales erschloss. „Contrapunctus IV“ wurde, ausschließlich gezupft und gesummt, zu einem flockig getupften Klangbild. So luftig und frisch interpretiert, können altbekannte Klänge tatsächlich als Neue Musik erlebt werden.

Das gilt auch für Mozarts Klavierkonzert Nr. 15 in B-Dur, das unter dem Avantgarde-erprobten Ausnahmepianist Pierre-Laurent Aimard zu einem Hörerlebnis wurde. Leichtfingrig gestaltete der diesjährige Empfänger des Siemens-Musikpreises die beiden rahmenden Allegri, frei von Pathetik das schwermütigere Andante des Mittelsatzes. Auch im abschließenden Streichquartett Nummer 13 in B-Dur von Ludwig van Beethoven zeigten die Australier, dass Wiener Klassik zeitgenössische Musik sein kann. In der Fassung für Streichorchester stimulierte Opus 130 die Hörgewohnheiten. Ungleich dichter als das Original trieb Konzertmeister Richard Tognetti sein Australian Chamber Orchestra von zartesten Zwischentönen in den Wahnsinn, der in der „Großen Fuge in B-Dur op. 133“ gipfelte. Allein der Umstand, dass der Saal bei diesen Musikern und mit solch einem Programm nur zur Hälfte gefüllt war, blieb ein Rätsel. Vielleicht müssen die Münchner noch lernen, dass „Down Under“ musikalisch „obenauf“ heißt. Anna Schürmer

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