Eine Frau ist ein Mann ist eine Frau

von Redaktion

Das arabische Märchen „König Hamed und das furchtlose Mädchen“ hatte an der Schauburg seine München-Premiere

Von Johanna Popp

Halb zehn an einem Vormittag ist eine ungewöhnliche Uhrzeit für eine Theaterpremiere, aber die Vorstellung ist gut besucht: Viert-, Fünft- und Sechstklässler strömen in den großen Saal der Münchner Schauburg, wo „König Hamed und das furchtlose Mädchen“ erstmals in München aufgeführt wird. Bei der Geschichte um den traurigen König handelt es sich um ein altes arabisches Märchen. Seine große Liebe hat dem Herrscher das Herz gebrochen, daraufhin verbannt er alle Frauen aus dem Reich und verliebt sich schließlich doch in das eine mutige Mädchen, das es wagt, als Mann verkleidet ins Land zu kommen.

Entsprechend traditionell werden, zumindest zu Beginn, vor allem Vorstellungen von Weiblich- und Männlichkeit verhandelt. Zwar werden diese Klischees – Frauen lieben das Kochen und Putzen, interessieren sich nur für Mode und Schmuck, quasseln pausenlos und werden vom Mutterinstinkt in die Zange genommen, sobald ein Kind den Raum betritt – heftig infrage gestellt, als die furchtlose Prinzessin Sherifa Hameds Reich besucht: Sie, die sich geriert wie ein Mann, lässt den misogynen König nicht nur an seiner eigenen Männlichkeit, sondern auch ein wenig an seiner sexuellen Orientierung zweifeln. Schließlich aber, als Sherifa enttarnt und Hamed endgültig in Liebe entflammt ist, zieht er das erleichterte – aus heutiger Sicht entschieden überholte – Fazit: Frauen sind eben doch für Männer gemacht, Männer für Frauen, ein Geschlecht ist nichts wert ohne das andere.

Regisseurin und Intendantin Andrea Gronemeyer erzählt also augenzwinkernd von Macho-Vorurteilen und deren Entlarvung durch eine Frau. Sie spielt mit Rollenzuschreibungen und wirft die Frage auf, ob typisch männliche oder weibliche Eigenschaften angeboren oder vielmehr gesellschaftlich vorgegeben sind. Sie hat sich aber offenbar bewusst dagegen entschieden, diese zentrale Aussage des Märchens zu sehr zu modernisieren, sondern traut dem jungen Publikum zu, den Transfer von tradiertem Geschlechterverständnis zu heutiger Lebenswirklichkeit selbstständig zu vollziehen. Dass dies überhaupt kein Problem ist, beweisen die Premierengäste in der Schauburg. Als König Hamed etwa verkündet, echte Tugend sei nur bei Männern zu finden, schnauben einige Mädchen im Publikum empört. Als drei Frauen sich über das ausschließlich von Männern bevölkerte Reich Hameds unterhalten, in dem es ihrer Ansicht nach furchtbar dreckig und chaotisch zugehen muss, tippen sich ein paar Buben an die Stirn. Und als die als Mann verkleidete Sherifa, ohne mit der Wimper zu zucken, männlicher auftritt als Hameds Gefolge und seine stümperhaften Versuche, sie in eine Falle zu locken und ihre wahre Identität herauszufinden, immer wieder ins Leere laufen lässt, johlt das Publikum. Man kann davon ausgehen, dass diese Kinder genau verstehen, wo König Hameds Denkfehler liegt.

Die unterhaltsame Inszenierung wiederum beweist, dass gutes Theater für ein junges Publikum weder aufwendige Kostüme noch Bühnenbild oder sogar Requisiten benötigt: Peter Hinz, Cédric Pintarelli und Uwe Topmann schlüpfen lediglich mithilfe eines unterschiedlich eingesetzten Tuchs in verschiedene Rollen, beschwören durch Trommeln, Singen und Zwischenrufe die Atmosphäre eines Marktes oder das Bild einer Karawane in der Wüste herauf und erzählen rhythmisch-szenisch und mit viel Humor nach, was der Ägypter Mohamed El Agrasy vom Bühnenrand aus in kehligem Arabisch vorgibt. Auch damit ist das Kinderpublikum keineswegs überfordert (das Theater empfiehlt den Besuch ab acht Jahren). Geduldig lauscht es der fremden Sprache, um sich dann wieder dem Geschehen auf der Bühne zuzuwenden. Und dort wird dann getanzt, gesungen, getrommelt und geliebt, dass es eine Freude ist. Die Premierengäste goutieren es mit kräftigem Applaus, Füßetrampeln und „Zugabe“-Rufen.

Weitere Vorstellungen

am 27. 28., 29. und 30. Januar; Telefon 089/ 23 33 71 55.

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