Vorweihnachtszeit – und es ballettet gerade sehr im Münchner Nationaltheater. Am vergangenen Sonntag: abends Christian Spucks „Anna Karenina“, die erste große Staatsballett-Premiere von Igor Zelenskys zweiter Spielzeit (s. oben), und praktisch als heißes Aufwärmen dazu morgens die Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung.
Der Applaus rauschte nur so für den Nachwuchs, der immer besser wird – unmittelbar zu sehen im eröffnenden „Klassenkonzert“ zu Czerny, Bach und Schostakowitsch (Victoria Dvoskina an der Violine, Mark Pogolski am Klavier). Fußschnelle Pas de bourrés, Sprünge, Pirouetten in allen möglichen Variationen und Pas-de-deux-Arbeit. Jan Broeckx, Leiter der Ballettakademie der Münchner Hochschule für Musik und Theater, und sein Stellvertreter Kirill Melnikow haben diese rasante (Ausbildungs-)Revue arrangiert. Und die ist für den Zuschauer gleichzeitig höchstes Vergnügen und Schule des (Ballett-)Sehens. Danach folgen wohlausgewogen zwischen Klassik und Moderne sechs Nummern: paritätisch verteilt auf Jan Broeckx’ Akademiestudenten und Ivan Liškas Bayerisches Jugendballett (zuvor Junior Company/Staatsballett II). Die beiden kommen offensichtlich gut miteinander aus, wie auch aus ihrer Duo-Moderation herauszuhören war.
Zuerst zu den Akademie-lern: Grund-, Mittelstufe und Bachelor 1, blitzsauber in den Füßen und dabei anmutig in der Allüre, machen die „Vivaldi-Suite“ von Stefania Sansavini und Valentina Falcini zu einem grazilen höfischen Ballett. Und dann Violetta Keller! Ihre Technik, vor allem ihre flammende Hingabe fielen schon im „Klassenkonzert“ ins Auge. Und so wie sie Alexander Gorskis „Russischen Tanz“ gestaltet: Mit von innen heraus leuchtenden Ports de bras, die uhrwerkspräzisen Pirouetten fast als Beigabe servierend, wird sie auf dem gerade anvisierten Wettbewerb wahrscheinlich nicht ohne Preis ausgehen. In der zeitgenössischen Kreation „Nullpunkt“ von Akademie-Pädagoge David Russo fühlt sie sich ebenfalls zuhause. Sie, Severin Brunhuber und Diego Urdangarin Ferreira bilden in ihrer ständig sich sportlich ineinanderschiebenden und verkettenden Bewegung so etwas wie einen tanzenden Zauberwürfel.
Nachdem das Jugendballett den technisch hochanspruchsvollen Pas de six aus Ray Barras „Schwanensee“ (1995 fürs Staatsballett, ebenfalls 1991 „Don Quijote“, 2001 „Raymonda“) schwebeleicht präsentiert hat, wartet diese charismatische Truppe mit gleich zwei Neuschöpfungen auf: „Stimmenstrahl Trio“ von Ex-Staatsballett-Mitglied Maged Mohamed und „Der Zar will schlafen“ der beiden von Liška beauftragten Tschechen Ondřej Vinklát und Štepán Pechar. Ersteres ist eine zumeist lyrisch fließende, pointiert skulpturale Choreografie für drei Tänzer. Die Arbeit zu Liška Wunschmusik, Prokofjews „Leutnant Kijé“, Suite op. 60, entwickelte sich mit zwölf Jugendballettlern zu einer gelungenen Satire auf hirnlose Potentaten, choreografisch von osteuropäischem Theater inspiriert, auch rückerinnernd an Oskar Schlemmers marionettenhafte Bauhaus-Tänze, in denen Ivan Liška in den Siebzigerjahren selbst brillierte. Nicht versäumen!
Nächste Vorstellung
am 3. Dezember, 11 Uhr; Karten über Bosl-Stiftung Telefon 089/ 33 77 63; tickets@ballettstiftung-heinz-bosl.de oder bosl-matineen-ds@online.de.