Szenen einer Ehe

von Redaktion

Das Bayerische Staatsballett feierte die München-Premiere von Christian Spucks Choreografie „Anna Karenina“

Von Malve Gradinger

Jubel im Münchner Nationaltheater. Das war vorauszusehen bei Leo Tolstois „Anna Karenina“. Mit Stars wie Greta Garbo, Vivien Leigh und jüngst Keira Knightley landete sie auf der Leinwand, war Stoff für Tanzschöpfer wie Maja Plissetzkaja, Alexei Ratmansky und heuer auch Altmeister John Neumeier. 2014 choreografierte der stetig aufstrebende Christian Spuck (Jahrgang 1969) aus der Stuttgarter Talentschmiede eine Version für sein Ballett Zürich, die bereits Ensembles in Moskau und Oslo übernommen haben und die jetzt vom Bayerischen Staatsballett in Premieren-Hochform getanzt wurde. Ballettchef Igor Zelensky, strategisch gezielt auf gute Auslastung bedacht, kann somit erfolgsgepolstert in seine zweite Münchner Spielzeit starten.

Leo Tolstois 1000-Seiten-Roman von 1875/77 ist mehr als nur eine im 19. Jahrhundert zum Scheitern verdammte Liebesgeschichte. Aber man kann Spuck schwerlich vorwerfen, er habe Tolstois Gesellschaftstheorien und -kritik ausgeklammert. Für die Bühnenumsetzung solcher Themen sind Tanztheater-Berserker à la Hans Kresnik eher zuständig. Es war Christian Spucks Entschluss, sich auf die (Haupt-)Paarbeziehungen zu beschränken. Dabei werden grundlegende Fragen der Ehe angesprochen, vielleicht nicht die Fragen von Tolstois Moral des 19. Jahrhunderts, aber doch des geschuldeten Respekts gegenüber dem Partner und der existenziellen Vernunft.

Spucks Stiwa Oblonski gönnt sich testosterongesteuert rücksichtslos Ausschweifungen mit weiblichem Dienstpersonal. Er und seine gedemütigte Dolly, ideal besetzt mit Tigran Mikayelyan und Ivy Amista, fechten ihren Ehekrieg in scharf-dramatischen Pas de deux aus. Die wegen Wronskis Liaison mit Anna tief verletzte Kitty wird geheilt durch die Werbung des bodenständigen Lewin. Diese Verbindung hielt Tolstoi für vorbildlich. Sehr berührend gestaltet wird das Paar von Laurretta Summerscales mit ihrer jungmädchenhaften luftigen Qualität und Jonah Cook, einem Tänzer, der schon im Bewegungsansatz den ganzen Raum nimmt. Als naturverbundener Gutsbesitzer Lewin hat Cook eine Sonderrolle: Wenn Spuck insgesamt seiner Neoklassik eine weit ausschwingende moderne Linie gibt – Partnergriffe und -hebungen sind nie quasi Bolschoi-artig ausgestellt, sondern immer im Fluss –, dann springt er in der Landgut-Szene voll in die Moderne. Und in der Moderne ist Cook mit weiteren neun Tänzern bei der rhythmischen Heumahd, vor allem in seinen geradezu raumverschlingenden Soli ganz in seinem Element. Sichtbar hier, dass Spuck vor seinem Tänzer-Engagement in Stuttgart und seinem Beginn dort als Hauschoreograf vorab auch zeitgenössisch geprägt wurde, speziell in den Brüsseler Compagnien von Jan Lauwers und Anne Teresa de Keersmaeker.

Zeitgenössisch wirkt auch die Musik-Collage, in der Sergej Rachmaninow mit Witold Lutoslawski, Sulkhan Tsintzadze und Josef Bardanashvili gebrochen wird. Bewundernswert ist Spucks minutiöse musikalische Suche, inspiriert sicher auch von seinen diversen Operninszenierungen. Letztlich trägt und stützt die Musik jede Stimmung. Zu würdigen wusste dies auch das Staatsorchester unter Robertas Servenikas. Zeitgenössisch wirkt ebenfalls die bis auf ein paar Birkenstämme schmucklose Bühne, gleichermaßen die Projektion des ratternden, dampfenden Zuges und geradezu neuzeitlich filmisch der sich am Boden wälzende außereheliche Liebesakt von Anna und Wronski. Da geht Spuck deutlich einen Schritt weiter als seine Lehrmeister Cranko und Neumeier.

Dramaturgisch hat er von ihnen gelernt. Der Beginn mit der in düsteres Schwarz gekleideten Familienaufstellung erinnert an die Trauer-Eingangsszene von Neumeiers „Kameliendame“. Auch die räumlich effektvoll arrangierten Tanz-Bälle in jeweils hinreißenden taftschillernden Roben fungieren bei Spuck als (aus-)schmückende Übergangsszenen. Aber sehr klug bilden sie doch auch – entsprechend Tolstois Spiegelung der Protagonistenschicksale in der Umwelt – die bewusst mitwirkende, beobachtende und richtende Gesellschaft ab.

Und das Liebesdrama? Ja, man erlebt durchaus, wie die Anna von Zelenskys Primaballerina Ksenia Ryzhkova, technisch souverän, jung und schön wie Tolstois Figur, zerrissen ist zwischen ihrer Liebe zu Wronski und der Sehnsucht nach ihrem Sohn. Man sieht, genauer, man sieht förmlich zu, wie sie um diese Rolle ringt. Aber noch hat sie diese Anna nicht wirklich in sich gespürt. Auch der junge Erik Murzagaliyev, zuverlässig wohl, hat noch nicht das darstellerische Gewicht für den knochentrockenen Staatsbeamten Karenin. Und Ex-Royal-Ballet-Solist Matthew Golding, zurzeit freischaffend, hätte für sein erstes München-Gastspiel gleich mit dem Wronski-Debüt vielleicht noch etwas mehr Zeit gebraucht. Es wird blendend getanzt, auch gespielt, aber nicht so, dass es uns leidenschaftlich unter die Haut geht. Dennoch: Wer, außer Spuck – nach Cranko, Neumeier, nach Frederick Ashton und Kenneth MacMillan – choreografiert heute noch Handlungsballette von bleibendem Wert? Ein Gewinn ist diese Übernahme auf jeden Fall, an der das Staatsballett nur noch wachsen kann.

Nächste Vorstellungen

am 25.11., 1.12.; Karten 089/ 2185-1920.

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