40 Flüchtlingscamps in 23 Nationen, Interviews mit 600 Menschen, 900 Stunden Filmmaterial – besucht, geführt, produziert innerhalb eines Jahres. Solche Zahlen sagen viel, aber nicht genug über die weltumspannende Migrationsdokumentation „Human Flow“ von Ai Weiwei, die gerade im Kino zu sehen ist. „Wir können die Welt als eine Stadt betrachten“, so der Künstler im Interview. Dann stehe „Human“ für eine gewaltige gemeinsame Geschichte. Und „Flow“ sei als Studie zu verstehen, als Stadtplan.
-Können Sie heute sagen, wo der Weg von 65 Millionen Menschen auf der Flucht enden wird?
Niemand kann absehen, wo es enden wird. Denn niemand weiß – oder will es wissen –, wie es angefangen hat. Das war der Grund für unsere Recherche. Der „Human Flow“ ist so alt wie unsere Welt. Immer schon, seit Jahrtausenden, waren Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen, in unbekannte Länder aufzubrechen, sich auf gefährliche Reisen einzulassen, alles aufzugeben, ihre Hoffnung, ihr Leben.
-Begonnen hat „Human Flow“ Anfang 2016 auf Lesbos, fertig war der Film Mitte 2017. Wie konnten Sie in all der Zeit das Leid, Elend, den Schmerz so vieler Menschen ertragen? Indem Sie bei ihnen waren, helfend?
Natürlich haben wir geholfen, aber nicht genug, es sind zu viele. Es war eine harte Reise, und es war nicht leicht, so viele Menschen in Schmerz zu sehen. Selbst wenn sie in eine gesicherte Gegend gelangen, ist ihr Leben erbärmlich: Sie werden nicht wirklich akzeptiert, sie haben keine Identität, keinen Schutz, keine Würde, ihr Leben ist verschwendet. Im Durchschnitt hat ein Flüchtling 20 Jahre lang, oft über drei Generationen hinweg, keine Sicherheit. Es ist eine extrem komplexe und schwierige Situation.
-Kritische Stimmen sprachen von Selbstinszenierung, weil Sie im Film auch vor der Kamera auftauchen.
Ich hätte nicht gedacht, dass das ein Problem sein könnte. Ich bin selbst Flüchtling, seit ich auf der Welt bin. Mein Vater wurde für 20 Jahre ins Exil geschickt. Ich fühle mich als Teil der großen Flüchtlingsfamilie. Egal wo, ich mag es, mit ihnen zu sprechen, zu scherzen, Haare zu schneiden, meine Haare schneiden zu lassen. Ich empfinde nichts Gefährliches oder Fremdes, ich verstehe sie sehr gut.
-Es gibt eine Szene in Idomeni, da tauschen Sie im Spaß mit einem syrischen Flüchtling die Pässe. Wie kam es dazu?
Wissen Sie, diese Flüchtlinge tragen ihre Pässe in Plastik gewickelt an ihrem Körper. Wenn sie dann nach Europa kommen, kümmert es allerdings niemanden, woher sie kommen, sie sind einfach Flüchtlinge. Mein Pass wurde mir von den Behörden weggenommen. Nur drei, vier Monate, bevor ich diese Flüchtlinge getroffen habe, bekam ich ihn wieder. Also haben wir Scherze darüber gemacht. Wir haben über Identität und Selbstverwirklichung gesprochen. „Dann musst Du mein Zelt nehmen.“ Diese Zelte haben nichts mit humanen Lebensbedingungen zu tun: im Wasser, im Matsch, im Regen, ohne Licht. Sie wohnen darin Monate, nass und kalt. Er lachte, und ich sagte, ich hätte ein großes Studio in Berlin, er müsse kommen. Was nicht möglich ist, denn sie dürfen nicht reisen.
-Der deutsche Begriff „Heimat“ ist im Filmuntertitel erwähnt. Was bedeutet Ihnen Heimat?
(Seufzt.) Es bedeutet einen Platz der Unterdrückung. Mein Vater wurde bestraft, wir dürfen nicht frei reden, mein Name darf nicht im Internet erscheinen, ich wurde geschlagen, eingesperrt und angeklagt. Deswegen habe ich keine Heimat.
-Könnten Sie sich eines Tages in Berlin zu Hause zu fühlen?
Das ist schwierig. Berlin war sehr gut zu mir, ich bin Professor, habe ein Studio und eine Menge leidenschaftlicher Kollegen. Aber ich spreche kein Deutsch und bin zu alt, um eine neue Sprache zu lernen. Ich bin froh, dass mein Sohn hier in Berlin Deutsch lernt – er ist der Grund, warum ich nach Deutschland gegangen bin.
-Also könnten Sie sich Deutschland als Heimat vorstellen?
Ja. Ja, das könnte ich.
-Ihr 140-Minuten-Werk ist bildgewaltig, aber wortkarg. Einige Fakten, Zitate, Expertenmeinungen. Umso auffälliger, dass Sie gleich im ersten Viertel Angela Merkel zitieren: „Wir schaffen das.“ Warum?
Merkels Zitat ist wichtig und historisch. Und die Deutschen haben da eine recht mutige Entscheidung getroffen, was ihre Hauptrolle im Europa des 21. Jahrhunderts unterstreicht. Es war ja begründet, was Obama einmal gesagt hat: „Merkel steht auf der richtigen Seite der Geschichte.“ Indem sie die menschlichen Grundrechte, die Conditio humana, die menschliche Würde verteidigt hat, ist sie mit gutem Beispiel vorangegangen. Trotz der enormen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Problem hat sie nie wirklich ihre Meinung geändert. Das hat ihr in der Welt viel Respekt eingebracht.
-Manche sagen, das Leben sei eine Kunst, „Die Kunst des Lebens“. Sehen Sie das auch so?
Ich stimme dem zu, aber es kommt darauf an, von welcher Art Leben Sie sprechen. Ein Leben voller Fantasie und Mut wird zu einer Form von Kunst. Weil es kreativ ist. Der Mensch hat großes Potenzial dazu, jeder, jeden Tag. Eines Tages wird er dafür belohnt werden. Wenn das keine Kunst ist, dann gibt es keine Kunst.
Das Interview führte Teresa Grenzmann.