Derselbe Name ist es, doch unterschiedlicher könnten die Lebensläufe und Charaktere nicht sein. Hier Georg Hartmann, politisch unbelastet und offen für die Moderne, der als Intendant nach dem Zweiten Weltkrieg die Bayerische Staatsoper übernahm. Und dort Rudolf Hartmann, der ihm 1952 folgte, ein Regisseur und Intendant, der sich während der braunen Jahre beschmutzte, nichts dagegen hatte, als Günstling der Nazis betrachtet zu werden und schwärmerische Briefe an den „Führer“ schrieb.
Am Gegensatz dieser beiden Personen lässt sich beispielhaft ablesen, in welchem Spannungsfeld sich die Bayerische Staatsoper bewegte. Keine Stunde Null also auch hier. Und einer groß angelegten Studie ist es nun zu verdanken, dass sich dies alles nachlesen lässt. Vier Jahre lang beschäftigte sich das Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität mit Kontinuitäten und – erstaunlich wenigen – Brüchen an der Staatsoper. „Wie man wird, was man ist“, so der Titel der Publikation, ist mehr als staubige historische Analyse. Mit reichhaltigem Bildmaterial aus Inszenierungen, Künstlerporträts oder Fotos von Zerstörung und Wiederaufbau wird die Geschichte des Hauses in jenen Schlüsseljahren zwischen 1933 und 1963 dokumentiert. Federführend war Professor Jürgen Schläder, sechs weitere Autoren haben mitgewirkt.
Das Buch befasst sich – neben historischen Bewertungen – auch stark mit ästhetischen Einordnungen. So wird zum Beispiel mittels ausführlichen Zitaten aus den Kritiken das Festival zur Wiedereröffnung des Nationaltheaters beleuchtet. Viel erfährt man über den Stil von Regie und Szenerie, so weit geht dies, dass manchmal der eigentliche Forschungsgegenstand aus dem Blick gerät. Der multiperspektivische Ansatz steht dem Ansinnen der Autoren und Auftraggeber etwas im Weg. Gleichwohl verführt der umfangreiche Band zum Eintauchen in eine Epoche, die in manchen Aspekten merkwürdigerweise noch nie so detailliert dargestellt wurde.
Teilweise wird dies an einzelnen Protagonisten festgemacht. Dass Komponisten wie Richard Strauss, Carl Orff und Werner Egk im Zwielicht schillerten, wusste man. Nicht allerdings, wie schnell politisch Unbedenkliche abserviert wurden. Auch deshalb wurde die Porträtgalerie des Nationaltheaters nun um ein Bild von Georg Hartmann ergänzt – und lädt ab sofort auch mit Audioguides zum akustischen Kennenlernen der Staatsopern-Größen ein.
Jürgen Schläder u.a.:
„Wie man wird, was man ist“. Henschel Verlag, Leipzig, 456 Seiten; 29,90 Euro.