Verklärter Augenblick

von Redaktion

„Quatuor Ebène & Friends“ boten Sciarrino, Jazz und Schönberg

Der Münchner Herkulessaal ist dunkel wie die Nacht, die das Konzert „Quatuor Ebène & Friends“ motivisch prägt. Nur die Pultleuchten erhellen die Szenerie, in der das französische Ausnahmequartett zunächst die Statistenrolle übernimmt. Aus dem Schatten tritt Antoine Tamestit, hebt seine Bratsche an die Schulter und beginnt mit gedämpft virtuosen Flageoletts Salvatore Sciarrinos „Ai limiti della notte“, ein karg wie der Mond schimmerndes Rezital. Als die Viola verstummt, antwortet Nicolas Altstaedt am Solo-Cello mit den „Trois strophes“ von Henri Dutilleux. Auch hier dominieren verschattete Virtuosität und eine fragile Ästhetik, die das Quatuor Ebène mit dem Streichquartett „Ainsi la nuit“ ins Kammermusikalische überführt. Es ist keine gefällige Kost, die Quatuor Ebène und ihre Freunde dem Publikum im ersten Teil kredenzen, aber ein ambitioniertes Programm von hoher Musikalität und Stringenz, die sich im zweiten Teil fortsetzt.

Nach der Pause wird das Quartett (Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Marie Chilemme, Raphaël Merlin) durch Tamestit und Altstaedt zum Sextett aufgestockt und mutiert zur Jazzformation. Kein populistisches Crossover ist ihr hochsensibel abgehörtes Medley von Jazzklassikern wie „Round Midnight“, vielmehr schließen die komplex verschachtelten Arrangements unmittelbar an das silbrige Nachtstück vor der Pause an und leiten nahtlos über in eine somnambule Klangverzauberung an der Schwelle zur Moderne: Kaum noch ahnt man in Arnold Schönbergs op. 4, dem Streichsextett „Verklärte Nacht“, den atonalen Neuerer der Musik. 1899 warf der Komponist einen letzten, zärtlich verschatteten Blick auf eine untergehende Epoche und stürmte zugleich nach vorne. Als eine Einheit aus Individuen treten alle sechs auf und intonieren das Schwellenstück eines ‚Nicht-mehr-und-noch-nicht‘ mit einer solchen Intensität, dass der verklärte Augenblick noch lange in die Nacht ausstrahlt. Anna Schürmer

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