Es ist natürlich löblich, dass die Münchner Kammerspiele an Lion Feuchtwangers Werk erinnern, insbesondere an den Roman „Exil“ – jetzt, in Zeiten tief erschütternder Fluchtbewegungen. Regisseur Stefan Pucher, der seit gut zehn Jahren immer wieder für die städtische Bühne gearbeitet hat, nahm sich zusammen mit dem Dramaturgenteam Tarun Kade und Malte Ubenauf den 780-Seiter von Feuchtwanger (1884-1958) vor. Das Drama „Wartesaal“ hatte am Samstagabend seine Uraufführung (dreieinhalb Stunden).
Der jüdische Münchner, der ganz knapp der Vernichtung durch die Nazis entkam und von 1933 bis zum Tod im Exil lebte, schrieb den Roman von 1935 bis 1939. Er ist gegliedert in die Teile „Sepp Trautwein“, „Pariser Nachrichten (die Emigrantenzeitung) und „Der Wartesaal“. Dieses Symbol für die Situation der Geflüchteten erhebt Feuchtwanger in seinem Nachwort vom Herbst 1939, als der Zweite Weltkrieg bereits ausgebrochen war, zum Titel eines Historien-Zyklus’ aus „Erfolg“, „Die Geschwister Oppermann“ und eben „Exil“. Der Schriftsteller formt darin aus Fakten und Fiktionen, aus Persönlichkeiten, Schicksalen und Anekdoten ein breit angelegtes Geschichtspanorama. Das Geflecht aus Episoden soll die eigentlichen historischen Wirkmächte sichtbar machen, ohne zu simplifizieren. Das ist für die Bühne nicht zu leisten, außer man ist ein Shakespeare oder Goethe.
Pucher und Co. haben viele Elemente aus dem Roman-Dreiteiler zu einem Stück montiert, aber ein Gesamtbild von Gewicht entsteht nicht. Wir erleben als Zuschauer höchstens mit, dass es die Exilanten in Paris ganz munter treiben, dass es dort vor allem Nazi-Opportunisten gibt und charmante Frauen. Alles, was Tiefe hat, sind die längeren Passagen aus Feuchtwangers Werk. Sie werden an den Kammerspielen notdürftig vorgetragen, dramatisch und schauspielerisch jedoch nicht beglaubigt. Man hat den Eindruck, dass Regisseur und Darsteller nicht mit den Proben fertig geworden sind. Die Schauspieler schaffen es gerade so, durch ihre Dialoge oder Monologe zu kommen. An ein homogenes, gar intensives Ensemblespiel ist nicht zu denken; auch weil jeder Künstler anders agiert.
Samouil Stoyanov spielt einen Laienakteur, der einen tollpatschigen Knuddel-Emigranten gibt. Der herausragende Komponist, der tapfere Demokrat und der dumme Ehemann gehen dabei unter. Julia Riedler setzt bei ihren drei Rollen, der Nazi-Geliebten Lea, der reichen Exilantin Ilse, deren Mann die Nazis entführt haben, und des verzweifelten Dichterjünglings Meisel, auf ihre gute Bühnenpräsenz, die allerdings unter schludrigem Handwerk, wie man es von Fernsehschauspielern gewohnt ist, leidet. Genauso bei Daniel Lommatzsch und Jan Bluthardt, die die intriganten NS-Nutznießer geben.
Alte Hasen wie Jochen Noch, Stefan Merki und Walter Hess halten offenbar selbstverantwortlich ihr Niveau und schlagen da und dort hübsche Miniaturen aus dem „Drama“. Ähnlich halten es Maja Beckmann und Zeynep Bozbay. Sie verteidigen mit redlichem Spiel die redlichen Frauen, die sie porträtieren. Annette Paulmann ist die sichere Bank der Kammerspiele. Deswegen hat Pucher ihr als Erzählerin die längsten Textstrecken aufgebürdet. Natürlich schafft sie das, aber die Durchdringung fehlt. Der Regisseur hat sie wie alle anderen im Stich gelassen. In peinlichem Kontrast zu dem Nichtstun steht der Aufwand für die Kostüme von Annabelle Witt und vor allem für die Kulisse. Barbara Ehnes hat einen gekachelten Art-déco-Wartesaal auf die Schauspielhausbühne gebaut, aus dem sich obendrein eine Art Galerie (Zeitungsredaktion, Trautweins Domizil) vor- und zurückschieben lässt. Darunter sieht man geduckte Exilanten und Leas Salon mit „entarteter Kunst“. Hier kraucht außerdem Ute Schall mit ihrer Kamera herum, denn ein Großteil der Aufführung wird projiziert: in Schwarz-Weiß, damit das Dreißigerjahregefühl aufkommt. Was hingegen tatsächlich aufkommt, ist Verdruss über Filmchen, die plump gemachte TV-Geschichtsdokus zitieren. All diese abgestandenen Verfremdungseffekte zeigen vor allem eines: die Mikroports in den Gesichtern der Schauspieler. Will Stefan Pucher sie lächerlich machen?
Nächste Vorstellungen
am 2., 3., 21. und 29. Dezember; Karten: 089/ 23 39 66 00.