Cameron Carpenter,
Philharmonie
Auf der Bühne der Münchner Philharmonie steht ein Ungetüm. Schwarz und so groß wie ein Flügel wirken die fünf von bunten Registern eingefassten Manuale wie ein riesiger Synthesizer. Eingerahmt wird alles von Orgelpfeifen-Boxen – der Altar eines Technotempels. Nur noch entfernt erinnert das Gerät an seine royale Orgel-Verwandte auf der Empore. In schwarzen Röhrenjeans besteigt Cameron Carpenter seine „International Touring Organ“ wie ein Prinz seinen Schimmel.
In zartem Trab beginnt er seinen Ausritt mit „In dulci jubilo“ aus Bachs Orgelbüchlein. Alles steigert sich zum immer wilderen Ritt und mündet in ein Schallwellen-Delirium. Bereits in diesem Einstieg steckt alles, was die Kunst des US-Amerikaners ausmacht. Mit sportiver Eleganz und unbändigem Spieltrieb holt er aus seiner Wunschmaschine alles heraus: zarteste Linien und ohrenbetäubende Klangmassen, feine Registerwechsel und synthetische Imitationen eines ganzen Orchesters.
Carpenters Improvisationen und Bearbeitungen sind hochmusikalische Effekthascherei in der Tradition von Teufelsinterpreten wie Paganini oder Liszt, während seine schlanken Beine auf den Pedalen Stepp und Tango tanzen. Ob Marcel Dupré, Louis-Claude Daquin, Max Reger oder Olivier Messiaen: Dieser Prinz reitet durch die Musikgeschichte und drückt jeder Epoche seinen unverwechselbaren Stempel auf, bevor er nach der Pause zum Illusionisten wird.
Tschaikowskis „Blumenwalzer“ wird da zum Jahrmarkt der Klänge, bevor es Cameron Carpenter weihnachten lässt. Nach einem Potpourri mit „Christmas from the Golden Age of Radio“ bis zum Medley über deutsche Weihnachtslieder feiert ihn das Publikum frenetisch. anna schürmer