Ach wie putzig! Richtig puppenstubig sehen sie aus, all diese kleinen Stühlchen, mit denen die Rotunde im zweiten Stock der Münchner Pinakothek der Moderne möbliert ist. Aber es sind eben Kinderstühle aus den vergangenen 200 Jahren, die da von der Neuen Sammlung präsentiert werden. Die Bandbreite reicht von der Miniaturausgabe des rustikalen Bauernstuhls mit Herzerl in der Lehne bis zum Hocker „Plopp“, einem silberglänzenden Ding aus poliertem Stahlblech, das aussieht, wie ein Luftballon von Jeff Koons. Mehr Spaß haben Kinder aber vielleicht mit dem schlichten grünen Styropor-Stuhl, den man auch problemlos durchs Wohnzimmer werfen kann, ohne dass viel zu Bruch geht.
„…nur Stühle?“ heißt folgerichtig diese Stühlchen-Schau mit Exponaten aus der Privatsammlung der Münchnerin Gisela Neuwald. Denn Kinderstühle gehören zu jenen Gebrauchsgegenständen, an denen nicht nur der reine Design-Aspekt interessant ist, sondern die durch ihre spezifische Gestaltung auch besonders viel an kulturgeschichtlicher Information mitliefern. Lässt sich an ihnen doch ablesen, wie die Erwachsenenwelt zu verschiedenen Zeiten das Sitzen und damit das Leben des Nachwuchses prägen wollte. Vornehmer formuliert: welche „Konzepte von Kindheit“ in unterschiedlichen Epochen und Kulturen entworfen wurden. Oder welche Ideologie von Erziehung wann und wo herrschte.
Einen eher autoritären Geist meint man, beispielsweise aus dem chinesischen Kinderstuhl-Kasten von 1840 herauslesen zu dürfen. Äußerlich zwar hübsch verziert, sieht dieses Buchsbaum-Möbel doch einem Käfig verdächtig ähnlich. Der kleine Schaukelfauteuil hingegen, der in Österreich um 1885 aus Bugholz, also im Thonet-Stil industriell gefertigt wurde, aber trotzdem wohl nur für die gehoben Stände erschwinglich war, weist dem Nachwuchs eindeutig die Prinzen-Rolle zu. Als maßstabsgetreu verkleinerte Kopie eines Möbels für Erwachsene, setzt es das Kind ganz selbstverständlich in die Nachfolgeposition eines k.u.k.-Oberschicht-Vertreters ein. Ähnliche dynastische Vorstellungen verraten all jene moderneren Kindermöbel, die einfach verkleinerte Ausgaben schicker Designer-Stücke sind. So etwa der Metallgitter-Stuhl im damals angesagten futuristischen Look, der 1962 in New York entstand.
Eine Art weltanschaulichen Gegenentwurf dazu bilden Stühle im knuffigen Holzspielzeug-Stil mit abgerundeten Ecken, der teilweise bis in die Siebziger prägend blieb, aber bereits im Skandinavien der Vierzigerjahre aufkam. In ihnen verbinden sich Vorstellungen von gutem Handwerk und Natürlichkeit mit dem humanen Ideal des Kindgerechten, sodass sie wie ein Bindeglied zwischen der Lebensreform-Bewegung um 1900 und den Öko-Trends des späten 20. Jahrhunderts wirken. Auf solchen Stühlen hatten die Grünen der Achtziger einst ihre Kindheit abgesessen. Deutlich knalliger ist da natürlich die orangefarbene Pult-Sitz-Kombination des Star-Designers Luigi Colani: ein witziges Plastiktrumm, auf das man sich richtig, aber vor allem auch verkehrt herum setzen kann – um sich vermutlich wie ein Reiter zu fühlen oder wie ein Motorradfahrer auf seinem Feuerstuhl.
Bis 4. Februar,
Di.-So. 10-18 Uhr, am Do. bis 20 Uhr; 089/ 23 80 53 60.