Im Irrenhaus Amerika

von Redaktion

Solide, sehr unterhaltsam und teilweise krawallig: Neil Youngs Album „The Visitor“

von werner herpell

In seiner Widerborstigkeit bleibt Neil Young unbeirrbar. Seit Jahrzehnten arbeitet sich der famose Sänger, Songwriter und Gitarrist an der US-Politik ab, dabei keineswegs immer subtil. Youngs aktuelles Album „The Visitor“ ist ein weiteres Beispiel für die Protesthaltung des schon zu Lebzeiten legendären Musikers. Eines möchte er dabei klarstellen: „Ganz nebenbei: Ich bin Kanadier/und ich liebe die USA“, so die übersetzte erste Textzeile im derb rumpelnden Eröffnungssong „Already great“. In Sachen Patriotismus will sich der in Toronto geborene, seit den Sechzigerjahren in Kalifornien lebende Young nichts vormachen lassen.

Donald Trumps Amerika hält der 72-Jährige mit dem Albumcover einen Spiegel vor: Es zeigt eine Mauer. Der US-Präsident und seine Abschottungsdoktrin bekommen gleich mehrfach ihr Fett weg. Trotz aller Wut klingt auf dieser Platte oft die Wehmut eines Mannes durch, der seine Hippie-Ideale in Gefahr sieht. Auch andere Lieder wie das umweltbewegte „Stand tall“, das hymnische „Children of Destiny“ oder das zornbebende „When bad got good“ über Trump als Oberlügner zeigen: Young schwankt derzeit zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Musikalisch ist „The Visitor“ ein Kessel Buntes – eine Platte so abwechslungsreich wie wenige der (zu) vielen Young-Alben der vergangenen 15 Jahre, aber auch wieder etwas ziellos.

Mit seiner neuen Lieblingsbegleitband Promise of the Real, den jugendlichen Nachfolgern der alternden Garagenrock-Kumpels von Crazy Horse, hat Young zehn Songs eingespielt, die manch Altbekanntes zitieren, aber teilweise doch überraschen. So wirken die melancholischen Folkballaden wie Rückgriffe auf die formidablen Countryrock-Werke „Harvest“ und „Harvest Moon“. Andere kommen als typisch breitbeiniges Neil-Young-Gitarrengebratze daher – auf die Live-Versionen dieser wuchtigen Brocken darf man sich freuen. „Carnival“ hingegen verblüfft mit Latin-Rhythmen und Mariachi-Flair, dazu wird diabolisch gelacht – eine beißende Satire auf ein Irrenhaus-Amerika, das die Mexikaner loswerden oder gleich ganz draußen halten will.

„The Visitor“ ist ein musikalisch solides, sehr unterhaltsames Album und eine teilweise krawallige Abrechnung mit dem rechtspopulistischen Zeitgeist. „Wo ist denn heute der Protest?“, fragte Young schon vor knapp zehn Jahren im „Spiegel“-Interview. Und antwortete selbst: „Der einzige Protest geht von einem Haufen alter Leute aus, die sich noch einmal erinnern, worum es früher mal ging.“ Es ehrt den Kanadier, dass er jetzt als Ü-70-Rocker die Flagge der Althippies und Linkspatrioten hochhält.

Neil Young:

„The Visitor“

(Warner/ Reprise).

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